«Time Out»

13. Februar 2011 09:04; Akt: 13.02.2011 13:04 Print

Faustrecht zwischen Ballet und Mord

von Klaus Zaugg - Das Prügelspiel auf Long Island zeigt spektakulär die Faszination der Gewalt und des Bösen, die dunkle Seite des Eishockeys und den fundamentalen Unterschied zwischen der NHL und unserem Eishockey.

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Der Gegensatz könnte nicht grösser sein: Am Donnerstagnachmittag besuchte ich das NHL-Headoffice in New York, im Herzen von Manhattan. Das Pentagon des Welteishockeys.

Hier ist alles hell, sauber, professionell und freundlich. Der Blick aus den grossen Bürofenstern geht durch den Canyon der Hochhäuser bis hinauf ans Südende des Central Park. Schlägereien im Eishockey? Das gehört sich nicht. Eishockey steht für Dynamik, Eleganz, Tempo und Technik, ist familienhöflich, fair und gewaltfrei.

Würde Eishockey so gespielt, wie es hier nach offizieller Leseart verstanden wird, dann würde ich mich lieber intensiv mit Fussball, Eiskunstlauf und Frauenhockey befassen.

Prügelspiel mit historischen Dimensionen

Etwas mehr als 24 Stunden später und nach einer einstündigen Bahn- und Taxireise draussen in Long Island im Coliseum: Die New York Islanders und die Pittsburgh Penguins zelebrieren uriges Hockey wie in der guten alten Zeit. Mit 21 Restausschlüssen und 347 Strafminuten (20 Minuten Online berichtete).

Ein Prügelspiel mit historischen Dimensionen. Aber nur für Insider. Wer am Freitagabend nicht selber draussen war in Long Island, hat kaum etwas über dieses wunderbare Spiel erfahren. Auf der offiziellen Website der NHL (www.nhl.com) wird der wahre Verlauf ebenso verschleiert wie im offiziellen TV-Magazin der NHL: Gezeigt werden praktisch nur die Tore. Und rund um den Globus orientieren sich die journalistischen Internet-Kindersoldaten über die offiziellen NHL-Kanäle. Wer den wahren Charakter des Spiels erfahren will, muss schon auf die «Piratenseite» www.hockeyfights.com wechseln. Dort werden die besten Kämpfe aus diesem Spiel auf zwölf (!) Videos dokumentiert. Beste Unterhaltung!

Verharmlosung als PR-Strategie

Hinter dieser Verharmlosung steht eine PR-Strategie. Wenn immer möglich, werden solche Prügelspiele von der Liga verharmlos, nicht thematisiert und schon gar nicht in die Welt hinausgetragen.

Aber Eishockey ist ein wunderbares Spiel und lässt sich nicht durch PR-Strategien zähmen. Auch nicht in Amerika.

Die tüchtigen NHL-Generäle aus dem Herzen von Manhattan können offiziell noch so gegen «fighting» sein – sie werden es nie aus dem Spiel verbannen können. Der Versuch, Eishockey zu zivilisieren und in den USA als eine Art «Disney on Ice» zu verkaufen, ist längst gescheitert. Im Grunde sind alle Massnahmen gegen «fighting» aus dem NHL-Pentagon pure Heuchelei und stehen für die Doppelmoral Amerikas: Tief im Herzen und heimlich freut sich jeder an einem Prügelspiel und manchmal wird es sogar zugegeben. Aber erst nach ein paar Gläsern Rotwein.

Boxkultur bleibt erhalten

Die Boxkultur bleibt der NHL also erhalten. Das ist auch ganz im Sinne der Fans. Der Lärmpegel in einer NHL-Arena ist nach einem Tor des Heimteams am höchsten. Am zweithöchsten während eines kernigen Boxkampfes.

Aber warum braucht es hier, anders als bei uns, die Kultur des Boxens? Kanadas Gotthelf Al Purdy hat das wahre Eishockey, das die Massen fasziniert, in einem Satz beschrieben: «Ein Spiel zwischen Ballet und Mord.»

Das tönt martialisch und trifft doch so gut den Kern der Sache. Wenn währen einer so langen Saison so hart gespielt wird, wenn Einschüchterung durch Körperangriffe (Checks) ein legaler Bestandteil eines Spiels ist, dann braucht es das Ventil des Boxkampfes. Die Schiedsrichter können im NHL-Eishockey Recht und Ordnung nicht immer und überall durchsetzen. Es bleibt eine Grauzone der Gesetzlosigkeit, in der Gewalt jenseits der Reglemente ausgeübt wird. Die Spieler selber sorgen durch Faustrecht dafür, dass trotzdem alles in mehr oder weniger geordneten Bahnen verläuft und ziehen jene zur Rechenschaft, die die Grenzen überschritten haben. Dabei halten sie sich an ein Gesetz, das sie sich selber gegeben haben und nicht im Regelbuch festgehalten ist: «The Code».

Schlüsselspieler werden verteidigt

Normalerweise wird das Faustrecht bloss zwischen zwei Spielern in einem Boxkampf Mann gegen Mann ausgeübt. Aber wenn eine Linie überschritten wird, dann wird es hin und wieder Zeit, ein Exempel zu statuieren und eine Mannschaft in die Schranken zu weisen. Vor allem dann, wenn ein Schlüsselspieler angegriffen worden ist.

Im Idealfall kommt es schon ein paar Tage später wieder zu einer Direktbegegnung und noch besser, wenn dann diese nächste Begegnung früh entschieden ist, damit zur Hauptsache geschritten werden kann.

Wir brauchen gar nicht in die gute alte Zeit zurückzublenden. Das war auch so, als Ottawas Martin Havlat mit einem zweihändig geführten Stockschlag auf den Kopf Philadelphias Star Mark Recchi niederstreckte. Acht Tage später, am 5. März 2004, ist bereits die nächste Direktbegegnung in Philadelphia fällig. Unvergessen, wie Philadelphias damaliger Coach Ken Hitchcock den Krieg erklärt und verspricht, Havlat werde «eine Mahlzeit serviert».

Rekord bei 419 Strafminuten

Die Angelegenheit endete mit 419 Strafminuten. Bis heute NHL-Strafenrekord.

Der Auslöser für die Prügelei am letzten Freitag draussen in Long Island ist der Faustkampf acht Tage zuvor zwischen den Torhüter Brent Johnson (Pittsburgh) und Rick DiPietro (Islanders). DiPietro zog sich schwere Gesichtsverletzungen zu und fällt für vier bis sechs Wochen aus. Es passte dann alles wunderbar: Die Partie war nach einem Drittel entschieden und somit konnte zur Sache geschritten werden. Am Ende standen 347 Strafminuten und 21 Restausschlüsse – und es ging so wild zu und her, dass ich tatsächlich übersehen hatte, dass in diesem archaischen Gewaltausbruch doch einer (Pittsburghs Eric Godard) die Spielerbank verlassen hatte, um mitzuprügeln. Er wird die fällige Sperre (10 Spiele) und Busse (10 000 Dollar) kassieren und dürfte seinem Coach Dan Bylsma eine automatische Sperre bescheren. Doch «the Code» ist eingehalten worden: Kampf nur mit den Fäusten und nie mit den Stöcken.

Die Coaches sehen solche Prügelspiele gar nicht ungern. Sehr oft wachsen Mannschaften durch solche Abenteuer erst recht zusammen. Bei dieser Gelegenheit sei daran erinnert, dass die erfolgreichste Nationalmannschaft der Neuzeit jene war, die durch die vaterländische Prügelei gegen Kanada am 13. Februar 1998 in Huttwil zusammengeschweisst worden ist. Ein paar Wochen später erreichte Ralph Krueger bei der WM 1998 zum einzigen Mal die Halbfinals.

Frage ist nicht wann, sondern wo

Die Frage ist also nicht, ob wir wieder eine «fight night» wie am letzten Freitag auf Long Island erleben werden. Sondern nur wann und wo.

Das Spiel ist in der NHL oberflächlich gesehen das gleiche wie bei uns und mindestens ein Drittel aller NLA-Stars hätte das Talent, um in der NHL mitzuspielen. Aber diese Gewaltbereitschaft, diese Kultur des Boxens, dieses «Faustrecht zwischen Ballet und Mord» und der Energieverbrauch (mehr als 30 Spiele mehr als bei uns), unterscheiden die NHL fundamental von unserem Hockey. Wer diese dunklen Seiten des Spiels nicht versteht, akzeptiert und aushält, schafft es nicht.


Fortsetzung des ersten Teils (oben) des Prügelspiels