Notstand in Vancouver

16. Juni 2011 19:24; Akt: 16.06.2011 20:15 Print

«Das ist doch völlig geisteskrank»

von Jürg Federer, USA - Plünderungen, 140 Verletzte, eine Million Sachschaden und Vorwürfe an die Polizei - das ist die traurige Bilanz des Stanley-Cup-Finals in Vancouver.

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Die Stadt Vancouver erwacht in diesen Stunden aus dem Stanley Cup-Trauma von letzter Nacht, als die Massen von 70 000 vorwiegend friedlichen Fans die Strassen von Vancouver blockierten und so Ausschreitungen von einzelnen Gruppen ermöglichten, zu denen die Polizei und auch die Sanitäter lange nur schwer Zugang hatten (20 Minuten Online berichtete). Während 18 860 Eishockeyfans in der Rogers Arena dem Stanley Cup Sieger Boston Bruins mit einer Standing Ovation fair gratulierten, zeigte sich vor dem Stadion und in der Stadt Vancouver ein anderes Bild: Wie schon 1994, als die Vancouver Canucks zum letzten Mal im Stanley Cup Finale standen und gegen die New York Rangers verloren, lösten einige Brandherde von randalierenden Gruppen eine Kettenreaktion von Plünderungen und Gewalt aus.

Nur wenige Ladenbesitzer in Vancouvers «Fanmeile» erinnerten sich an die Ausschreitungen vor 17 Jahren und verbarrikadierten ihre Schaufenster und Ladeneingänge vorsorglich – trotz zuvor drei friedlichen Stanley Cup Parties im Rahmen der NHL Finalspiele 2011. Die anderen lokalen Geschäfte wurden in der Nacht auf Donnerstag von einer Welle der Gewalt heimgesucht. In einer kanadischen Luxuswarenkette schlugen wütende Randalierer die Schaufenster ein, die darauf folgenden Massen plünderten den Laden und liefen mit T-Shirts oder teuren Kosmetikartikeln davon.

Fanvideos als Ermittlungsgrundlage

Kurz nach dem Ausbruch der Gewalt sprach die Polizei eine Zehnminuten-Warnung aus und forderte die Besucher auf, die Innenstadt in diesem Zeitrahmen zu verlassen. Vor dem Hintergrund der geschätzten 70 000 Besucher der Fanmeile ein unmögliches Unterfangen, zumal die Krawalle viele Busrouten aus der Innenstadt blockierten und die Stadt die Brücken in und aus dem Bezirk der Gewalttaten schloss. Vancouvers Polizei ist mit dem Vorwurf konfrontiert, die Gewaltbereitschaft einiger Besucher der Fanmeile unterschätzt zu haben, doch diesen Vorwurf weist Polizeisprecherin Jana McGuinness entschieden von sich. «Wir sind uns dem Gefahrenpotential von Menschenmassen sehr wohl bewusst und wir waren darauf vorbereitet», sagt sie gegenüber dem TV-Sender CTV.

Alkohol sei als Ursache für die Krawalle nicht auszumachen, die ausgeschenkten Mengen an Bier seien unter dem Durchschnitt der letzten Stanley Cup Parties gewesen. Es sei, so McGuinness, aufgrund der Menschenmassen, die sich zum Zeitpunkt der Krawalle in Vancouver befunden hätten, schlichtweg unmöglich gewesen, zu den Brandherden vorzurücken. Der Vorwurf, die Rückzugswege geschlossen zu haben, steht aber nach wie vor im Raum. Viele Besucher der Fanmeile von Vancouver erschwerten so gewollt oder ungewollt den Zugang von Polizei und Sanität, viele von ihnen haben die Ausschreitungen schaulustig mit ihren Mobiltelefonen aufgezeichnet. Die Polizei bittet deshalb die Fans, die ihnen zur Ausübung ihrer Arbeit letzte Nacht im Weg standen, mit der Abgabe des aufgenommenen Videomaterials behilflich zu sein, um nach den Tätern der gestrigen Unruhen zu suchen.

Ausnahmezustand in den Spitälern

Als die Krawalle eskalierten und die Polizei mit Gummischrot, Leuchtbomben und Tränengas gegen die Randalierer vorging, verhängten Vancouvers Notfallaufnahmen in den umliegenden Spitälern den «Code Orange», eine Warnung die für Katastrophen wie Flugzeugabstürze vorgesehen ist und alle verfügbaren medizinischen Ressourcen in Alarmbereitschaft versetzt. Seit den Stanley Cup Ausschreitungen von 1994 musste die Stadt Vancouver den «Code Orange» nur fünf Mal ausrufen, in der Nacht auf Donnerstag nahm der sechste Vorfall seinen Lauf. Ärzte, die zur Arbeit zurückkehrten, bauten vor den Spitälern Notaufnahmezelte auf und versorgten die Verletzten auf der Strasse. Bis zur Stunde mussten über 140 Besucher der Stanley Cup Fanmeile versorgt werden doch die Zahl steigt nach wie vor.

Viele, die sich in Spitalpflege begeben mussten, erlitten Schnittwunden von Scherben der zerschlagenen Schaufenster, auf denen sie ausgerutscht waren, nachdem eine Panik unter friedlich feiernden Fans der Vancouver Canucks ausgebrochen war. Zwei entsprechende Verletzungsfälle sind besonders schwer. Die Ärzte mussten aber auch über 60 Tränengasverletzungen – als Resultat der Auseinandersetzungen mit der Polizei – behandeln und in drei Fällen Stichverletzungen von gewalttätigen Auseinandersetzungen sowie einen Schwerverletzten, der vor dem Stadion der Vancouver Canucks von einem Balkon gefallen ist. Nur weil ein Sonnendach seinen Sturz gebremst hat kam er mit dem Leben davon.

Der Sachschaden ist immens

Nach ersten Ermittlungen und dutzenden von Verhaftungen werden die Randalierer zum grossen Teil in der Altersgruppe von gerade mal 20-jährigen Jugendlichen ausgemacht, viele von ihnen seien keine Eishockeyfans und hätten keine Fanartikel der Vancouver Canucks getragen, teilt Vancouvers Mayor Greg Robertson mit. Die Videodokumente von Vancouvers Stanley Cup Trauma sprechen allerdings eine andere Sprache. Vielmehr haben einige echte Fans der Vancouver Canucks ihr Fantrikot im Angesicht der Krawalle in ihren Taschen verstaut, beschämt über die Geschehnisse nach der sportlich fairen Entscheidung in der Rogers Arena.

«Was ich heute gesehen habe ist beschämend», sagt Beth Hope, eine 28-jährige Engländerin aus Vancouver gegenüber CTV. Sie gehört der geschockten Fangemeinde der Vancouver Canucks an und sie hat ihr Fantrikot im Angesicht der Krawalle schnell in ihrer Handtasche verstaut. «Das ist doch völlig geisteskrank», sagt sie. «Wir zerstören unsere eigene Stadt.» Auch Vancouver Canucks-Captain Henrik Sedin schüttelt ungläubig den Kopf: «Es ist entsetzlich. Diese Stadt und Provinz hat so viel, auf das sie stolz sein kann, diese Vorfälle sind sehr schade.» Nach vier Stunden hatte die Polizei die Krawalle unter Kontrolle. Was übrig bleibt ist mindestens eine Million Dollar Sachschaden und ein Imageverlust in Milliardenhöhe. Die Stadt Vancouver war zu Tagesbeginn sogar Thema in den australischen Newssendungen. Hätte Vancouver in der Nacht auf Donnerstag nur den Stanley Cup gewonnen, dieser Erfolg wäre im ewigen Sommer von «Down Under» kaum eine Schlagzeile wert gewesen.