«Time-out»

02. März 2011 09:22; Akt: 02.03.2011 10:43 Print

Käse bleibt der einzige Traum im Emmental

von Klaus Zaugg - So hoch die Erwartungen vor der Mutter aller Playoffserien, so tief die Enttäuschung: Die beiden Partien gegen den SCB brachten Langnau zwei Niederlagen.

Langnau-Fans nach dem 2:4 gegen den SCB im zweiten Playoff-Spiel.
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Hinter banalen Resultaten (der SCB gewinnt in Bern 3:1 und in Langnau 4:2) verbergen sich die grössten Spiele der SCL Tigers seit dem Wiederaufstieg.

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Gewinnt der SCB die Playoff-Serie gegen Langnau 4:0?
39 %
51 %
10 %
Insgesamt 1023 Teilnehmer

Warum war der Aussenseiter letztlich ohne Chance? Haben die Emmentaler enttäuscht?
Nein.

Die stärksten SCL Tigers seit dem Wiederaufstieg von 1998 haben das Pech, auf einen noch besseren Gegner zu treffen. SCB-Trainer Larry Huras ist es gelungen, Arroganz in Selbstsicherheit zu verwandeln.

Eine der ehrenvollsten Niederlagen aller Zeiten

Das 2:4 im ersten NLA-Playoffheimspiel am Dienstag ist eine der ehrenvollsten Niederlagen aller Zeiten. Die Emmentaler machen alles richtig und verlieren trotzdem: Das mag zeigen, auf welch hohem Niveau diese Partie stand, und wie gut der SCB spielte.

Was machte also die Differenz? Ganz einfach: Den Langnauern fehlt in der «Playoff-Käserei» die wichtigste Zutat. Das Lab.

Talent und Glück fehlten bisher

Ein Käse wird nur dann richtig gut, mit Löchern drin, wenn beim Herstellungsprozess zum richtigen Zeitpunkt die richtige Menge Lab beigemischt wird. Der Käser kann noch so fachkundig und fleissig, die Milch noch so würzig, die «Chäshütte» noch so gut eingerichtet sein – ohne richtig dosiertes Lab gibt es keinen würzigen Käse.

Was das Lab für den Käse, das sind in dieser Playoffserie zwischen den SCL Tigers und dem SC Bern die Faktoren Talent und Glück. Beides fehlte bisher den Langnauern. Deshalb stehen sie noch ohne Sieg da.

Gegen viele andere Teams hätte es gereicht

Sie arbeiten am Dienstagabend so hart wie noch nie unter Trainer John Fust. Torhüter Benjamin Conz wehrt, als ob er tausend Hände hätte, und beim Stande von 2:2 gleich zweimal hintereinander gegen den alleine anstürmenden Ivo Rüthemann. Die Langnauer kontrollieren bei aller Leidenschaft ihre Emotionen und wahren die taktische Disziplin. Der SCB macht aus 41 Torschüssen nur drei Treffer. Der vierte fällt erst, als Conz sein Gehäuse verlassen hat.

Mit ihrer Kampfkraft hätten die Langnauer mit ziemlicher Sicherheit ausser dem HC Davos jeden anderen Gegner vom Eis gearbeitet: Kloten, die ZSC Lions, Servette und Zug. Aber nicht diesen SC Bern. Der Meister mobilisiert alle Kräfte. Wir haben in diesen Viertelfinals meisterliche «Big, bad Bears» gesehen. Check um Check, Stockschlag um Stockschlag, Provokation um Provokation wird vergolten.

Hohe Intensität

Langnaus Playoff-Heimpremiere hat vom spielerischen Spektakel her enttäuscht. Aber es war ein hochstehendes Spiel, mit einer in der Schweiz selten gesehenen Intensität. Ein Spiel, das die Zuschauer elektrisiert hat.

Den SCL Tigers fehlen ein oder zwei Spieler, die das Talent dazu haben, solche sportlichen Dramen zu entscheiden. Die selbst bei dieser Intensität Kreativität, Frechheit und Unberechenbarkeit bewahren und die technisch und läuferisch so gut sind, dass sie mit einer Finte, mit einem unerwarteten Antritt den Gegner überraschen können. Es fehlt den SCL Tigers für erfolgreiches Playoff-Käsen die Prise Talent-Lab. Keiner konnte bisher die aufopfernde kämpferische Leistung spielerisch krönen.

Erst Gamache, jetzt Dubé

Der SCB hat diese entscheidende Talent-Zugabe. Im ersten Spiel ist es Simon Gamache, der beim 3:1 bei allen drei Treffern den Stock im Spiel hat. In der zweiten Partie ist er «nur» ein gewöhnlicher Spieler. Aber nun entscheidet Christian Dubé diesen grossen Kampf. Der talentierteste von allen. Der geschmeidige Schillerfalter kurvt, ja fliegt ums Tor herum, bringt sich in Schussposition und bezwingt Benjamin Conz zum 3:2. Dieses Tor stellt den Langnauern genau in dem Moment den Strom ab, als sie drauf und dran sind, den Sieg zu erzwingen (48.). Zuvor hat der Junior Joel Vermin (am 5. Februar gerade mal 19 geworden) zwei Treffer erzielt. Er darf jetzt neben Martin Plüss und Ivo Rüthemann stürmen und das macht in selbstsicherer, schneller, frecher, kreativer und torgefährlicher. Zuvor hat er in der Qualifikation erst ein einziges Tor erzielt.

Dass die Talent-Gesamtsumme beim Meister viel grösser ist, lässt sich nicht ändern. Trotzdem hätten die SCL Tigers am Dienstag den Meister «verkäsen» können. Wenn die Hockeygötter diesem epischen Kampf jene Prise «Glücks-Lab» beigemischt hätten, die ein Aussenseiter einfach braucht, um einen Titanen zu bodigen. Aber auch dieses Glück fehlte den SCL Tigers. Der Puck wollte nicht den Weg der Langnauer gehen. Beispiel: Als Jörg Reber SCB-Goalie Marco Bührer mit einem Weitschuss zum 1:0 überrascht, ist Leitwolf Pascal Pelletier zu früh ins SCB-Verteidigungsdrittel gestürmt und hat den Offside-Pfiff des Linienrichters ausgelöst. Mit diesem Treffer wäre der Meister erstmals in dieser Serie in Rückstand geraten. Wer weiss ...

Langnau muss nichts ändern

Was muss Langnaus Trainer John Fust für das dritte Spiel am Donnerstag in Bern ändern? Nichts. Er hat alles richtig gemacht. Talent kann er keines hinzufügen. Und auf das Glück der Hockeygötter kann er nur hoffen.

Eigentlich könnte John Fust zufrieden sein: Wer hätte denn vor dieser Saison gedacht, dass die Langnauer länger in den Playoffs spielen, als der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg im Amt bleibt?