Analyse

27. November 2018 11:52; Akt: 27.11.2018 13:05 Print

Die tickende Zeitbombe ist explodiert

von Kristian Kapp - Warum Arno Del Curto nicht mehr Trainer des HC Davos ist. Und was dem Rekordmeister nun droht.

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Arno Del Curtos Karriere in Bildern: 1996 kehrt der gebürtige St. Moritzer in seinen Heimatkanton Graubünden zurück und übernimmt den HC Davos. Und er führt ihn schnell zu grossen Erfolgen: Im Jahr 2000 gewinnt er mit dem HCD den Spengler-Cup. Es ist das erste Mal seit 1958, dass der Verein sein eigenes Traditionsturnier gewinnen kann. Titelverteidigung beim Spengler-Cup 2001: Del Curto erhält von HCD-Präsident Erwin Wyrsch (r.) und dem Finanzchef Roman Gasser eine Bierdusche. Der erste Meistertitel unter Del Curto ist 2001/02 Tatsache: Ralph Ott (l,) und Thierry Paterlini tragen ihren Coach auf den Schultern. Den entscheidenden Sieg holt der HCD im Hallenstadion. Ziehvater von Hockey-Spielern verschiedenen Alters (Bild von 2003): Bevor er zum HCD kam, war Del Curto auch Coach der Schweizer U-20-Nationalmannschaft. Am Spengler Cup trainiert er jeweils noch viel jüngere Eishockey-Kids. Die Energie, die Del Curto ausstrahlt, scheint sich auf seine Spieler zu übertragen: Hier peitscht er seine Davoser 2005 zum Playoff-Halbfinalsieg gegen den SC Bern. Eine Verneigung vor den Fans: Arno Del Curto auf dem Meisterbalkon 2005. Warum nicht mal einen Quatsch machen? Arno Del Curto liefert sich mit Yves Sarault vom Team Canada einen Plauschkampf am Spengler Cup 2007. Der Eindruck täuscht: So routiniert, wie sich Del Curto meist gibt, hat er den Weg zu einem Meistertitel nie erlebt. Hier lässt er sich bei der Feier 2007 durch Davos kutschieren. Scheut das Rampenlicht: Arno Del Curto mochte es nicht besonders, wenn er für irgend eine Ehrung auf die Bühne gehen und dazu noch «einen Kittel» anziehen musste. Hier nimmt er im Dezember 2007 von André Rötheli den Preis für den Trainer des Jahres entgegen. Immer schön weiter im Zwei-Jahres-Ryhthmus: Del Curto und Beat Forster freuen sich über den Meistertitel 2009. Er ist von klassischer Musik fasziniert und wäre gerne Dirigent geworden: Irgendwie sieht man das auf diesem Bild aus dem Jahr 2011. Der fünfte Meistertitel unter Del Curto 2011: Der Kulttrainer sitzt fest im Sattel (beziehungsweise am Steuer). Oben lacht Reto von Arx, einer seiner wichtigsten Spieler in seiner Zeit beim HCD. Ungewohnt: Bei seiner zweiten Ehrung zum Schweizer Trainer des Jahres hat sich Del Curto 2011 sogar für eine Krawatte entschieden. Ja, er war ganz sicher der Vater des Davoser Erfolgs der letzten Jahre: Fans lassen Arno Del Curto 2012 hochleben. Er gilt als absolut eishockey-verrückt: Wenn die Spieler seine Ideen von einem schnellen, intelligenten Eishockey nicht verstehen wollten oder konnten, wirkte Del Curto manchmal, als verzweifle er. 2015, das letzte grosse Halali unter Del Curto: Der HCD wird zum bislang letzten Mal Meister. Ein Verein in der Kriese: Eine Enttäuschung wird der Cupfinal 2018, den der HCD gegen die unterklassigen Rapperswil-Jona Lagers verlieren. Es ist vielleicht schon eine kleine Vorahnung darauf, dass sich seine Erfolgszeit in Davos dem Ende zuneigt.

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Das Undenkbare ist passiert: Arno Del Curto ist nach 22 Jahren nicht mehr Trainer des HC Davos. Weil er genug hatte – und zurücktrat. Und weil Teile der Mannschaft genug von ihm hatten. Es ist schon ironisch. Es war stets die grosse Stärke des ewigen Davoser Trainers: die Kommunikation. Und genau wegen deren Mangel auf allen Ebenen im Club ist die tickende Zeitbombe in Davos nun explodiert.

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Es war ein Hin und Her, mehrfach kam der Trainer auf seinen Entscheid zurück, nach Sitzungen am Sonntag, nach dem 5:1-Sieg in Zürich, glaubte man in Davos bis am Montagabend an eine Lösung mit Del Curto, die Ende Saison zu Ende gehen würde. Doch am Dienstagmorgen wusste es der Trainer: Er mag nicht mehr.

Fehler machten alle, sonst wäre der HCD derzeit nicht Zweitletzter der National-League-Tabelle. Doch das ist nicht das Hauptproblem. Langjährige Weggefährten, die fünf, zehn oder 15 Jahre nicht nur professionelle Beziehungen, sondern schon Freundschaften miteinander pflegten, redeten am Ende nicht mehr miteinander. Es ging schon so weit, dass einzelne Spieler, auf dem Papier Leistungsträger, mit dem Abgang aus Davos drohten, sollte Del Curto nächste Saison noch Trainer in Davos sein.

Del Curtos Freunde und Feinde

All das geschah nicht in Gesprächen unter vier Augen, sondern um mehrere Ecken herum. Davos war zuletzt ein Ort der brodelnden Gerüchteküche, der Verschwörungstheorien, vermeintlicher Komplotte. Und ein Ort, in dem jeder nur hinter vorgehaltener Hand über die Problematik reden wollte.

Arno Del Curtos Karriere in Bildern

Der HC Davos, stolzer Rekordmeister, steht nun vor einer riesengrossen Herausforderung. Wer soll Nachfolger von Arno Del Curto werden? Wer will überhaupt so eine Nachfolge antreten? Ein grosses, vielleicht sogar kaum unüberwindbares Problem sind die Fraktionen innerhalb der Mannschaft, des Clubs, des Dorfes.

Der HCD hat zwei überlebenswichtige Gönnervereine: Den potenten Kristallclub, vorwiegend aus Leuten aus dem Unterland zusammengesetzt, in dem sich eher Del-Curto-Anhänger finden. Und den Club 89, einer Vereinigung aus Davos, wo eher das Gegenteil herrscht.

Wie reagieren die Leistungsträger?

Del Curto hat also Anhänger und Gegner, aus beiden Lagern finden sich auf allen Ebenen Vertreter. Doch diese werden weiterhin Teil des HC Davos bleiben und müssen einen gemeinsamen Nenner finden. Die Zeit eilt. Dies gilt nicht nur, aber vor allem für die Spieler. Leistungsträger waren bislang nicht wirklich Leistungsträger. Nun, da Del Curto sofort weg ist, müsste das also ihrer Performance einen grossen Schub verleihen. Ob das aber wirklich so einfach ist?

Im Moment scheint die «Mission HC Davos» eine fast unlösbare Aufgabe. Denn es plagen den Rekordmeister auch sportlich gravierende Probleme. Probleme, die gerne kleingeredet werden, auf allen Ebenen des Clubs. Das Chaos, das nun herrscht, wird diese Probleme nicht kleiner machen. Wenn der HC Davos nun nicht die richtigen Weichen stellt, droht er nicht nur das Playoff zu verpassen. Im Moment ist er mit Hochgeschwindigkeit unterwegs Richtung Swiss League. Das ist die Realität.

Del Curtos Rücktritt ist wohl nicht das berühmte «Ende des Schreckens», sondern ein «Schrecken ohne Ende». Der Schrecken dürfte noch eine Weile als Besucher im Landwassertal verweilen.

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