Vergessener Star

26. Januar 2013 14:17; Akt: 26.01.2013 14:26 Print

Martin Gerber vor einem neuen Hockey-Wunder

von Klaus Zaugg, Ängelholm - Er ist der fast vergessene Held unseres Hockeys. Aber bei der WM könnte Torhüter Martin Gerber (38) unserer wichtigster Einzelspieler sein.

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Die NHL-Stars und die Schweizer in der NHL dominieren diese Saison die Schlagzeilen. Der nach wie vor erfolgreichste «Auslandschweizer» ist dabei in Vergessenheit geraten. Martin Gerber, Schwedischer Meister 2002, Stanley Cup-Sieger 2006, ist drauf und dran, in Schwedens höchster Liga ein Hockeywunder zu vollbringen: Den vorzeitigen Ligaerhalt des Aufsteigers nämlich. Weil Martin Gerber stark spielt wie vielleicht nie.

Gegen Lingköpings hält er im Schlussdrittel mindestens drei «Unhaltbare» und im Penaltyschiessen lässt er sich nicht bezwingen und ermöglicht Rögle den 3:2 Sieg. Gerbers Abwehrquote liegt über 91 Prozent. Obwohl sein Team bisher am meisten Gegentore der ganzen Liga kassiert hat. Der Schweizer Nationaltorhüter, seit 2001 im Ausland tätig (NHL, AHL, Schweden, Russland), wirkt so cool wie vielleicht noch nie. «Nun, vielleicht bin ich ein bisschen ruhiger geworden», sagt er zu dieser Einschätzung. «Das macht wohl die Routine. Ich werde ja im Herbst 39.»

Zehn Punkte fehlen zum Wunder

Rögles Rückstand auf den rettenden 10. Platz beträgt 13 Runden vor Schluss «nur» noch 10 Punkte. 8 Teams schaffen die Playoffs, für den 9. und 10. ist die Saison vorzeitig zu Ende und der 11. und 12. müssen mit den vier besten Teams der zweiten Liga um den Klassenerhalt spielen.

Rögle spielt im südschwedischen Ängelholm, nur anderthalb Zugstunden ausserhalb von Kopenhagen. Gerber ist hier enorm populär und wenn der Ligaerhalt gelingt, will das Management den Emmentaler unbedingt halten. Das grösste schwedische Bauunternehmen steht hinter dem Klub. Die nominell nach wie vor unterdurchschnittlich besetzte Mannschaft mit exzellenter Juniorenförderung wird mit eigenen Spielern nach und nach aufgebaut, dem Torhüter kommt daher eine zentrale Bedeutung zu. Das Team hat diese Saison schon das ganze Krisenprogramm hinter sich und sowohl der Cheftrainer (zum Assistenten degradiert) und zwei Ausländer sind schon ausgewechselt worden.

Gerber, der Aufsteiger-König

Vor einem Jahr hat Martin Gerber schon Aufsteiger Växjö in der Liga gehalten. Nun ist er drauf und dran, dieses Kunststück mit Rögle zu wiederholen. In einer Saison, da in der Schweiz die NHL-Stars und die in der NHL engagierten Schweizer die Schlagzeilen beherrschen, ist Gerber unser vergessener Held in der südschwedischen Provinz. Dabei geniesst er in Schweden, wo er 2002 mit Färjestads Meister war, so etwas wie Kultstatus. Als sich der Chronist aus der Schweiz beim Klubsekretariat von Rögle meldet, fragt die nette Dame beim Empfang hoffnungsfroh: «Oh, sind Sie Gerbers Agent?» Aber es ist nur der Schreiberling. Die Vertrags-Verlängerung muss also warten. Wenn sie denn überhaupt zu Stande kommt.

Martin Gerber hat sich für seine Entscheidungen schon immer viel Zeit gelassen seit er 2001 die SCL Tigers verlassen hat, um die Welt zu erobern und ein Dollarmillionär zu werden. In Langnau hatte er zuletzt gerade mal 110 000 Franken brutto verdient. Sein Agenten Rolf Simmen hat die Tugend der Geduld wohl erlernt. Gerber lässt alles offen, nur eines sagt er jetzt schon klipp und klar: «Ich will auch nächste Saison spielen.» Bei seiner Hochform kommt der Gedanke an Rücktritt schon gar nicht auf. Und er sagt, wenn er Glück habe und gesund bleiben, könne er sich durchaus vorstellen, noch drei, vier Jahre zu spielen.

Martin Gerber verfolgt das Hockey in der Schweiz intensiv. Über Internet und seine Gewährsleute. Es gibt kaum einen anderen Spieler, der hockeyweltweit so gut vernetzt ist. Der Emmentaler ist ein Sprachtalent, spricht fliessend Englisch und Schwedisch. Von überall her bekommt er seine Informationen. Nur wenige wissen so viel über Eishockey wie er. Er könnte von heute auf morgen als Sportchef arbeiten. Und als Chronist auch.

Gedanken zu Stephan-Transfer

Um die SCL Tigers macht er sich schon ein wenig Sorgen. Das neue Stadion gefällt ihm sehr, aber er vermisst die klare sportliche und kommerzielle Strategie. Kontakt mit Langnau hat er aber nur lose. «So ein obligates Telefon jede Saison.» Aber eine Offerte der SCL Tigers habe er nie mehr erhalten. Obwohl er noch nie ausgeschlossen habe, doch noch einmal an der Ilfis zu spielen.

Der Deal, den der EV Zug mit Servettes Tobias Stephan gemacht hat, weckt Martin Gerbers Neugierde. „Ich kann mir fast nicht vorstellen, wie Chris McSorley nächste Saison mit einem Torhüter arbeiten kann, der schon bei einem anderen Klub einen Vertrag hat“ sagt der er mit einem Schmunzeln. Er ahnt: Da wird es einen Deal geben, damit Stephan schon nächste Saison in Zug spielen kann. Und damit kommt er ungewollt selber ins Transfer-Spiel: Warum nicht nächste Saison nach Genf? «So, so», sagt Gerber. «Sind Sie jetzt schon McSorleys Advokat? Nach Genf? Dann muss ich ja noch Französisch lernen. Aber warum nicht? Man weiss ja nie.» Ein Angebot von Chris McSorley habe er nicht. Zumindest nicht ein aktuelles. «Aber ich habe früher mal mit ihm gesprochen.» Gerber nach Genf, damit Tobias Stephan bereits nächste Saison in Zug spielen kann? Alles reine Spekulationen also. Aber eine Rückkehr in die Schweiz ist bei Gerber nie ganz ausgeschlossen. Obwohl zurzeit noch kein Klub ein konkretes Angebot gemacht hat. Auch Zugs Sportchef Jakub Horak hat keine Offerte gemacht. Inzwischen wissen wir ja warum: Er hat Tobias Stephan verpflichtet.

Rückkehr an der WM?

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird es eine Rückkehr an die WM geben. 2010 hat Gerber letztmals für die Schweiz an der WM gespielt und 2010 hat die Schweiz letztmals die WM-Viertelfinals erreicht. 2011 und 2012 fehlte Gerber weil er verletzt bzw. in Nordamerika engagiert war und die Schweizer verpassten die Viertelfinals. Weil Jonas Hiller im Mai noch in der NHL spielen dürfte, deutet alles darauf hin, dass Gerber bei der WM unsere Nummer 1, unser wichtigster Einzelspieler sein wird. Er sagt, er sei jedenfalls bereit und würde sich über ein WM-Aufgebot freuen.

Solche Kunde erfreut Nationaltrainer Sean Simpson. «Es mag kritische Stimmen geben, die sagen, Martin Gerber sei zu alt. Aber mich interessiert nur die Leistung und die ist bei ihm erstklassig. Er steht bei mir für eine WM-Nomination ganz oben auf der Liste. Er ist eine aussergewöhnliche Spielerpersönlichkeit.» Martin Gerber, der fast vergessene Held unseres Hockeys, wird schon noch in die Schlagzeilen kommen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mäge73 am 26.01.2013 20:59 Report Diesen Beitrag melden

    Super Goalie

    Wow haben wir gute schweizer Torhüter! Das macht mich sehr stolz! Und vor 20 Jahren, also als alles anfing (Anken, Tosio und allen voran Reto Pavoni) war ich im Züri Unterland auch einer ;-)

  • Rene Strebel am 26.01.2013 16:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Torwart Martin Gerber

    Martin Gerber war als Sportler und ist auch als Mensch einsame Klasse er ist und bleibt ein klassetorwart sein stellungsspiel ist Weltklasse.

  • Philipp am 26.01.2013 21:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Botschafter für die Schweiz

    2011 war ich in Oklahoma an einem NBA Spiel. An der Abendkasse fragte mich die Mitarbeiterin von wo ich komme. Als ich ihr sagte, dass ich aus der Schweiz sei, strahlte sie über das ganze Gesicht und sagte, dass sie Eishockey liebe und deshalb ein grosser Fan von Martin Gerber sei. Sie wusste nicht, dass auch in der Startaufstellung der Oklahoma City Thunder ein Schweizer stand... Martin Gerber ist neben Roger Federer einer der besten sportlichen Botschafter für die Schweiz! Ein richtiger Sympathieträger!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Philipp am 26.01.2013 21:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Botschafter für die Schweiz

    2011 war ich in Oklahoma an einem NBA Spiel. An der Abendkasse fragte mich die Mitarbeiterin von wo ich komme. Als ich ihr sagte, dass ich aus der Schweiz sei, strahlte sie über das ganze Gesicht und sagte, dass sie Eishockey liebe und deshalb ein grosser Fan von Martin Gerber sei. Sie wusste nicht, dass auch in der Startaufstellung der Oklahoma City Thunder ein Schweizer stand... Martin Gerber ist neben Roger Federer einer der besten sportlichen Botschafter für die Schweiz! Ein richtiger Sympathieträger!

  • Mäge73 am 26.01.2013 20:59 Report Diesen Beitrag melden

    Super Goalie

    Wow haben wir gute schweizer Torhüter! Das macht mich sehr stolz! Und vor 20 Jahren, also als alles anfing (Anken, Tosio und allen voran Reto Pavoni) war ich im Züri Unterland auch einer ;-)

  • Rene Strebel am 26.01.2013 16:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Torwart Martin Gerber

    Martin Gerber war als Sportler und ist auch als Mensch einsame Klasse er ist und bleibt ein klassetorwart sein stellungsspiel ist Weltklasse.

  • Peter B. am 26.01.2013 16:09 Report Diesen Beitrag melden

    Etwas irreführend

    Martin Gerber in allen Ehren, aber dieser Abschnitt über das Wunder hätte man getrost weglassen können. Es fehlen also "nur" 10 Punkte? Ich finde 10 Punkte 13 Runden vor Schluss relativ viel für ein Team, welches im Schnitt nur 0.9 Punkte pro Spiel gewinnt. Sie haben auch in den letzten 5 Runden nur 1 resp. 3 Punkte aufgeholt, sodass man nicht von einer Aufholjagd sprechen kann. Vom rettenden 10. Platz ist Rögle gleich weit entfernt, wie Rapperswil hierzulande von den Playoffs. Trotzdem toll, mal etwas über Gerber hier zu lesen. Gerne mehr davon!

    • Frozen am 26.01.2013 20:52 Report Diesen Beitrag melden

      Man Bedenke...

      ...Es geht nicht nur darum 10. zu werden - das wäre für sein Team ein Wunder. Im Alter von 4 oder 5 Jahren war ich erstmals an einem Hockeymatch, und lernte als erste Regel überhaupt, dass ein starker Goalie die Hälfte eines Teams ausmacht. Martin Gerbers Quote spricht für sich. Hält er diese, wird sein Team nicht absteigen, egal ob sie Playout spielen müssen. Gerber ist zweifellos einer der besten Schweizer Hockeyspieler aller Zeiten, und ich würde ihm unser NT Tor bedenkenlos anvertrauen. Und ihm den Klassenerhalt von ganzem Herzen gönnen, das hat sich dieser Sympathische Mann verdient!

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  • Hugo Spassti am 26.01.2013 14:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Go Martin

    Das finde ich toll. Wenn er die Leistung bringt, soll er auch spielen. Das sollte auch in der Privatwirtschaft so sein!

    • jan wenger am 26.01.2013 15:42 Report Diesen Beitrag melden

      Genau

      Ja leider bekommen aber in der Privatwirtschaft nur die die besten Jobs die irgendwelche "Papiere" vorweisen können und nicht die die Leistung und das können zu Tage bringen.

    • Sven am 26.01.2013 17:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Ach ja

      Die studierten sind ja alle unfähig, klar...

    • Serpenter am 28.01.2013 09:41 Report Diesen Beitrag melden

      Unfähig

      Studierende können bei praktischer Arbeit unter umständen unfähig sein, ja.

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