Simon Gamache

25. Februar 2011 12:11; Akt: 25.02.2011 12:37 Print

Ein Leben in Larrys Hundehütte

von Klaus Zaugg - Der kanadische Schillerfalter Simon Gamache (30) ist zum Playoffstart vom Heimaturlaub zum SCB zurückgekehrt. Er geht durch die schwierigste Phase seiner Karriere.

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Simon Gamache «sitzt» seine Zeit beim SCB ab. (Bild: Keystone/AP)

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In seiner ersten Saison (2006/07) war er NLA-Topskorer, Publikumsliebling und einer der Leitwölfe der Mannschaft, die den Titel erst im siebten Finalspiel in Davos verloren hat. Gamache verlässt den SCB im Sommer 2007, schafft die Rückkehr in die NHL nicht und kehrt im Laufe der Saison 2007/08) nach Bern zurück. Er ist zu diesem Zeitpunkt der beste Ausländer auf dem Transfermarkt. Lugano ist auch interessiert und so öffnet SCB-Sportchef Sven Leuenberger den Tresor. Der verlorene Sohn lässt sich seine Heimkehr mit einem lukrativen Dreijahresvertrag «vergolden».

Dieser Vertrag hat Simon Gamache kein Glück gebracht. Er wird für das Scheitern in den Viertelfinals von 2008 und 2009 zum Sündenbock gestempelt. Er gehört zwar zum Meisterteam von 2010 – aber nur noch als Aussenseiter. Im März 2010 schmort er 14-mal hintereinander als überzähliger Ausländer auf der Tribüne. Als er dann im zweiten Playoff-Halbfinalspiel gegen Kloten wieder eine Chance erhält, nutzt er diese und schiesst drei Tore.

Trotzdem ist Gamache bis zum heutigen Tag umstritten geblieben. Diese Saison hat er nur noch 26 Partien (7 Tore/18 Assists) für den SCB gespielt.

Der Rebell Gamache

Warum ist das so? Gamache ist so etwas wie Kanadas Antwort auf Daniel Steiner: Seine Berufseinstellung ist zwar ohne Fehl und Tadel. Aber er ist ein taktischer Freidenker, unberechenbar für die Gegenspieler und für den eigenen Coach. Taktisch oft ungehorsam, manchmal vorlaut und ein Rebell, der seine Eigenwilligkeit durch seine Langhaarfrisur provokativ zur Schau trägt. Für den taktischen Puristen Larry Huras ist er einfach eine Spur zu rebellisch. Die Chemie zwischen Huras und Gamache stimmt nicht.

Die Nordamerikaner erklären Gamaches Situation beim SCB mit einer Redewendung: «Inhabiting the coach’s doghouse»: Wer mit dem Coach das Heu nicht mehr auf der gleichen Bühne hat, muss im «doghouse» (wörtlich übersetzt: Hundehütte) des Trainers leben. Will heissen: Gamache wird aus dem Team ausgeschlossen, er darf sich im Wohnzimmer des Coaches nicht mehr am Ofen des Vertrauens wärmen. Sein Platz ist draussen in der Hundehütte.

Es ist einfacher, Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger zu einem feurigen Plädoyer für das Wesen und Wirken der SVP zu überreden, als von Simon Gamache ein Lob für Trainer Larry Huras zu bekommen. Aber als Profi ist ihm klar, dass er in Zeiten der Playoffs die Polemik zu meiden hat wie der Teufel den Sturz ins Weihwasserbecken.

«Ich lasse mich nicht verunsichern»

Der offensive Freidenker beschönigt seine Situation gegenüber 20 Minuten Online nicht. «Ich stecke in der schwierigsten Phase meiner Karriere.» Aber ein negatives Statement kommt nicht über seine Lippen. Der 30-jährige Kanadier hält lieber den Mund, trainiert fleissig und wartet geduldig auf seine Chance. Ob er spielen kann oder nicht, weiss er jeweils definitiv erst beim Aufwärmtraining am Vormittag vor dem Spiel. Unter diesen Umständen sei es nicht einfach, das Selbstvertrauen zu bewahren. «Aber ich denke, mein Selbstvertrauen ist stark genug. Ich lasse mich nicht verunsichern.»

Gamaches Vertrag läuft im Frühjahr aus. Nächste Saison stürmt er zusammen mit seinem Freund Christian Dubé für Fribourg-Gottéron. Dubé ist zur Zeit der beste Einzelspieler beim SCB – und kann Gamache doch nicht helfen. «Das ist schon gut so. Unsere Freundschaft hat nichts mit der beruflichen Situation zu tun. Wichtiger ist für uns der Erfolg des Teams.»

In Nordamerika würden Spieler in der Situation von Gamache ins Farmteam relegiert. Aber wir haben kein Farmteam-System. Deshalb muss Gamache ausharren und, um die Redewendung der Kanadier zu verwenden, in der Hundehütte von Larry Huras leben.

Wechsel bewusst erst im Sommer

Ein vom Trainer und Sportchef Sven Leuenberger Ende Januar angeregter vorzeitiger Transfer zum künftigen Arbeitgeber Gottéron hat Gamache klugerweise abgelehnt (20 Minuten Online berichtete). Gottérons Mannschaft steckt in einer schwierigen Situation und der Kanadier wäre bei einem frühzeitigen Wechsel bloss ein Teil der aktuellen Probleme geworden. Er hätte nur verlieren und seinen Ruf ruinieren können. In Erinnerung bleibt nun den Gottéron-Fans sein kurzes Gastspiel zu Beginn der Qualifikation (6 Spiele/4 Tore/7 Assists) und sie werden ihn im nächsten Herbst als Erlöser aus der sportlichen Mittelmässigkeit jubelnd begrüssen.

Dubé wird nach seinem Transfer zu Fribourg weiterhin in der Stadt Bern wohnen. Das kommt für Gamache nicht in Frage: «Wir ziehen nach Fribourg.» Er sagt nicht warum. Aber sein Gesichtsausdruck verrät es: Er möchte nicht riskieren, in der Stadt Larry Huras über den Weg zu laufen.