SC Bern

03. März 2011 11:24; Akt: 03.03.2011 20:20 Print

Defensiv reif für die NHL?

von Klaus Zaugg - Die SCL Tigers haben gegen den SC Bern in den Playoffs bisher nur im Powerplay Tore geschossen. Sind die Emmentaler offensiv so schwach oder ist der SCB defensiv zu stark?

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SCB-Goalie Marco Bührer und seine Verteidiger lassen in den Playoffs nur wenige Tore zu. (Bild: Keystone/AP)

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Auf den ersten Blick haben die Langnauer offensiv versagt. Seit die Playoffs gesichert sind (am 22. Januar) haben die Emmentaler in den letzten sechs Qualifikationsrunden nur noch 1,83 Treffer pro Spiel erzielt. So gesehen ist die Offensiv-Leistung in den zwei Playoff-Partien gegen Bern (1:3 und 2:4) logisch. Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn die SCL Tigers spielen wieder ihr bestes Hockey. Die offensive Wirkungslosigkeit ist daher nicht logisch. Die Ursache ist eher die Stärke des Gegners.

Keiner personifiziert die offensive Ratlosigkeit der SCL Tigers gegen den SCB besser als Daniel Steiner (30): Ihn trifft die offensive Misere ganz besonders. Denn er ist ein Spieler, der seinen Platz in der Mannschaft verliert, wenn er nicht mehr trifft. Der taktisch unbelehrbare und defensiv nicht brauchbare Fräser hat in der Qualifikation in 36 Partien 14 Treffer erzielt. Aber nun kommt er nicht einmal mehr zum Abschluss. Auf die Frage nach der Anzahl Torschüsse gegen den SCB sagt er gegenüber 20 Minuten Online unwirsch: «I gloube ä keinä.»

Zwei Spiele, null Torschüsse. Weil der SCB defensiv solider steht als eine NHL-Verteidigung. Am 18. September 2009 kommt Steiner in der Saisonvorbereitung zu seiner einzigen NHL-Partie (0:2 gegen Minnesota) und trifft einmal den Pfosten. Statistisch war er also gegen die Abwehr eines NHL-Teams in einem Spiel erfolgreicher als nun gegen den SCB. Solche Vergleiche nerven ihn. «Das ist doch was ganz anderes.»

SCB zeigt Playoff-Gesicht

Doch da irrt Steiner. Dieser unkonventionelle globale statistische Vergleich lügt nicht: Die SCB-Abwehr hat NHL-Format. Der Meister ist defensiv zumindest in lichten Momenten reif für die NHL. Simon Moser, Langnaus kräftigster Stürmer, bestätigt diesen Eindruck: «Der SCB spielt anders als während der Qualifikation. Viel einfacher und schon in der neutralen Zone besser organisiert. Während der Qualifikation versuchten einzelne Spieler riskante Pässe und Dribblings und es war viel einfacher, einem Gegenspieler den Puck abzunehmen.» Zudem sei das SCB-Forechecking so wirkungsvoll, dass die Pässe aus der eigenen Zone heraus nicht mehr schnell und präzis gespielt werden. «So können wir auch nicht mehr mit hohem Tempo ins gegnerische Verteidigungsdrittel fahren.»

Tigers-Trainer John Fust hat am Mittwoch die Linien im Training umgestellt, ein paar Varianten für die schnelle Angriffsauslösung üben lassen. Er ist stolz auf die Leistung, aber unzufrieden mit dem Resultat und kennt gegen die offensive Wirkungslosigkeit kein Rezept. Seine Spieler haben bis auf eine Ausnahme in diesen Playoffs alles gegeben. «Es ist jetzt an unseren Schlüsselspielern, die Tore zu erzielen.» Fust meint seine kanadischen Stürmer Mike Iggulden und Pascal Pelletier - und Daniel Steiner. Iggulden und Pelletier haben keine Ausreden, Steiner immerhin eine: Er hat in der Weihnachtspause beim Raufen mit Sébastien Schilt sein Bein gebrochen und ist erst fürs letzte Qualifikationsspiel wieder ins Team zurückgekehrt. Er sagt zwar, er sei wieder fit. «Aber den Rhythmus habe ich noch nicht ganz gefunden.» Das ist keine Ausrede: Nur wenn Steiners Spiel schnell und gut getimt ist, kommt er zu Torchancen.

Ist Camenzind schon bei den Lakers?

Bleibt noch die Nennung des Spielers, der zuletzt nicht mehr ganz an seine Leistungsgrenze gegangen ist: Er heisst Andreas Camenzind (29). Seit er bei den Lakers unterschrieben hat, geruht er nicht mehr zu arbeiten. Auf Camenzind angesprochen, blickt Fust zum Dach der Halle hinauf, hinüber in die Tribünen, dann erst zum Fragesteller, verzieht das Gesicht wie beim Zahnarzt und bittet um die nächste Frage.

Aber die Playoffs haben schon immer ihre ganz eigenen Heldengeschichten geschrieben. Es wäre nicht mal eine Überraschung, wenn Andreas Camenzind als erster Langnauer in dieser Viertelfinal-Serie gegen den SCB einen Treffer bei fünf gegen fünf Feldspieler erzielen würde.