Stanley Cup Final

01. Juni 2011 12:52; Akt: 01.06.2011 20:26 Print

Ein Ammenmärchen ebnet den Weg

von Jürg Federer - Die Stürmer der Vancouver Canucks sind so gut, dass sie trotz defensiver Schwächen den Stanley Cup gewinnen können. Ein Wörtchen mitzureden haben aber auch die beiden Torhüter.

storybild

Canucks Goalie Roberto Luongo bereitet sich auf den Stanley Cup Final vor. (Bild: Keystone)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Es war ein gutes Jahr für junge Torhüter in der NHL. Eine Saison, nachdem sich mit Michael Leighton (Philadelphia Flyers) und Antti Niemi (ex-Chicago Blackhawks, jetzt San Jose Sharks) zwei namenlose Goalies im Stanley Cup Finale gegenüberstanden, versuchten gleich einige General Manager der NHL, die Gunst der Stunde zu nutzen und auf der Torhüterposition Geld zu sparen. Würde der Erfolg mit einem namenlosen Goalie gelingen, wäre das ein Husarenstück, denn eine in Stein gemeisselte Eishockeyweisheit besagt: «Nur mit einem Top-Torhüter kann man eine Meisterschaft gewinnen.» Schlägt das Projekt fehl, liegt die Entschuldigung der NHL-Manager auf der Hand. Wenn Chicago nach 49 erfolglosen Jahren mit einem namenlosen Goalie den Stanley Cup gewinnen kann, dann kann das jedem gelingen. Das Experiment mit Jungtorhütern hat Teams wie Philadelphia oder Washington eine aufregende Regular Season beschert und deren Goalies Sergei Bobrovsky und Michal Neuvirth einen Arbeitsplatz in der NHL gesichert. Doch letztendlich hat ihre Verpflichtung nur den Weg für Vancouvers Roberto Luongo und Bostons Tim Thomas ins Stanley Cup Finale geebnet. Sowohl Thomas als auch Luongo verdienen fünf Millionen US-Dollar oder mehr, sie tragen nicht zur finanziellen Entlastung ihrer Arbeitgeber bei, aber sie garantieren für den Erfolg. Beide wurden nach der Regular Season für die Vezina Trophy (bester Torhüter der NHL) nominiert und sie standen auch in den Playoffs am Ursprung des Erfolgs ihrer Teams. Wenn sich zwei Weltklassegoalies von diesem Format im Stanley Cup Final gegenüberstehen, muss man sich auch fragen, wer denn die besseren Stürmer vor sich hat, um den gegnerischen Torhüter zu bezwingen.

Mit negativer Bilanz in den Final

Die Vancouver Canucks sind mit Stürmerwaffen der feinsten Güte ausgestattet. Sie vertrauen auf die NHL-Topskorer der vergangenen zwei Jahre, verteilt auf die Zwillinge Henrik und Daniel Sedin. Mit Ryan Kessler wissen sie einen der besten Center für die zweite Angriffsreihe in ihrem Team und mit Maxim Lapierre, Raffi Torres und Jannik Hansen verfügen sie über die gefährlichste dritte Sturmformation der NHL. Vancouver ist offensiv so stark, dass die Canucks das Stanley-Cup-Finale erreichten, obschon zwölf ihrer Spieler in den Playoffs eine negative Plus/Minus-Bilanz ausweisen. Und ihr Torhüter Roberto Luongo spielt auf so hohem Niveau, dass die defensive Schwäche der Stürmer nicht über Erfolg oder Misserfolg entschieden hat.

Geschichte wird auf jeden Fall geschrieben

Das Spiel von Boston ist dem gegenüber das Verhindern von Torchancen, im Gegensatz zu Vancouver (zwölf) haben nur zwei Bruins-Spieler in den Playoffs eine negative Plus/Minus-Bilanz. Die Boston Bruins haben einen Weg gefunden, mit Montreal und Tampa Bay zwei der besten Defensivsysteme der NHL zu bezwingen und dabei konnten sie nicht einmal auf ein gutes Überzahlspiel bauen. Doch gegen die offensive Übermacht aus Vancouver braucht Boston neben bewährtem Defensivhockey auch ein schlagartig besseres Überzahlspiel, sonst führt kaum ein Weg daran vorbei, dass die Vancouver Canucks im 40. Jahr ihres Bestehens zum ersten Mal den Stanley Cup gewinnen werden. Es sei denn, Tim Thomas ebnet Boston den Weg auf seine eigene Art und Weise, indem er Vancouvers stürmische Übermacht im Alleingang stoppt. Für Boston wäre der Gewinn des Stanley Cup das Ende einer Ära von 39 Jahren ohne Stanley Cup-Erfolg. Geschichte wird in den Stanley Cup Playoffs 2011 also so oder so geschrieben. Und die Geschichte mit den erfolgreichen, unerfahrenen Jungtorhütern wird bereits ein Jahr nach dem Stanley Cup-Final zwischen Michael Leighton (Philadelphia) und Antti Niemi (ex-Chicago, nun San Jose) als Eintagsfliege in die NHL Akten, gleich neben die Ammenmärchen, gelegt werden. Roberto Luongo oder dann Tim Thomas werden die in Stein gemeisselte Regel bestätigen: «Nur mit einem Top-Torhüter kann man eine Meisterschaft gewinnen.»