NHL-Spieler

08. Februar 2011 15:43; Akt: 08.02.2011 15:44 Print

Österreich auf Augenhöhe mit der Schweiz

von Jürg Federer, USA - Die beiden Nationalteams trennen Welten, doch in Sachen NHL steht uns Nachbar Österreich in nichts nach. Auch die «Austria» hat drei Spieler in der «härtesten Liga der Welt» verankert.

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Mit Jonas Hiller, Luca Sbisa (beide Anaheim) und Yannick Weber (Montreal) hat die Schweiz derzeit drei NHL-Söldner, die mehr oder weniger fest im Sattel sitzen. Youngster Nino Niederreiter musste zum Saisonbeginn nach wenigen Partien wieder zurück zu den Junioren, Routinier Martin Gerber kommt nur im Farmteam zum Einsatz genauso wie Severin Blindenbacher, Roman Wick und Roman Josi. Und der wohl grösste sichere Wert der Eisgenossen, Nati-Captain Mark Streit, verpasst wahrscheinlich die ganze Saison wegen einer Schulterverletzung. Man kann es also drehen und wenden wie man will: Die Schweiz hat derzeit drei NHL-Spieler. Gleich viele Akteure stellt auch Österreich dieses Jahr in der «härtesten Liga der Welt». Und zwar mit Thomas Vanek (Buffalo), Andreas Nödl (Philadelphia) und Michael Grabner (NY Islanders).

Thomas Vanek kam zwei Jahre nach der Flucht seiner Eltern aus der Tschechoslowakei in Österreich zur Welt und hatte nach überzeugenden Leistungen als Junior das Angebot, für die slowakische Nationalmannschaft aufzulaufen. Doch Vanek hat seinem Geburtsland bis heute die Treue gehalten. «Meine Eltern wohnen noch immer in Graz und ich verbringe die Sommermonate regelmässig in der Heimat», sagt er. Er fühle sich durch und durch wie ein Österreicher und lasse sich auch gerne mit Kaiserschmarn bekochen, wenn die Eltern in Buffalo zu Besuch seien. Vaneks Durchbruch in der NHL hat in der Heimat für Aufsehen gesorgt, 2007 wurde er zum Sportler des Jahres gewählt. Mit 6,4 Millionen US-Dollar Basissalär ist er nicht nur der am besten verdienende österreichische Sportler der Gegenwart, er kassiert für seine Leistungen im Dienste der Buffalo Sabres auch am meisten US-Dollar aller deutschsprachigen Eishockeyspieler in der NHL. Der zweitbeste Verdiener aus dem deutschsprachigen Raum ist Jonas Hiller mit 4,5 Mio. US-Dollar pro Saison.

Österreichs Nati im Umbruch

Entgegen der Schweizer Nati, die sich im letzten Jahrzehnt in der A-Gruppe der IIHF etablieren konnte, steht Österreichs Nationalteam inmitten einer Restrukturierung. Nach Jahren, in denen österreichisch-kanadische Doppelbürger den totalen Absturz verhindert hatten, soll eine rein österreichische Nationalmannschaft unter dem ehemaligen SCB-Meistercoach Bill Gilligan den Aufschwung herbeiführen. Im Frühling wird das Team die A-WM in der Slowakei bestreiten, doch Thomas Vaneks Plan ist ein anderer. «Das Ziel in der NHL-Meisterschaft mit Buffalo heisst Playoffs und damit verhindere ich natürlich eine mögliche WM-Teilnahme mit Österreich.»

Vor Vanek haben schon andere Österreicher in der NHL gespielt, Nationalverteidiger Thomas Pöck (heute Rapperswil-Jona Lakers) für die N.Y. Islanders und die N.Y. Rangers, Nationaltorhüter Reinhard Divis für die St. Louis Blues und Klagenfurts Stürmer Christoph Brandner für die Minnesota Wild. Auch heute ist die NHL-Fraktion des Alpenlandes mit drei Spielern noch klein, sie ist aber zunehmend fein. Vanek (2003 in der 1. Runde an 5. Stelle gedraftet) ist gemeinsam mit dem Schweizer Nino Niederreiter (2010 in der 1. Runde an 5. Stelle gedraftet) der höchste deutschsprachige NHL-Draft aller Zeiten und N.Y.-Islanders-Stürmer Michael Grabner (2006 in der 1. Runde an 14. Stelle gedraftet) sowie Philadelphia-Stürmer Andreas Nödl (2006 in der 2. Runde an 39. Stelle gedraftet) sind die zwei höchsten österreichischen NHL-Drafts hinter Vanek.

Fehlende Kadertiefe als Problem

Wann immer sich die Gelegenheit ergibt, schnürt Vanek die Schlittschuhe für die österreichische Nationalmannschaft. 2008 war er sich mit zehn Skorerpunkten in fünf Spielen nicht zu schade, eine B-Weltmeisterschaft für sein Land zu spielen, der Aufstieg in die A-Gruppe stand am Ende des Turniers fest. Was dem österreichischen Nationalteam im Gegensatz zur Schweiz noch fehlt, ist die Kadertiefe. Trotz gleich vieler NHL-Spieler wie die Schweiz ist die österreichische Nation ein IIHF-Schwellenland. Die drei NHL-Stürmer Österreichs fehlen dem Alpenland, wenn sie aufgrund von NHL-Einsätzen nicht für grosse Turniere zur Verfügung stehen. Von einer Ausblutung des Nationalteams durch die NHL will Vanek aber dennoch nichts wissen. «Sie müssen das in einem längeren Zeitrahmen betrachten. Natürlich stehen wir in der NHL dem Nationalteam nicht immer zur Verfügung. Unsere Erfolge sorgen aber bei der nächsten Generation für Aufsehen und ich freue mich über jedes Kind, das wegen uns NHL-Österreichern mit dem Eishockeyspielen beginnt.»

Vanek «entführt» Nödl in die NHL

Vor diesem Hintergrund hat Vanek auch kein schlechtes Gewissen, dass er mit Philadelphias Andreas Nödl einen weiteren Österreicher in die Vereinigten Staaten von Amerika «entführt» hat. «Ohne Vanek würde ich heute auf keinen Fall in der NHL spielen», gibt Nödl zu. «Wir haben uns in der Junioren-Nationalmannschaft kennengelernt und Thomas hat mir damals gesagt, ich solle mein Glück in Nordamerika versuchen, das würde meiner Entwicklung entgegenkommen.» Nödls Probevertrag hat Vanek gleich selbst eingefädelt und dabei noch ein gutes Wort beim Coach der Universitätsmannschaft von Sioux Falls eingelegt. Den restlichen Weg hat Nödl selbst zuürckgelegt. Seit der aktuellen Saison gehört er zum Stammkader von Philadelphia, nachdem er letzte Saison schon den Weg ins Stanley-Cup-Finale der Flyers mitgestalten durfte. «Einige Spieler brauchen für die Entfaltung ihres Potentials etwas länger», erklärt Philadelphia-Coach Peter Laviolette. «Aber jetzt, im Alter von 23 Jahren, ist Nödl definitiv in der NHL angekommen.»

Nödl hat, wie auch New-York-Islanders-Stürmer Thomas Grabner noch nie in einem grossen Turnier für die österreichische Nationalmannschaft gespielt. Der Teamkollege von Mark Streit hat - wie Vanek und Nödl - den Weg über die nordamerikanischen Juniorenligen gewählt, um sich eine Chance in der NHL zu erarbeiten. Vier Jahre nach seinem Draft durch die Vancouver Canucks gelang ihm der Durchbruch bei den New York Islanders. «Die Islanders sind ein Glücksfall für mich», blickt Grabner zurück. «In Vancouver war das Kader während Jahren komplett und nach meinem Transfer zu den Florida Panthers ist es mir im Vorbereitungscamp nicht so gut gelaufen. Als ich auf den Waiver gestellt wurde, um künftig in den Minor Leagues zu spielen, haben die Islanders zugeschlagen.» Nach 48 Saisonspielen hat Grabner 24 Skorerpunkte erzielt, alleine 5 davon in den letzten 4 Spielen. Wie Vanek ist auch Grabner in seinem New Yorker Zuhause ganz Österreicher. «Meine Freundin ist zwar Amerikanerin aber sie kocht viele österreichische Gerichte für mich.» Kürzlich habe er einige Teamkollegen zu sich nach Hause zum Essen eingeladen. «Wir haben Wiener Schnitzel gekocht», sagt Grabner. Wenn die österreichische Nationalmannschaft aufgrund der Erfolge von Vanek, Nödl und Grabner künftig auf mehr Nachwuchsspieler bauen kann, wird diese Spezialität in ferner Zukunft auch an Weltmeisterschaften die gleiche Bekanntheit erlangen wie das Schweizer Fondue. In der NHL steht das Wiener Schnitzel bereits auf Augenhöhe mit unserem Käsefondue.