Gehirnerschütterungen

16. März 2011 14:22; Akt: 16.03.2011 14:22 Print

Das Tempolimit in der NHL ist erreicht

von Jürg Federer, USA - Die NHL hat ein hausgemachtes Problem mit Gehirnerschütterungen, doch die Lösung wäre der Todesstoss für die Liga. Den hohen Preis bezahlen die Spieler.

Nach diesem unglücklichen Vorfall erlitt Max Pacioretty letzte Woche eine schwere Gehirnerschütterung und einen Halswirbelbruch (Video: YouTube)
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Mit Pauken und Trompeten kam die NHL vor fünf Jahren nach einer wegen Gewerkschaftsdifferenzen gänzlich abgesagten NHL-Saison ins Geschäft des US-Sports zurück. Die neutrale Zone von NHL-Eisfeldern wurde verkleinert, Zweilinienpässe wurden eingeführt. Vergehen, die das Spiel behinderten, rückten per «Rule-Enforcement» ins Visier der Schiedsrichter - in der Schweiz ist diese Massnahme auch als «Null-Toleranz» bekannt. Das Ziel eines gesamten Massnahmenpakets war offensiveres Eishockey mit vielen Torszenen und nur wenigen Defensivstrategien. Das Resultat ist ein schnelles und offensives Eishockey, das nunmehr sein Tempolimit erreicht hat.

Unfaire Checks sind nicht das Problem

Seit dem Lockout beklagt die NHL doppelt so viele Fälle von Gehirnerschütterungen, auf die aktuelle Saison hin sollte dem Problem mit der rigorosen Ahndung von Checks gegen den Kopf begegnet werden. Die Regeländerung, in den USA als «Regel 48» bekannt, hat seine Wirkung verfehlt. Die Fälle von Gehirnerschütterungen steigen ungebremst. Mit Sidney Crosby muss die Liga seit Januar auf ihren populärsten Spieler verzichten, er ist nach einem Check von Washingtons David Steckel wegen einer Gehirnerschütterung auf unbestimmte Zeit ausser Gefecht gesetzt. Und erst vergangene Woche hielt die Liga den Atem an, als Montreals Max Pacioretty nach einem Angriff von Boston-Verteidiger Zdeno Chara bewusstlos auf dem Eis liegenblieb (20 Minuten Online berichtete). Die Diagnose: Schwere Gehirnerschütterung und ein Halswirbelbruch.

In keinem der beiden beschriebenen Fälle konnte die Disziplinarkomission der NHL ein Vergehen gemäss Regel 48 feststellen. Nur 17 Prozent aller registrierten Fälle von Gehirnerschütterungen geht tatsächlich eine Regelwidrigkeit des Gegenspielers voraus, wie die NHL am Montag eingestehen musste. Der Grossteil von Kopfverletzungen ereignet sich nach ungewollten Zusammenstössen, teils sogar mit einem Teamkollegen, nach Faustkämpfen und – mit 44 Prozent die höchste Verletzungsrate – nach fairen Checks, sauber nach NHL-Reglement ausgeführt.

Härte unterscheidet die NHL vom Rest der Welt

Die Überlebensstrategie des Eishockeys im hart umkämpften US-Sportmarkt sind viele Tore, harte Checks und brachiale Faustkämpfe – Mann gegen Mann. Es gibt drei Anlässe für einen amerikanischen Sportfan, bei einem NHL-Spiel vom feudalen Zuschauersessel aufzustehen: Tore, Checks und Faustkämpfe. Die NHL hat vor fünf Jahren mit ihrer reglementarischen Wiederbelebungspille für den Fan alles richtig gemacht. Das Eishockey wurde offensiver, das Produkt NHL ist nunmehr wieder attraktiv. Doch die von der Liga veröffentlichten Zahlen untermauern die Nebenwirkungen der Regel-Rezeptur: Die Zahl der Gehirnerschütterungen steigt jährlich, Grund dafür ist die zunehmende Aufprallenergie. In der neuen NHL checken Spieler mit höherer Geschwindigkeit und sie rächen sich danach mit Faustkämpfen für den Angriff. Ein Gegenmittel gibt es nicht.

«Die Checks unterscheiden das NHL-Eishockey vom Eishockey in der restlichen Welt», sagt Torontos General Manager Brian Burke gegenüber «nhl.com». «Wir wollen dieses physische Element in der NHL erhalten.» Wie Burke kommt kein vernünftiger Eishockey-Manager auf die Idee, Checks oder Faustkämpfe in der «härtesten Liga der Welt» zu reglementieren. Es wäre der Todesstoss für die NHL. Ein Massnahmenkatalog für ein Vorgehen gegen Gehirnerschütterungen wurde am Montag aber dennoch verabschiedet. Liga-Commissioner Gary Bettman vermochte allerdings die sechs Stufen gegen das Problem Gehirnerschütterungen auf Anfrage des NHL-Haussenders «NHL Network» nicht einmal aufzuzählen, so unbedeutend sind die Schritte für die Gesundheit der Spieler. Sein Referat beendete er aber sehr ehrlich: «Wir hätten gerne keine Gehirnerschütterungen, realistisch ist aber nur, so wenige wie möglich in Kauf zu nehmen. Wir wollen das Tempo des Spiels erhalten.» Den Preis dafür bezahlen die Spieler mit einem stets steigenden Risiko, sich erheblich am Kopf zu verletzen. New Jersey-Devils General Manager Lou Lamoriello dazu: «Wenn Sie alle Unfälle auf der Autobahn verhindern wollen, müssen Sie das Tempolimit bei 30 Stundenkilometern ansetzen.»