Krawalle in Vancouver

17. Juni 2011 11:49; Akt: 17.06.2011 12:04 Print

Die Raserei der schlechten Verlierer

von Jürg Federer, USA - Ausschreitungen nach Sportanlässen sind in Nordamerika ein bekanntes Phänomen. Allerdings haben die Randale, die aus reinem Fan-Frust entstehen, zugenommen.

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Nach der Niederlage der Canucks im Stanley-Cup-Final kam es in Vancouver zu heftigen Ausschreitungen.

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Am 13. März 1955 sperrte der damalige NHL-Präsident Clarence Campbell den Superstar der Montreal Canadiens, Maurice «The Rocket» Richard, für den Rest der Saison und die Playoffs. Richard hatte in einer Partie gegen die Boston Bruins den Gegenspieler mit Stockschlägen gegen den Kopf traktiert und einen Linienrichter, der ihn von den Tätlichkeiten abhalten wollte, mit einem Faustschlag niedergestreckt. Campbell hat zum nächsten Heimspiel Montreals seinen Besuch angekündigt. Beim Betreten des Stadions wurden der NHL-Präsident und seine Frau mit Eiern, Gemüse und allen anderen mobilen Waren, die den Fans in die Finger kamen, beworfen. Die Polizei löste die Krawalle im Stadion mit einer Tränengasbombe auf, was die wütende Masse nach draussen auf die Strassen trieb. Der Mob wütete eine ganze Nacht lang und richtete einen Schaden von 500 000 US-Dollar an. Über 100 Randalierer wurden in dieser Nacht in Montreal verhaftet. Die Ausschreitungen wurden damals als «gewalttätig sogar nach Eishockeymassstäben» bezeichnet.

Drei Tote in Boston

Am Mittwochabend, mehr als 50 Jahre später, wurde die Stadt Vancouver nach dem letzten Stanley-Cup-Finalspiel von einem vergleichbaren Mob heimgesucht (20 Minuten Online berichtete). Durchschnittlich registrieren die nordamerikanischen Behörden 15 solcher Vorfälle pro Jahr – mit einer steigenden Tendenz. Vorwiegend junge Fans richten nach wichtigen Sportentscheidungen regelmässig Schaden an und dabei spielt der Sieg oder die Niederlage ihres Teams eine untergeordnete Rolle. Gerade die Stadt Boston, am Mittwochabend im Stanley-Cup-Final siegreich, wurde bei Siegesfeiern schon mehrmals von schlimmen Ausschreitungen heimgesucht. Nachdem die New England Patriots im Februar 2004 den Super Bowl gewonnen hatten, starb ein 21-jähriger Jugendlicher während der Meisterfeier, weil er von einem Auto überfahren wurde. Nur acht Monate später starb eine 21-jährige Studentin, nachdem sie im Rahmen der Meisterfeier der Boston Red Sox von einer Tränengasbombe der Polizei getroffen worden war. Und im Juni 2008 starb ein 22-jähriger Student, der im Verlauf der Meisterfeier der Boston Celtics von der Polizei in Gewahrsam genommen wurde, in seiner Gefängniszelle.

Friedliche Meisterfeier der Bruins

Die Polizei in Boston war aufgrund dieser Erfahrungen am Mittwochabend mit einer Hundertschaft vor Ort anwesend, als die Boston Bruins im entfernten Vancouver den Stanley Cup gewannen. Augenzeugen berichteten auch aus Boston von einigen Brandherden, einige Fans hätten Strassenschilder aus der Verankerung gelöst mit der Absicht, Geschäfte zu plündern. Doch anders als in Vancouver hatte die Polizei die Situation in Boston jederzeit im Griff. Sogar das Anzünden von Feuerwerk wurde unterbunden, und so war die Siegesfeier der Boston Bruins in ihrer Heimat nach drei tragischen Vorfällen bei Meisterfeiern friedlich, aber auch etwas farblos verlaufen.

«Der Diebstahl eines Stadionsitzes beeindruckt nicht mehr»

Jerry Lewis, ein Soziologe an der Kent State Universität, begründet die zunehmende Gewalt nach wichtigen Sportentscheidungen mit der Hysterie bei solchen Anlässen. «Der Gewinner verdient alles, der Verlierer nichts. Früher sind beide Seiten der Medaille sportlich akzeptiert worden, doch heute, wo Sport ein Milliardengeschäft ist, hat der Sieg viel mehr Wert als nur sportliche Anerkennung, und die Niederlage ist umso frustrierender», so Lewis. Die Randalierer seien immer fast ausschliesslich Jugendliche. «Männer sind in jungen Jahren sorglos und leicht zu beeinflussen», zieht Peter Roby, der Direktor des Northeastern University Center für Studien über Sport und Gesellschaft, Bilanz. «Sie haben gehört, dass man nach Sportanlässen Randale machen kann, und sie nutzen die Gelegenheit, ihren Kollegen zu beweisen, wie mutig sie sind. Aus einer Mixtur aus jugendlichem Adrenalin, Alkohol und Begeisterung für Sport wird dann schnell ein gefährlicher Cocktail, der zu Szenen wie in Vancouver führen kann.» Besorgniserregend sei dabei vor allem, dass heute der schelmische Diebstahl eines gegnerischen Torpfostens oder das Mitnehmen eines Stadionsitzes einfach nicht mehr Eindruck mache. Man müsse, um sich zu beweisen, immer die Randale übertreffen, von denen man in der Vergangenheit gehört habe.

Vier Riots in der NHL Geschichte

Seit März 1955 hat die NHL noch drei grosse «Riots» registriert: 1993 in Montreal nach dem letzten Stanley-Cup-Gewinn der Canadiens, 1994 in Vancouver nach der Niederlage der Canucks gegen die New York Rangers und am Mittwochabend in Vancouver nach der Niederlage gegen die Boston Bruins. Maurice «The Rocket» Richard hat sich übrigens 1955 in der Öffentlichkeit für seine Tätlichkeit, die Auslöser für die Unruhen war, entschuldigt. Er versprach den Montreal-Fans, nach Ablauf seiner Sperre zurückzukommen und den Stanley Cup zu gewinnen. Richard hielt Wort und gewann gleich fünf Stanley Cups in Serie. Die Siegesfeiern sind damals alle friedlich verlaufen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Urs Schöner am 17.06.2011 13:49 Report Diesen Beitrag melden

    Frust

    Frust wird gestaut, jedes mal wenn man von Millionengehältern liest, von Steuerpauschalen hört, Kindervergewaltiger die Rückfällig werden, steigende Kosten und Steuern, mehr Kontrolle und Überwachung usw. Da ist für einige der Zeitpunkt gekommen um bei einem verloren Spiel die Sau rauszulassen. Was ist nun trauriger? Die Randalen oder alles was dazu führt?

  • Devilman am 17.06.2011 13:18 Report Diesen Beitrag melden

    Chli Röscheschiere...

    1996 in Denver nach dem Stanley Cup Sieg der Colorado Avalanche gings auch ab. @Peter Hofer: Randalierende Hockeyfans sind wahrlich nicht als Linke bekannt...

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  • Hans am 17.06.2011 12:43 Report Diesen Beitrag melden

    Nordamerikanische Fankultur

    Immer noch besser als bei uns wo's bei jedem 2. Fussball- und jedem 5. Eishockeyspiel Randale gibt.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Urs Schöner am 17.06.2011 13:49 Report Diesen Beitrag melden

    Frust

    Frust wird gestaut, jedes mal wenn man von Millionengehältern liest, von Steuerpauschalen hört, Kindervergewaltiger die Rückfällig werden, steigende Kosten und Steuern, mehr Kontrolle und Überwachung usw. Da ist für einige der Zeitpunkt gekommen um bei einem verloren Spiel die Sau rauszulassen. Was ist nun trauriger? Die Randalen oder alles was dazu führt?

  • Devilman am 17.06.2011 13:18 Report Diesen Beitrag melden

    Chli Röscheschiere...

    1996 in Denver nach dem Stanley Cup Sieg der Colorado Avalanche gings auch ab. @Peter Hofer: Randalierende Hockeyfans sind wahrlich nicht als Linke bekannt...

    • Peter Hofer am 17.06.2011 14:13 Report Diesen Beitrag melden

      Wiiter röscheschiere

      Hoffentlich auch nicht! Das wäre der Niedergang des Hockey-Sports!

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  • Hans am 17.06.2011 12:43 Report Diesen Beitrag melden

    Nordamerikanische Fankultur

    Immer noch besser als bei uns wo's bei jedem 2. Fussball- und jedem 5. Eishockeyspiel Randale gibt.

    • Rem0 am 17.06.2011 12:59 Report Diesen Beitrag melden

      naja..

      .. Vergleiche mal das Ausmass der Randalen in der Schweiz mit denen in den USA. Du wirst ziemlich schnell zum Schluss kommen, dass du mit deiner Aussage völlig falsch liegst..

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  • Peter Hofer am 17.06.2011 12:34 Report Diesen Beitrag melden

    Gewinner randalieren nicht!

    Sind die Randalierer in der Schweiz keine schlechten Verlierer??? Hierzulande passiert das nach fast jedem Fussball oder Eishockeyspiel, oder an einem gewissen Feiertag. Verlieren scheint nur den Funken zu zünden und da die Linken sowieso Verlierer sind braucht es am 1 Mai keinen Funken.

    • Hans Nötig am 17.06.2011 12:53 Report Diesen Beitrag melden

      Irrtum

      Ach ja?? auch in diesem Ausmass mit brennenden Autos? Informieren Sie sich zuerst, bevor Sie etwas schreiben.

    • Schnurri am 17.06.2011 13:48 Report Diesen Beitrag melden

      blabla

      Ich besuche viele Fussballspiele und habe jedoch noch nie ein brennendes Auto gesehen und das Personen starben habe ich auch noch nicht mitbekommen.

    • Thomy am 17.06.2011 13:51 Report Diesen Beitrag melden

      Sogar in schlimmerem Ausmass

      Ja "Hans", sogar in schlimmerem Ausmass. Denn bei uns richtet sich die Gewalt im Sport in erster Linie gegen Menschen und nicht gegen Material. Und am 1. Mai gab es schon genügend brennende Autos. Ich kann Peter nur Recht geben.

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