McSorley sitzt in der Falle

17. Februar 2011 08:26; Akt: 17.02.2011 08:57 Print

Endzeit bei Servette?

von Klaus Zaugg - Servette-General Chris McSorley hat aus einem NLB-Krisenclub ein NLA-Vorzeigeunternehmen geschmiedet. Jetzt lassen ihn die Politiker hängen. So sind Servettes Tage als Spitzenteam gezählt.

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Wie lange lässt sich Chris McSorley von der Stadt Genf noch hinhalten?

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Die Arena im Besitz der Stadt Genf ist baufällig. Die Stadtväter hatten Servette für den Sommer 2010 eine ordentliche Renovation mit etwas mehr als 200 neuen VIP- und Logenplätzen versprochen. Dieser Umbau hätte es Servette ermöglicht, über eine Million Mehreinnahmen zu generieren. Zudem hat die öffentliche Hand zugesichert, die Nachwuchsorganisation «Association Genève Futur Hockey» mit mehr als einer Million zu alimentieren und ein Projekt für eine neue Arena (bezugsbereit 2015) anzuschieben.

Doch gemäss Präsident Hugh Quennec - zusammen mit Chris McSorley Servette-Besitzer - ist bis heute keines dieser Versprechen erfüllt worden. Die Lotterhalle ist nicht renoviert, ein konkretes Projekt für eine neue Arena gibt es immer noch nicht, und auf eine Tranche für die Nachwuchsorganisation in der Höhe von 550 000 Franken wartet Quennec nach eigenen Angaben seit mehreren Monaten. Er ist beunruhigt. «Vor allem das Ausbleiben der 550 000 Franken bringt uns in Schwierigkeiten.»

«Dann müssen wir unser Budget reduzieren»

Es gingen Gerüchte um, das Geld werde nicht für die Nachwuchsorganisation verwendet. Sondern für die Zahlung von Spielersalären. Deshalb verzögere sich die Auszahlung. Kritiker monierten, die Transparenz sei nicht gegeben, weil McSorley und Quennec auch die Nachwuchsorganisation kontrollieren. «Das hat uns sehr geschadet», sagt Quennec gegenüber 20 Minuten Online. «Dabei haben mehrere unabhängige Revisionen längst gezeigt, dass alles in Ordnung ist und es wirklich nur Gerüchte sind.»

Aber was nun? «Ich gehe davon aus, dass die Versprechen eingehalten werden und das Geld überwiesen wird», sagt Quennec. Und was ist, wenn nicht bezahlt, die Arena nicht renoviert und auch keine neue Arena gebaut wird? «Dann müssen wir unser Budget reduzieren. Wir sind zweimal bis ins Finale gekommen, wir füllen die Arena, wir haben den Beweis erbracht, dass wir dazu in der Lage sind, ein Hockeyunternehmen erfolgreich zu führen. Wenn man uns aber die für das Hockeybusiness notwendige Infrastruktur nicht zur Verfügung stellt, dann müssen wir die Konsequenzen ziehen. Wir haben jetzt schon eines der kleineren Budgets in der Liga und wären gezwungen, dieses Budget durch Verkäufe von Spielern weiter zu reduzieren.» Damit aber wären die Tage von Servette als Spitzenteam gezählt.

In der Krise aufgebaut

Hugh Quennec lehnt das Mäzenatentum ab. «Es kann nicht sein, dass wir den Spielbetrieb auf dem aktuellen Niveau mit Mäzenen finanzieren müssen. Entweder haben wir die Infrastruktur, um das Hockeygeschäft wirtschaftlich erfolgreich zu betreiben, oder wir lassen es sein.» Nach eigenen Angaben geschäftet Servette mit einem Budget von rund neun Millionen Franken. Das ist aber immer noch eine halbe Million mehr, als beispielsweise die SCL Tigers zur Verfügung haben.

Präsident Hugh Quennec und sein Manager und Trainer Chris McSorley haben ein Wunder vollbracht: In Zeiten der Krise haben sie in der Westschweiz ein funktionierendes Sportunternehmen aufgebaut. In der gleichen Ära sind Servette und Lausanne im Fussball aus der höchsten Spielklasse verschwunden. Mit 6939 Fans pro Spiel ist Servette bei den Zuschauerzahlen die Nummer drei im Lande hinter dem SC Bern (15 803) und den ZSC Lions (7675).

Schon der Fussball wurde fallengelassen

Aber das Unternehmen ist auf die Politiker angewiesen, um mit einer entsprechenden Infrastruktur diese Zuschauer bewirtschaften zu können. Der Präsident und sein Manager sitzen deshalb in der Falle: Sie versuchen zwar, die Politiker aufzurütteln und sie haben mit dem Verkauf von Nationalstürmer Thomas Déruns aus einem laufenden Vertrag heraus (zum SC Bern) gezeigt, dass die Lage ernst ist. Aber sie waren bisher sportlich so erfolgreich, dass niemand in der Stadt ihre Warnrufe wirklich ernst nimmt.

Druck auf die Politiker lässt sich in dieser Stadt nicht aufbauen. Auch die immer wieder gestreuten und von den Medien dankbar aufgenommenen Gerüchte, man ziehe nach Lausanne um, wenn in Genf die Hockey-Infrastruktur nicht verbessert werde, schrecken niemanden mehr auf und haben keinerlei Wirkung. Denn: Eine Option ist das nur theoretisch. Aber nicht im wirklichen Leben. Und die Geschichte lehrt uns, dass in der Stadt Calvins der Sportkapitalismus keine Lobby hat: Genfs Politiker haben schon das Fussballunternehmen Servette (17-facher Schweizer Meister und siebenmaliger Cupsieger!) mit Karacho untergehen lassen, und es dabei in Kauf genommen, dass ein nigelnagelneues Fussballstadion leer bleibt. Schliesslich hat Genfs grosser Reformator Johannes Calvin gelehrt: «Ora e labora» («Bete und arbeite»). Von Fussball und Hockey hat er nichts gesagt.

Ohne Renovation keine Spitzeneishockey

Hugh Quennec und Chris McSorley wirken bei ihrem Kampf gegen Genfs politische Windmühlen wie zwei Pokerspieler, die sich cool und siegesgewiss geben und nicht merken, dass sie die Karten verkehrt herum halten. McSorley sagt denn auch: «Nein, wir zügeln nicht nach Lausanne. Ich möchte bis zum Ende meiner Karriere in Genf bleiben. An den Gerüchten, ich sei daran, meinen Abgang nach Lausanne vorzubereiten, ist kein einziges wahres Wort dran.» Und Quennec räumt ein, dass man alles tun wolle, um in Genf zu bleiben. «Wir haben schon mehrfach klar gemacht, dass wir in Genf bleiben. Wir geben nicht einfach auf. Wir kämpfen für unsere Sache.»

Ohne Renovation der Arena oder einem konkreten Neubauprojekt und ohne finanzielle Hilfe für die Ausbildung junger Spieler ist das Hockeygeschäft in Genf auf Dauer nicht mehr finanzierbar. Alle bisherigen Investitionen ins Hockeybusiness sind in der Hoffnung auf eine Verbesserung der Infrastruktur gemacht worden. Es waren Investitionen in die Zukunft. Diese Zukunft ist jetzt Gegenwart geworden.

«Dann gibt es in Genf kein Spitzenteam mehr»

Die amerikanische Anschutz-Gruppe, eines der weltweit grössten Unternehmen im Bereich Life Entertainment und Sport, hat die Geduld längst verloren. Anschutz orchestrierte und finanzierte den Aufstieg in die NLA. Inzwischen sind die Amerikaner ausgestiegen und haben die Anteile an Servette Chris McSorley und Hugh Quennec verkauft. Vor allem der in Nordamerika gross gewordene McSorley kann es einfach immer noch nicht fassen, dass eine Stadt nicht bereit ist, für ein so erfolgreiches Hockeyunternehmen wie Servette eine Arena bereitzustellen. In Nordamerika ist es schliesslich gang und gäbe, dass selbst hoch verschuldete Städte schon mal 100 Millionen Dollar für eine Arena ausgeben - nur um Sportunternehmen anzulocken. Weil erfolgreichen Sportteams eine aphrodisierende Wirkung auf Gesellschaft und Wirtschaft zugeschrieben wird. Auch Quennec vertritt die Auffassung, dass der Bau eines Stadions sei Sache der öffentlichen Hand sei.

Nach Jahren des Verhandelns und Versprechens und Hinhaltens muss nun gezahlt und gebaut oder mindestens renoviert werden. Quennec gibt zu, dass die ganze Sache einem Finale entgegen treibt: Die Tage der Entscheidung nahen also. Auf die Frage von 20 Minuten Online, was er denn tun werde, wenn all die Versprechungen bis im Sommer nicht eingelöst werden, weicht Servettes Präsident erst aus und erklärt, man kämpfe dafür, dass sich die Situation verbessere. Aber schliesslich sagt er unmissverständlich: «Dann gibt es in Genf kein Spitzenteam mehr. Für Chris McSorley wird das kein Problem sein. Er wird eine neue Arbeit finden.»

McSorley würde Titel mit anderen Teams holen

Das investierte Geld können Hugh Quennec und Chris McSorley mit ein wenig Glück bei einer Liquidation des Unternehmens wieder herausholen, wenn sie die Stars mit lange laufenden Verträgen wie Goran Bezina (bis 2013), John Gobbi (bis 2015) oder Dan Fritsche (bis 2013) verkaufen. Bei Transfers aus laufenden Verträgen heraus ist zwischen einer halben und einer ganzen Million zu verdienen. Anders als die legendären Genfer Sportunternehmer Marc Roger und Jürg Stäubli haben Hugh Quennec und Chris McSorley die Möglichkeit, die Arena als Ehrenmänner verlassen.

Oder noch einfacher gesagt: Wenn sich die Situation in den nächsten Monaten nicht grundlegend ändert, dann kehrt das Hockeyunternehmen Servette bald dorthin zurück, wo es war, bevor es vom Märchenprinzen Chris McSorley im Herbst 2001 wach geküsst worden ist: In den Keller der NLB oder in die 1. Liga. Und der charismatische kanadische Bandengeneral holt in den nächsten Jahren halt mit den ZSC Lions, Fribourg, Lausanne, Zug oder Lugano einen Titel. Was könnte einer wie er mit dem Geld bewegen, das in Zürich, Fribourg und Lugano verbraten wird!

So oder so: Die Endzeit auf dem Hockeyplaneten Genf hat begonnen.

National League A

Datum Spiel Resultat
04.02.17  Biel - Genève-Servette 1:3 (0:0,0:2,1:1)
04.02.17  Bern - ZSC 1:2 (0:0,0:0,1:1,0:1) n.V.
04.02.17  Kloten - Langnau 2:3 (1:0,0:2,1:0,0:1) n.V.
04.02.17  Fribourg-Gottéron - Lausanne 1:3 (0:0,0:0,1:3)
04.02.17  Zug - Davos 3:5 (0:2,1:1,2:2)
04.02.17  Ambri-Piotta - Lugano 4:1 (1:0,1:1,2:0)
05.02.17  Davos - Ambri-Piotta 3:2 (1:0,2:2,0:0)
05.02.17  Lugano - Zug 5:3 (2:0,2:1,1:2)
05.02.17  Genève-Servette - Fribourg-Gottéron 6:3 (2:0,1:0,3:3)
05.02.17  Langnau - Kloten 4:3 (2:0,0:2,1:1,0:0) n.P.
R Mannschaft Sp S U+ U- N G : E P
1. Bern 44 26 5 4 9 137 : 102 92
2. ZSC 44 22 9 7 6 144 : 102 91
3. Zug 44 26 3 6 9 141 : 102 90
4. Lausanne 45 22 5 1 17 142 : 123 77
5. Davos 44 19 4 3 18 132 : 119 68
6. Genève-Servette 45 16 4 10 15 118 : 122 66
7. Biel 44 19 2 3 20 130 : 124 64
8. Lugano 46 16 5 4 21 129 : 151 62

9. Langnau 45 15 4 3 23 108 : 128 56
10. Kloten 45 12 3 10 20 127 : 151 52
11. Ambri-Piotta 45 8 8 4 25 108 : 144 44
12. Fribourg-Gottéron 45 10 5 2 28 112 : 160 42