Huttwil-Aufstieg

27. März 2011 17:16; Akt: 27.03.2011 17:21 Print

Das ignorierte Hockey-Wunder

von Klaus Zaugg - Die NLB bekommt den kuriosesten Aufsteiger der Neuzeit: Die Huttwil Falcons. Es ist die Geschichte eines ignorierten Eishockeywunders.

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Die Huttwil Falcons bejubeln den Meistertitel und NLB-Aufstieg. (Bild: sport-guide.ch)

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Stell Dir vor, es geschieht ein Eishockeywunder – und niemand merkt es. Die Huttwil Falcons haben am Samstag durch ein 4:1 in Martigny die Meisterschaft der 1. Liga gewonnen und sind sportlich in die NLB aufgestiegen. In 15 Jahren von der 3. Liga in die NLB.

Huttwil/BE ist ein Städtchen mit knapp 5000 Einwohnern und liegt ziemlich genau in der geographischen Mitte der Schweiz. Draussen vor der Stadt steht das Nationale Sportzentrum mit einer schmucken Eishalle mit einem Fassungsvermögen von 3500 Fans. Mit ein wenig Gedränge könnte die ganze Einwohnerschaft des Städtchens im Stadion untergebracht werden.

Dezente Aufstiegsfeier

Nun stellt sich der Fremde vor, dass es am Samstag in Huttwil gerockt und gerollt hat. Dass die Aufstiegshelden nach dem Triumph in Martigny in Huttwil mit Musik und Fahnen und Ehrenjungfrauen und Ansprachen der politischen Autoritäten empfangen worden sind.

Doch nichts ist passiert. Das Wunder ist ignoriert worden. Keine Freinacht. Ja, das Kultlokal «Hotel Bahnhof» sperrte am Samstagabend schon vor Mitternacht zu. Auf dem Brunnenplatz gab es kurz nach Mitternacht kurz ein wenig Lärm – und dann feierten Trainer Alfred Bohren und seine Spieler mit ein paar Fans im «Pöstli» in beschaulichem Rahmen den Aufstieg in die NLB.

Fusionen und Finanzprobleme

Es ist ein Erfolg, der eigentlich tagelange Feiern verdienen würde. 1996 – also vor 15 Jahren – entsteht in Huttwil der EHC Napf. Es ist der Zusammenschluss des EHC Wasen-Sumiswald, des EHC Huttwil und des EHC Rohrbach. Start ist in der 3. Liga. Olivier Horak führt den EHC Napf bis in die Spitzengruppe der 1. Liga und alleine der Aufstieg in die höchste Amateurliga ist eine Sensation.

Vor zwei Jahren rettete der Langenthaler Unternehmer Markus Bösiger das Nationale Sportzentrum mit dem Eisstadion durch seinen Kauf vor dem Konkurs und der Schliessung. Mit Bösiger hat Präsident Heinz Krähenbühl, ein erfolgreicher lokaler Unternehmer in der Metallbearbeitungsbranche, endlich einen Verbündeten gefunden: Die beiden ändern den Namen auf Huttwil Falcons und erklären den Aufstieg in die NLB zum Ziel – und ernten in Huttwil nur Kopfschütteln.

Denn Huttwil ist die Antithese zu Barak Obamas «Yes, we can!». Es ist die Hauptstadt der Durchschnittlichkeit. Die häufigste Antwort auf alle möglichen Herausforderungen lautet: «Es geht nicht.» – «Da kann man wohl nichts machen.» – «Man muss einmal schauen.» Nur ja nichts wagen. Nur ja nicht anecken.

Vor einer grossen Herausforderung

In diese beschauliche Welt hinein sind nun die Huttwil Falcons mit ihrem historischen sportlichen Erfolg geplatzt. NLB-Eishockey in Huttwil! Damit sind im Städtchen eigentlich alle überfordert.

NLB-Hockey in Huttwil – geht das überhaupt? Tatsächlich ist Huttwil «Hockey Country». Aber seit Jahrzehnten fahren die Fans nach Langnau oder nach Bern. Im Umkreis von 50 Kilometern um Huttwil gibt es drei NLA- und zwei NLB-Klubs: Die SCL Tigers, den SC Bern, den EHC Biel, den EHC Olten und den SC Langenthal plus fünf 1. Liga-Teams (Lyss, Burgdorf, Zuchwil, Brandis und Wiki). Es ist die grösste Hockeyclub-Dichte Europas.

Mehr als 1000 Fans im Schnitt werden die Falcons in der NLB nicht mobilisieren. Aber die zentrale Lage und die Nähe zu den Grossen kostet nicht nur Zuschauer. Daraus ergeben sich auch Chancen zu einer intensiven Zusammenarbeit, zumal in Bern und Langnau mehr Spieler ausgebildet werden, als in der NLA gebraucht werden können. Da die NLB auf zwölf Teams ausgelegt ist und zurzeit erst 10 Mannschaften umfasst, gibt es auch nächste Saison keinen Absteiger. Die Huttwil Falcons haben damit die grosse Chance, ein Ausbildungsklub zu werden. Trainer Alfred Bohren hat in seiner zweiten Saison die Huttwiler in die NLB geführt. Er ist einer der besten Ausbildner im Land (erfolgreicher Junioren-Nationaltrainer) und er hat gegenüber 20 Minuten Online durchblicken lassen, dass er seinen auslaufenden Vertrag erneuern wird.

Die Mannschaft lebt nicht von alternden Stars. Das Durchschnittsalter liegt bei knapp 25 Jahren und nur zwei Spieler – Robert Othmann und Daniel Bieri, beide mit Nationalliga-Erfahrung – sind über 30. Die meisten Spieler kommen aus den Nachwuchsabteilungen des SC Bern, der SCL Tigers und des SC Langenthal, viele sind ehemalige Junioren-Internationale. Trainer Bohren hat sie zu einer verschworenen Einheit zusammengeschweisst. Ergänzt mit zwei Ausländern und vier, fünf Nationalligaspielern können die Falcons durchaus in der NLB mitspielen. Und bereits zeichnet sich eine Ausländerlösung ab: Der Kanadier Brendan Brooks hat bei den SCL Tigers noch einen Vertrag für nächste Saison. Aber er muss gehen. Warum nicht Brooks bei den Huttwil Falcons platzieren? Mit der Auflage, dass er im Notfall zu den SCL Tigers zurückkehren kann?

NLB-Lizenz noch nicht auf sicher

Es wäre ein Skandal, den Huttwil Falcons den Aufstieg zu verweigern. Das ahnt wohl auch Liga-Manager Werner Augsburger. Werden die Huttwiler die NLB-Lizenz bekommen? Er drückt sich gegenüber 20 Minuten Online um eine klare Antwort. «Wir werden das noch entscheiden.» Falcon-Präsident Heinz Krähenbühl hat aber sehr wohl Bescheid erhalten. Abschlägigen Bescheid. Augsburger wehrt sich: «Es ist ja auch möglich, eine Lizenz mit Auflagen zu gewähren.»

Das Problem: Die Liga will ein Mindestbudget (um 2 Millionen) vorschreiben. Präsident Krähenbühl will sich hingegen nicht festlegen. Er geht vom Prinzip aus, dass nicht die Menge Geld entscheidend ist. Sondern ob das vorhandene Geld geschickt ausgegeben wird. Schliesslich platzierten sich die SCL Tigers vor Lugano und den ZSC Lions, die über das doppelte Budget der Emmentaler verfügen.

Ein definitiver Bescheid der Liga ist in den nächsten zwei Wochen zu erwarten.