Hockey-WM-Bronze

15. April 2012 08:41; Akt: 15.04.2012 09:14 Print

Das Schweizer Frauen-Wunder

von Klaus Zaugg - Die Frauen haben es geschafft, die Männer noch nicht: Eine Hockey-WM-Medaille im 21. Jahrhundert: WM-Bronze in der Nacht auf den Sonntag und damit die Qualifikation für das Olympiaturnier 2014. Ein Eishockey-Wunder.

storybild

Jubel bei Goalie Florence Schelling und Kolleginnen: WM-Bronze für die Schweizer Hockey Frauen geholt und damit die Qualifikation für das Olympiaturnier 2014 geschafft. (Bild: Keystone)

Zum Thema
Fehler gesehen?

In keiner anderen Sportart müssen die Frauen so viel Spott und Skepsis gegenüber ihren männlichen Kollegen überwinden wie im archaischen, rauen Männersport Eishockey. Lediglich das Gebot der politischen Korrektheit zähmt zwar offiziell die Lästermäuler. Doch im kleinen Kreis wird bis hinauf in die allerhöchsten Spitzen des Eishockey-Weltverbandes IIHF gelästert.

Zwei verschiedene Sportarten?

Hin und wieder bricht die Wahrheit durch. Beim Versuch, die Aufwendungen unseres Verbandes (Swiss Ice Hockey) für die Nationalmannschaften der Frauen und Männer zu vergleichen, rief Verbands-Kommunikations- und Marketing-Direktor Lukas Hammer einmal spontan aus: «Aber das geht doch nicht! Das sind zwei verschiedene Sportarten!»

Das ist es: Männer akzeptieren nicht, dass Frauen Eishockey spielen. Es ist eine andere Sportart. Nicht nur in Kanada empfinden es Hockey-Journalisten als die Mutter aller Demütigungen, den Fuss für Frauen-Eishockey in ein Stadion zu setzen. Dabei ist es keine andere Sportart. Lediglich ein paar Regeln sind anders (Bodychecks nicht erlaubt).

Männer-Eishockey ist bei uns «Big Business». Frauen-Eishockey ist es nicht. Es gibt in unserem Land 1172 Spielerinnen (129 mehr als im Vorjahr) aber die Zahl der registrierten Spieler ist zehnmal höher. Das Budget für die Männer-WM 2009 in Bern und Kloten mit 16 Teams lag bei knapp 20 Millionen Franken und am Ende wurde ein Gewinn von rund 1,5 Millionen erwirtschaftet. Das Budget der Frauen-WM 2011 in Zürich und Winterthur mit 8 Teams lag gerade Mal bei 1,5 Millionen und ein Gewinn wurde nicht erzielt.

Extreme Leistungsunterschiede

Der Verband investiert in die Männer-Nationalmannschaft von Sean Simpson pro Saison 1,25 Millionen. Frauen-Nationaltrainer René Kammerer muss mit 425 000 Franken auskommen und die Entschädigung für seine nebenberufliche Trainer-Tätigkeit ist nicht einmal so hoch wie ein Jahreszins auf dem Salär von Männer-Nationaltrainer Sean Simpson.
Das grösste Problem des internationalen Frauen-Eishockeys sind die extremen Leistungsunterschiede unter den 34 Ländern: In der ganzen internationalen Geschichte des Fraueneishockeys, die offiziell mit der ersten WM 1990 begonnen hat, haben die Nordamerikanerinnen (USA und Kanada) lediglich ein einziges Spiel gegen ein europäisches Team verloren: Beim Olympischen Turnier 2006 in Turin besiegte Schweden die USA im Halbfinale (3:2 n.P.).

Die Statistik der registrierten Spielerinnen einiger WM-Teilnehmer 2011 zeigt, warum das so ist:

- Kanada: 85 827.
- USA: 66 609.
- Finnland: 4760.
- Schweden: 3075.
- Schweiz: 1172.
- Russland: 530.
- Deutschland: 2 560.
- Slowakei: 312.

Von weltweit rund 170 000 registrierten Spielerinnen kommen über 80 Prozent aus den USA und Kanada. Bei den Männern sind lediglich etwas mehr als 40 Prozent.

Fortschritte mit WM-Bronze gekrönt

Die Schweizer Frauen haben, praktisch unbeachtet von der Öffentlichkeit längst Eishockey-Wunder geschaffen. Sie haben längst Nordamerika erobert und unsere Nationalteam in der Weltrangliste auf Platz 5 (von 37 Teams) etabliert. Die Männer liegen auf Position 7 (von 48 Teams). Während bei den Männern Nordamerika mit den Dollar-Millionen der NHL lockt, ist die Motivation bei den Frauen ein Studium.
Frauen-Eishockey ist an den kanadischen und amerikanischen Universitäten ein wichtiger Sport und starke Spielerinnen aus Europa dürfen gratis studieren. Drei Schweizerinnen aus dem WM-Bronze-Team spielen zurzeit in Nordamerika.

Die Fortschritte sind erstaunlich und nun mit WM-Bronze gekrönt worden. Die Schweizerinnen würden gegen jenes Team, das 2006 mit der erstmaligen Olympiaqualifikation Geschichte geschrieben hat, mit ziemlicher Sicherheit zweistellig gewinnen. Vielleicht sogar 20:0. Inzwischen bestreiten die Frauen bis zu 25 Länderspiele pro Saison – doppelt so viele wie 2006. Wahrscheinlich hat kein Nationalteam in irgendeiner Sportart so grosse Fortschritte gemacht wie das Schweizer Frauen-Nationalteam in den letzten vier Jahren. Frauen-Nationaltrainer René Kammerer, seit 2004 Amt dürfte der meistunterschätzte Trainer der Schweiz sein.

Weltklasse im Tor

Das Schweizer Frauen-Hockey geht einen ganz eigenen Weg: Wir haben keine Universitäten wie in Nordamerika, die Fraueneishockey fördern und keine Akademien für Frauenhockey wie in Russland, wo die besten Spielerinnen in Moskau ausgebildet werden. Die Schweizerinnen gehen einen ganz eigenen Weg: Sie holen sich Intensität und Schnelligkeit in der Junioren-Meisterschaft mit bis zu 16-jährigen Buben (Novizen-Klasse, bis Jahrgang 1995) und einige schaffen die Berufung an Nordamerikanische Universitäten. Der Nationaltrainer sagt, es sei die beste Generation, die jetzt heranwachse.

Es ist ähnlich wie im Männerhockey: Mit dem Rückhalt eines Weltklasse-Goalies machen Leidenschaft, Schnelligkeit und kluge Taktik Siege gegen nominell bessere Teams möglich. Florence Schelling (die Freundin von NHL-Profi Yannick Weber spielt in den USA) gehört zu den besten Torhüterinnen der Welt. Nationaltrainer René Kammerer sagt sogar: «Sie würde bei jedem anderen Nationalteam ihren Platz haben, auch bei Kanada und den USA.» Florence Schelling war auch an dieser WM wieder Weltklasse. Sie ist mit einer Abwehrquote von 93,19% hinter Sara Grahn (Sd/94,44%) die zweitbeste WM-Torhüterin. Im Bronze-Spiel gegen Finnland hielt sie 50 von 52 Schüssen – und ihre Vorderfrauen machten aus 25 Abschlussversuchen 6 Tore zum 6:2-Triumph.

Das Bronze-Team

NABHOLZ Katrin, 1986 ZSC Lions, S
MARTY Julia, 1988, SC Reinach, V
LEIMGRUBER Darcia,1989 ZSC Lions, S
FISCHER Andrea,1990, EV Bomo Thun, S
MARTY Stefanie,1988, SC Reinach, S
BULLO Nicole, 1987, HC Lugano, V
FRAUTSCHI Angela,1987 ZSC Lions, V
BENZ Sara,1992, ZSC Lions, S
WAIDACHER Monika,1990, College of St Scholastica, S
WAIDACHER Nina, 1992, College of St Scholastica, S
FORSTER Sarah, 1993, HC Ajoie, V
RASELLI Evelina, 1992. HC Lugano, S
MICHIELIN Rahel, 1990, SC Reinach, V
LEHMANN Kathrin, 1980, ESC Planegg, S
VUILLE DIT BILLE Johanna, 1989. OSC Berlin, V
ZOLLINGER Sabrina,1993. EHC Winterthur, V
ANTHAMATTEN Sophie, 1991 EHC Saastal, G
SLONGO Dominique,1988, EHC Brandis, G
SCHELLING Florence,1989. Northeastern University, G
STIEFEL Anja, 1990, SC Reinach, S
STANZ Phoebe, 1994, Kloten Flyers, S
THALMANN Sandra, 1992, DHC Langenthal, V
STECK Martina, 1990, DHC Langenthal, S

G = Goalie, S = Stürmerin, V = Verteidigerin.

Cheftrainer: René Kammerer