Absolute Ruhe

16. Dezember 2011 10:58; Akt: 16.12.2011 12:46 Print

Anaheim setzt auf Hillers gesunden Schlaf

von K. Zaugg, Anaheim - Torhüter Jonas Hiller spielt bei Anaheim nach überstandener Krankheit wieder sein bestes Eishockey. Als Privileg darf er ab sofort auf Reisen sogar im Einzelzimmer schlafen.

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Jonas Hiller ist wieder zurück in alter Form. (Bild: AFP)

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Die Statistik sagt, dass Jonas Hiller aktuell nicht sein bestes Hockey spielt: Mit einer Saison-Fangquote von 90,20 Prozent ist er lediglich die Nummer 33 von 44 in der NHL eingesetzten Goalies. Damit liegt der Appenzeller klar unter seinem besten Wert: Im Frühjahr 2009 wehrte er in den Playoffs 94,30 Prozent der Schüsse ab. Doch diesmal lügt sogar die «heilige» NHL-Statistik: Hiller ist seit Wochen in Bestform. Aber seine Vorderleute sind es nicht. Das drückt auf die Statistik.

Die Anaheim Ducks erinnern an den HC Lugano. Bei weitem gut genug für eine Spitzenklassierung. Aber bisher nicht mit genügend taktischer Disziplin und Kampfkraft. Zu viel Talent, um auch defensiv hart zu arbeiten und ein starker Trend, die Entscheidung mit spielerischen Mitteln zu suchen. Wenn die gegnerischen Stürmer vor dem Tor freien Ausgang haben, kann auch der beste Goalie wenig ausrichten. «Wir waren einfach zu wenig diszipliniert», beurteilt Hiller die erste Saisonphase der Ducks. «Ich habe das auch offen gesagt, ohne einzelne Spieler zu kritisieren.»

Eine Steigerung ist erkennbar

Nun sind die Ducks unter dem neuen Trainer Bruce Boudreau offensichtlich auf dem Weg zur Besserung. Gegen Phoenix gelang die beste Saisonleistung (4:1) und Hillers Fangquote ist mit dem Effort seiner Vorderleute in diesem Spiel auf 95,00 Prozent gestiegen.

Die Statistik war allerdings in den letzten Wochen nicht der tatsächliche Grund für die Zweifel an der Leistungsfähigkeit des ehemaligen HCD-Meistergoalies. Im letzten Frühjahr war nicht sicher, ob er je wieder sein bestes Hockey würde spielen können: Rätselhafte Beschwerden (Schwindelanfälle, Kopfschmerzen) führten gar dazu, dass er nicht mehr eingesetzt werden konnte. Die Gerüchte schossen ins Kraut und bisweilen war sogar von einem Burnout die Rede.

Auch zahllose medizinische Tests haben letztlich keine Klarheit gebracht. «Was genau die Beschwerden verursacht hat, ist nicht klar», sagt Hiller. «Es waren mehrere Ursachen. Unter anderem haben wir herausgefunden, dass Verkrampfungen des Zwerchfells zu einer Beeinträchtigung des vegetativen Nervensystems führten. Dank besserer Atemtechnik sind diese Beschwerden verschwunden.»

Dank gut dotiertem Vertrag keine Existenzängste

Es war die erste Krise in Jonas Hillers Karriere. Bis dahin war es immer nur aufwärts gegangen: Von Davos über Lausanne, dann zurück nach Davos und dann 2007 nach Anaheim bis hin zum Dreijahresvertrag mit 4,5 Millionen Dollar Jahresgehalt. Die Krise sei eine schwierige Zeit gewesen. «Erstmals in meiner Karriere war ich in eine solche Situation geraten. Aber ich habe letztlich auch Glück gehabt: Nicht auszudenken, was gewesen wäre, wenn mein Vertrag im letzten Frühjahr ausgelaufen wäre. Wenn schon eine Krise, dann war es wohl der richtige Zeitpunkt: Ich habe ja einen Vertrag.» Deshalb habe er auch keine Existenzängste gehabt: «Mein Vertrag ist zu hundert Prozent versichert. Ich konnte mich also zu hundert Prozent darauf konzentrieren, wieder gesund zu werden.»

Er habe nach dem Saisonstart eine gewisse Zeit gebraucht, um den Rhythmus zu finden. «Doch jetzt bin ich wieder zu hundert Prozent fit.» Es ist offensichtlich: Hiller ist wieder der charismatische Goalie wie zu seinen besten Zeiten und ganz klar der wichtigste Einzelspieler der Ducks.

Hiller hat Lehren gezogen

Der Schweizer sagt, er habe Lehren aus seiner ersten grossen Krise gezogen. «Ich höre jetzt noch mehr auf meinen Körper.» Damit steht er in gewisser Weise vor einem Dilemma: Der Marktwert eines Torhüters wird stark durch die Leistungen in den Playoffs beeinflusst. Zu starke Belastung während der Qualifikation (mit 82 Spielen) kann dazu führen, dass ein guter Goalie in den Playoffs nicht mehr sein bestes Hockey spielt. Hiller sagt: «Bei mehr als 65 Spielen in der Qualifikation ist die Belastungsgrenze erreicht.»


Bis jetzt ist Anaheims Nummer 1 in 26 von 30 Partien eingesetzt worden und es zeichnet sich ab, dass diese Belastungsgrenze erreicht oder gar überschritten wird. Denn die Ducks müssen um die Playoffs zittern. Zeitweise sind sie bis auf den zweitletzten Platz in der Liga abgerutscht und selbst nach dem Sieg gegen Phoenix betrug der Rückstand auf den letzten Playoffplatz immer noch zehn Punkte. Es braucht Hiller jetzt in jeder Partie: «Ich kann ja nicht einfach sagen, dass ich nicht spielen will, weil ich das Gefühl habe, eine Ruhepause wäre vielleicht gut.»

Privilieg Einzelzimmer

Der neue Trainer Bruce Boudreau weiss, dass die Ducks nur mit einem Hiller in Bestform die Playoffs noch schaffen können. Er kümmert sich intensiver um den Schweizer als sein Vorgänger Randy Carlyle: Ab sofort bekommt Hiller auf den «Roadtrips» (auf den Reisen zu den Auswärtsspielen) ein Einzelzimmer. In der NHL nächtigen alle, auch die Torhüter, in Zweierzimmern. Erst nach zehn NHL-Jahren oder mehr als 600 Spielen (Qualifikation) hat einer das Anrecht auf ein Einzelzimmer. Ausnahmen gibt es eigentlich nur für starke Schnarcher. Für Hiller machen die Ducks jedoch ohne Schnarchen eine Ausnahme. Obwohl er erst in seiner fünften NHL-Saison steht und bisher «nur» 203 Spiele bestritten hat. «Ich hatte kein Problem, das Zimmer mit einem Teamkollegen zu teilen», sagt der ehemalige HCD-Meistergoalie. «Aber ein Einzelzimmer ist schon sehr angenehm.»

Wenn Hiller gut schläft, dann schlafen in Anaheim alle besser. Vor allem General Manager Bob Murray, seit Juli 2005 im Amt: Schaffen die Ducks die Playoffs nicht, muss er um seinen Job zittern. Die Zuschauerzahlen sind inzwischen unter 14 000 pro Spiel gesunken (ausverkauft sind es 17 174 Fans) und nicht einmal mehr das Derby gegen Los Angeles füllt die Arena. So droht beim Verpassen der Playoffs bei knapp 100 Millionen Dollar Umsatz ein Verlust von gut und gerne 10 Millionen Dollar.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Simon Kaiser am 16.12.2011 13:26 Report Diesen Beitrag melden

    Really?

    "Hiller ist seit Wochen in Bestform. Aber seine Vorderleute sind es nicht. Das drückt auf die Statistik. " Dann haben Sie wohl nie ein Spiel mitverfolgt. Hiller hat in fast jedem Spiel einen haltbaren kassiert. Von seiner Bestform ist er noch ein gutes Stück enfernt. Tendenz zum Glück steigend.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Simon Kaiser am 16.12.2011 13:26 Report Diesen Beitrag melden

    Really?

    "Hiller ist seit Wochen in Bestform. Aber seine Vorderleute sind es nicht. Das drückt auf die Statistik. " Dann haben Sie wohl nie ein Spiel mitverfolgt. Hiller hat in fast jedem Spiel einen haltbaren kassiert. Von seiner Bestform ist er noch ein gutes Stück enfernt. Tendenz zum Glück steigend.

    • Enten Braten am 16.12.2011 20:52 Report Diesen Beitrag melden

      Ohne Hiller wäre Carlyle früher weg!

      @Simon: Ich habe die meisten Spiele gesehen und Hiller hat in der Tat, vor allem zu Beginn der Saison, einige haltbare kassiert. Hiller musste sich jedoch daran gewöhnen, dass Verteidiger Dinge zuliessen, die es nicht geben darf. Wenn du aber wirklich die Spiele gesehen hast, so hast du auch gesehen, wie viele 100%ige Hiller gehalten hat! Wenn die Ducks so spielen wie gegen die Coyotes, dann hat Hiller wesentlich weniger Gegner, die alleine vor ihm auftauchen. In den letzten 10 Spielen hat Hiller jedoch sehr solide gehalten. Dass Duck-Desaster wäre sonst viel schlimmer!

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