Jan von Arx

27. Dezember 2011 17:25; Akt: 27.12.2011 17:27 Print

«Jeder weiss von jedem, was er verdient»

von Klaus Zaugg - Jan von Arx (33) ist Verteidiger beim HC Davos und wird unterschätzt. Im Interview spricht er über das Leben neben Bruder und Leitwolf Reto (35), seine schlimmsten drei Monate und den Lohn.

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Jan von Arx fühlt sich beim HC Davos pudelwohl. (Bild: Keystone)

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Jan von Arx verteidigt und verteidigt und verteidigt und macht mit seinem Spiel keinen Lärm und keine Schlagzeilen. Er gilt als einer der fairsten Spieler überhaupt. Und doch ist er draussen im Land kein Star.

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Den grossen Reto von Arx kennen wir. Wie aber ist sein kleiner Bruder Jan? Von ihm hören und lesen wir selten.
Jan von Arx:
Das ist ein gutes Zeichen. Wenn man nichts hört und liest, dann ist alles gut.

Sie stehen im Schatten Ihres Bruders.
Nein, das empfinde ich ganz und gar nicht so. Ich brauche das Rampenlicht nicht und Reto eigentlich auch nicht. Aber für einen Stürmer, der Tore schiesst und seit Jahren so unglaublich gutes Hockey spielt, interessieren sich die Medien. Es ist gut so, wie es ist.

Sie verteidigen seit mehr als zehn Jahren mit der Ruhe und Präzision eines Landvermessers und sind kein Kunde von Einzelrichter Reto Steinmann. Wie kommt das? Sie galten ja einst als Rock’n’Roller.
Ich bin nicht der Spielertyp, um «Lämpe» zu machen und zu provozieren. Ich kann das gar nicht. Ich habe ja auch nicht die Postur, um den Rambo der Liga zu spielen und ich bin halt älter und ruhiger geworden.

Trotzdem: Es ist bemerkenswert, dass Sie im Laufe Ihrer Karriere auf dem Eis nie ausgeflippt sind.
Früher habe ich mich schon ablenken lassen und habe auch auf der Bank herumgeschrien. Aber dann habe ich gemerkt, dass es ja gar nichts bringt und dass ich dabei Energie verliere. Ich habe im Laufe der Zeit gelernt, mich ganz bewusst aufs Spiel und auf das zu konzentrieren, was unserer Mannschaft und mir am meisten bringt. Ich kann heute bewusst die äusseren Einflüsse ausblenden und werde oft ruhiger, wenn es auf dem Eis wilder wird.

Machen Sie Mentaltraining?
Mentaltraining? Nein, nein. Nicht wenn Arno Del Curto dein Trainer ist. Er deckt auch diesen Bereich ab.

Aber Ihr Bruder kann schon ein Provokateur sein.
Aber als Kind war er viel ruhiger als ich. Ich hatte nur Unfug im Kopf und es muss mit mir schon haarsträubend gewesen sein.

Was ja schon brisant ist: Schliesslich ist Ihr Vater Polizist.
Also übertreiben wollen wir jetzt auch nicht. So schlimm, dass ich aktenkundig geworden wäre, war es nicht.

Wenn Sie nicht in Davos im Schatten Ihres Bruder spielen würden – wären Sie dann bei einem anderen Team ein ähnlicher Leitwolf wie Reto?
Ich ein Leitwolf? Ich kann mir eigentlich gar nicht vorstellen, wie es in einer Mannschaft ohne Reto wäre. Sicher ist jedenfalls, dass es für mich unmöglich wäre, seine Rolle zu übernehmen, wenn er nicht da wäre. Er ist über die Jahre in diese Leaderrolle hineingewachsen und diese Rolle kann er nicht einfach weitergeben.

Wie definieren Sie diese Leaderrolle?
Nur über die Leistung. Nicht durch Worte. Wir haben eine gesunde Mannschaft mit einem grossen Zusammenhalt. Jeder weiss, dass er mit jedem Problem zu jedem gehen kann und wir haben Leader wie Reto und Josef Marha, die so viel Erfahrung in allen Situationen haben. Wir wissen: Wenn die beiden auf dem Schiff sind, dann können wir ruhig segeln.

Haben Sie je daran gedacht, bei einem anderen Team und ohne Reto zu spielen?
Nein. Natürlich habe ich mich hin und wieder ein wenig umgeschaut. Aber mir war immer klar: Es geht nicht ohne Reto und ich will nicht weg von Davos. Hier habe ich alles, was ich mir nur erträumen kann: Ich bin Teil einer Mannschaft, die erfolgreich ist. Jeder von uns freut sich jeden Tag darauf, zum Training und zum Spiel zu kommen und diese Freude ist das Wichtigste im Sport.

Verdienen Sie eigentlich gleich viel wie Reto?
Das wäre schön. Aber wir stimmen jeweils die Vertragsdauer aufeinander ab.

Aber Sie wissen, wie viel er verdient?
Ja natürlich. In unserer Mannschaft weiss jeder von jedem, was er verdient.

Einfach so?
Ja, einfach so. Das ist in unserer Mannschaft kein Problem. Jeder mag jedem alles gönnen, weil wir genau wissen, dass der Lohn dem entspricht, was einer leistet. Bei uns ist es einfacher, alles zu geben und mitzuziehen als nicht mitzuziehen.

Sind Sie auch privat immer mit Reto zusammen?
Nein. Wir sind doch recht verschieden. Er ist verheiratet und hat eine Familie. Ich noch nicht, ich wohne mit meiner Freundin zusammen. Er ist gerade daran, ein Haus zu bauen. Ich habe von Patrick Fischer das Haus gekauft. Wir besuchen uns oft spontan, aber wir wahren eine gewisse Distanz. Wir schätzen es beide, unsere Ruhe zu haben.

Sie haben ein eigenes Haus gekauft?
Ja, ich war 25 und Patrick Fischer ging weg von Davos. Er sagte mir, er verkaufe mir das Haus und gab mir zwei Tage Bedenkzeit. Ich habe das Haus gekauft und es war der beste Entscheid, den ich fällen konnte. Ich bin überglücklich.

Wie gross ist das Haus?
Es hat vier Schlafzimmer.

Da hat es wohl manche Party gegeben.
Ja, ja schon. Aber ich bin älter und ruhiger geworden.

Sie leben erst seit zwei Jahren mit Ihrer Freundin zusammen.
Erst? Das ist für meine Verhältnisse eine lange Zeit.

Aha, da spricht der Rock’n’Roller.
Na ja, das war ich früher vielleicht und dann musste ich halt noch ein paar Jahre lang dieses Image aushalten. Am Anfang meiner Zeit ist die Post ganz schön abgegangen. Aber das war eine andere Zeit, da waren wir ja alle jung und nun sind wir Profis geworden.

Sie haben die ganze Nacht durchgefeiert, auch während der Saison?
Oh ja, natürlich - und regelmässig.

Aber heute nicht mehr?
Das geht ja mit 33 gar nicht mehr. Das würde ich nicht mehr ertragen, ich würde ja tagelang im Wachkoma liegen.

Kiffen Sie noch?
Nein, nein. Sie sprechen sicher meine Canabissperre an.

Ja. Reden Sie darüber?
Klar. Das war, wenn Sie so wollen, der Schlussgong meines Rock’n’Roller-Lebens und ein Untergang mit wehenden Fahnen.

Sie mussten damals 17 Spiele lang zuschauen. Wie war die Reaktion auf diese Eskapade?
Sie können sich ja wohl vorstellen, dass man mir nicht gratuliert hat und dass es kein Vergnügen war, die ganze Sache auch meinen Eltern und Geschwistern zu erklären. Aber ich habe sofort gespürt, dass alle hinter mir standen. Was die Sache schlimmer machte: Ich musste das Geheimnis der Sperre drei Monate lang mit mir herumtragen.

Wie meinen Sie das?
Drei Monate, bevor die Sache an die Öffentlichkeit kam, wurde ich informiert. Drei Monate lang haben nur drei Personen davon gewusst. Arno Del Curto, eine Drittperson und ich.

Reto hat nichts davon gewusst?
Nein.

Sie, die Drittperson und Arno Del Curto konnten drei Monate lang ein solches Geheimnis hüten?
Ja. Es war die schlimmste Zeit meines Lebens.

Niemand merkte, dass Sie etwas mit sich herumgetragen haben?
Doch, doch. Ich war ab und zu schon ein wenig mudrig. Aber ich habe dann gesagt, es sei schon alles okay und damit hat man sich zufriedengegeben. Als dann die Sache durch die Dopingbehörde endlich publik gemacht wurde, gab man mir vorher einen Tag Zeit, alle zu informieren, bevor die Medienmitteilung rausging. Da habe ich das Telefon zur Hand genommen. Es war sehr schwierig, aber es war letztlich eine Erlösung und ich bin, als alles raus war, ein neuer Mensch geworden.

Wie waren die Reaktionen?
Ich musste zwar von meinem Vater ein ganz schönes Donnerwetter einstecken. Er hat mir gesagt, was zu sagen war. Aber ich habe sofort von allen Seiten die volle Unterstützung gespürt. Es war eine ganz wichtige Erfahrung für mich. Aber heute kann ich sagen: Ich bin durch diese ganze Geschichte stärker geworden. Wenn ich zurückschaue, dann schätze ich mich sehr, sehr glücklich, dass ich beim HC Davos spielen darf. Ich glaube nicht, dass ich bei einem anderen Klub in dieser schwierigen Zeit so viel Unterstützung bekommen hätte. Ja, es war eine schwierige Zeit. Aber wenn ich daran denke, wie sehr man mir geholfen hat, dann war es auch eine schöne Zeit.

Sind Sie auch verurteilt worden?
Ja, es hat auch Leute gegeben, die das nicht verstanden haben. Das ist ganz okay so. Schliesslich habe ich den Fehler gemacht und kann niemandem einen Vorwurf machen, der mein Verhalten verurteilt.

Hat es auch eine Busse vom Klub gegeben?
Ja. Über den Betrag will ich nicht reden. Aber ich versichere Ihnen, es hat geschmerzt.

Sie gelten als extrem ehrgeizig. Gewährsleute sagen, Sie seien einmal über den zweiten Platz beim Spengler Cup so enttäuscht gewesen, dass Sie die Silbermedaille gleich einem Fan verschenkt haben.
Na ja, das kann sein. Aber aus einer solchen Begebenheit sollten Sie nicht auf meinen Ehrgeiz schliessen. Entscheidend ist nicht die Reaktion auf eine Enttäuschung. Sondern das, was ich vorher tue, um eine Enttäuschung zu vermeiden.

Wie definieren Sie einen Winnertyp?
Einer, der die Gabe hat, durch sein Spiel und sein Auftreten seine Mitspieler besser zu machen und einen Block oder sogar eine Mannschaft zu führen. Wir haben das Glück, in unserer Mannschaft eine ganze Reihe solcher Spieler zu haben. Beispielsweise Reto oder Josef Marha. Wenn sie in der Kabine aufstehen und etwas sagen, wenn wir ihre Körpersprache lesen und in ihr Gesicht sehen, dann kehrt die Zuversicht zurück und wir wissen, dass wir es schaffen werden.

Werden Sie nach Ihrer Karriere in Davos bleiben?
Ja. Reto und ich sind jetzt schon 17 Jahre hier und Davos ist unsere Heimat geworden. Wir haben nach unserer Ankunft schnell gewusst, dass wir hier bleiben werden. Wie ich schon sagte, habe ich hier als Eishockeyspieler alles, was ich mir nur wünschen kann. Aber es ist auch die Landschaft, die Natur und die Ruhe, die wir sehr schätzen. Die grosse Stadt ist nichts für uns. Reto baut zurzeit ein Mehrfamilienhaus, in das meine Eltern bald einziehen werden. Meine Schwester Sarah hat den Jeansladen übernommen, den vorher Remo Gross 23 Jahre lang geführt hat und meine zweite Schwester Petra hilft ihr dabei. Sie ist hier in Davos verheiratet. Remo Gross kümmert sich ja schon längere Zeit um ein Hotel und hatte für den Laden keine Zeit mehr. Reto und ich sind sozusagen als Investoren eingestiegen.

Können Sie sich überhaupt vorstellen, unter einem anderen Trainer als Arno Del Curto zu spielen?
Nein. In meinem Leben habe ich alles von zwei Trainern gelernt. Als Junior von Alfred Bohren und eben von Arno Del Curto.

Ist er eigentlich Ihr Freund?
Ja, ausserhalb des Eisstadions sind wir Freunde.

Aber ist es nicht schwierig, diese Trennung zwischen Eishockey und Privatleben zu machen?
Das ist kein Problem. Man muss das nur bewusst angehen. Wenn wir beispielsweise zu einem Konzert nach Berlin reisen, dann sind wir Kumpels. Aber wir wissen beide sehr genau, dass er im Training wieder der Chef ist. Es ist schliesslich seine Pflicht, uns immer alles abzuverlangen. Da kommt gar keiner auf die Idee, in Eishockeydingen auf Kumpel zu machen.

Wie beschreiben Sie Arno Del Curto?
Er ist sehr fordernd und verlangt, dass du immer alles gibst. Aber wir alle wissen, dass wir auch von ihm jederzeit alles bekommen.

Können Sie denn auch ganz private Probleme mit ihm besprechen?
Ja klar. Jeder kann mit allem zu ihm gehen. Aber das ist nur bei wirklich wichtigen Dingen der Fall. Wir wollen ihn nicht überbeanspruchen. Aber schon das Wissen, dass wir das tun können, ist sehr, sehr viel wert.

Wie lange wollen Sie spielen?
Mein Vertrag läuft noch drei weitere Jahre und wenn ich dann noch gesund bin und Freude am Eishockey habe, kann ich mir schon vorstellen, noch länger zu spielen. Aber ich bin mir durchaus bewusst, dass alles von einer Sekunde auf die andere zu Ende gehen kann.

Haben Sie schon Pläne für das Leben nach dem Eishockey?
Ich konzentriere mich ganz auf die Gegenwart. Ich möchte mich später nicht ganz aus dem Sport verabschieden. Aber ich möchte auch nicht, dass das Eishockey dann weiterhin so wie jetzt mein ganzes Leben bestimmt.

Was machen Sie eigentlich im Sommer?
Wer das Sommertraining unter Arno Del Curto kennt, weiss, dass im Sommer wenig Zeit für Ferien bleibt. Es reicht aber trotzdem für drei oder vier Wochen Ferien irgendwo in der Natur. Zum Surfen auf Sardinien oder zum Fischen in Norwegen.

Das Interview wurde für die Fachzeitschrift «Slapshot» geführt.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • HP. Burkhardt am 27.12.2011 18:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Weiter so, JvA

    Einfach sympathisch und ehrlich. Alles Gute und bleib gesund. Hopp JvA und Hopp HCD.

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  • Mike am 27.12.2011 20:04 Report Diesen Beitrag melden

    Slapshot

    SLAPSHOT- Interview :)

Die neusten Leser-Kommentare

  • Mike am 27.12.2011 20:04 Report Diesen Beitrag melden

    Slapshot

    SLAPSHOT- Interview :)

  • HP. Burkhardt am 27.12.2011 18:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Weiter so, JvA

    Einfach sympathisch und ehrlich. Alles Gute und bleib gesund. Hopp JvA und Hopp HCD.

    • Mike am 28.12.2011 14:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Wie ist es dort?

      Schreibst du aus dem Knast? JVA?

    • Zugggggg am 28.12.2011 16:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Hooppla

      Jan von arx heisst das (:

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