Analyse zum SCB

20. April 2019 23:21; Akt: 20.04.2019 23:50 Print

Nach dem Meistertitel ist vor dem Umbruch

von Marcel Allemann - Die Fans und Sympathisanten des SC Bern sollten den 16. Meistertitel so richtig geniessen. Es könnte der vorerst Letzte gewesen sein.

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Sie haben es tatsächlich geschafft. Im Viertel- und im Halbfinal mussten die Berner so richtig leiden. Aber in der Finalserie spielen sie sich in nur fünf Partien zum vierten Meistertitel in den letzten sechs Jahren. Und so sieht es kurz nach der Schlusssirene aus: Natürlich ist es Tradition, dass die Meisterteams zu ihrem Goalie eilen. Aber in dieser Finalserie hat sich der Berner Leonardo Genoni die Begeisterung seiner Mitspieler ehrlich verdient. Geknickte Hoffnungen, geknickte Zuger. Der EVZ muss weiter auf seinen ersten Meistertitel seit 1998 warten. Bei den Zugern herrscht eine Mischung aus Wut und Trauer. Wut auf die eigene Leistung, Trauer um die verpasste Chance. Tristan Scherwey hat den Pokal kurz ganz für sich alleine. SCB-Chefcoach Kari Jalonen küsst den Pokal. Er hat es geschafft, dass seine Mannschaft genau zum richtigen Zeitpunkt ihre Selbstgenügsamkeit abgelegt hat. Haas, immer wieder Gaëtan Haas. Schon wieder trifft der Berner. Sein 1:0 ist bereits sein viertes Tor in der Serie gegen den EV Zug. Hier beschäftigt Haas die Zuger Tobias Stephan, Santeri Alatalo und David McIntyre. Genoni, immer wieder Leonardo Genoni. Der Goalie des SC Bern lässt die Zuger in dieser Finalserie verzweifeln. Hier scheitert Yannick-Lennart Albrecht an der Berner Mauer. Nicht alle Playoff-Spiele in Bern waren ausverkauft. Aber spätestens jetzt ist die Begeisterung zurück in der Berner Arena. Endlich gibt es auch mal für Zug etwas zu jubeln. Im Mitteldrittel trifft Lino Martschini (Topskorer) zum 1:1. Die Teamkollegen Raphael Diaz, Johan Morant und Brian Flynn freuen sich mit ihm. Aber lange währt die Zuger Freude nicht. Noch vor der zweiten Drittelspause trifft Eric Blum an Zugs Goalie Tobias Stephan vorbei zum 2:1 für den SCB. Blum (Mitte) feiert seinen Treffer mit seinen Teamkollegen Andrew Ebbett (l.) und Ramon Untersander. Es hat gar nicht so wenige Spieler in so einem Eishockey-Meisterteam. Gratulation, SC Bern!

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Der Meistertitel 2019 wird als Triumph über alle Widerstände und grossartige Charakterleistung in die Vereinschronik des SC Bern eingehen. Die Berner mussten unheimlich viel investieren. Von Anfang an. Sie hatten mit Servette schon im Viertelfinal eine ganz harte Nuss zu knacken – inklusive vier Verlängerungen und dem Overtime-Rekordspiel. Auch der Halbfinal gegen Biel war Schwerstarbeit. Nach dem 2:3-Rückstand in der Serie erst recht.

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Im Final gegen Zug, das zunächst alle Vorteile auf seiner Seite hatte, geriet der SCB ebenfalls in Rückstand. Doch dann kam eine heftige Reaktion und mit vier Siegen in Serie der Sturm zum 16. Meistertitel. Primär weil eine Feinjustierung vorgenommen wurde. Die Verwaltermentalität, welche die Mannschaft vor allem in der Qualifikation, aber auch zu Beginn des Playoffs stets an den Tag gelegt hatte, wurde abgestreift. Der SCB blieb stets aktiv und aggressiv. So schafften es die Mutzen, den Zugern dauerhaft den Schneid abzukaufen.


Blums Treffer zum 2:1 im fünften Finalspiel. (Video: SRF)

Der SC Bern hat mit seinem dritten Meistertitel in den letzten vier Jahren und dem fünften Championat in diesem Jahrzehnt seine Stellung als erfolgreichstes Schweizer Eishockey-Unternehmen der Gegenwart eindrücklich untermauert. Dass der Triumph erstmals seit 1959 ins gleiche Jahr wie jener der Fussballer von YB fällt, macht ihn noch spezieller. Die Stadt Bern ist aktuell die Schweizer Sport-Hochburg.

Die Berner tun gut daran, diesen aussergewöhnlichen Moment zu geniessen und ausgiebig zu feiern, denn die Zukunft könnte sich zumindest für den SCB weitaus schwieriger gestalten. Es steht ein nicht zu unterschätzender Umbruch an.

Genonis Abgang als grosse Hypothek

Mit Leonardo Genoni geht die Goalie-Persönlichkeit schlechthin. Auch in diesem Playoff hat der Zürcher in den entscheidenden Spielen nochmals seine einzigartige Magie versprüht und die Zuger verzweifeln lassen. Die Zentralschweizer werden froh sein, dass der Nati-Goalie ab nächster Saison einer der ihren wird.

Ob Nachfolger Niklas Schlegel, der bei den ZSC Lions zumeist Ersatz war, Genoni ersetzen kann, wird sich weisen. Genonis Charisma fehlt Schlegel so oder so. Dieses kann er mit seinen 24 Jahren und aufgrund seiner bisherigen Rolle in der National League auch (noch) gar nicht haben.

Doch dies ist nicht das einzige Problem. Der SCB muss auch bei den Feldspielern seinen Umbau dringend vorantreiben. Vor allem in der Verteidigung. Beat Gerber wird im Mai 37 Jahre alt, Eric Blum und Justin Krueger werden nächste Saison 33-jährig. Die Altersstruktur in der Defensive kommt allmählich in einen problematischen Bereich.


Die Berner Feierlichkeiten beginnen. (Video: SRF)

Zudem ist es so, dass der SCB schon seit geraumer Zeit seine Wunschspieler auf dem Markt nicht mehr erhält. Dies weil mit Lausanne und Zug zwei aggressive Player auf dem Transfermarkt dazu gekommen sind und auch die ZSC Lions und Lugano weder Mühe noch Kosten scheuen, wenn sie einen Spieler unbedingt wollen.

Der SCB ist dagegen nicht bereit, bei dieser Preistreiberei um die Stars blindlings mitzumachen. Abgesehen davon leistet Sportchef Alex Chatelain bei den begehrten Spielern womöglich auch weniger Überzeugungsarbeit als einige Berufskollegen der Konkurrenz.

Neben Schlegel haben die Berner erst einen Transfer im Hinblick auf die kommende Saison getätigt. Und dieser ist risikobehaftet, denn für den talentierten Inti Pestoni ist es die letzte Chance, bei einem Grossclub Fuss zu fassen, nachdem er bei den ZSC Lions hochkant gescheitert ist und auch beim HC Davos nur bedingt überzeugen konnte.

Natürlich wird es kaum so sein, dass der Meister nun wegen einem neuen Goalie und einer in die Jahre gekommen Verteidigung nach hinten durchgereicht wird. Eine starke Basis ist weiterhin vorhanden. Mit Leuten wie Simon Moser, Tristan Scherwey, Mark Arcobello, Ramon Untersander, Calle Andersson und Gaëtan Haas, sofern er denn bleibt und sich nicht in Nordamerika versucht, sind noch immer genügend überdurchschnittliche Spieler im Boot. Dazu kommen vielversprechende Junge aus den eigenen Reihen wie André Heim oder Yanik Burren. Und sollte er sein Nordamerika-Abenteuer beenden, wird auch noch Vincent Praplan zum SCB stossen.

Trotzdem lässt sich ein Fakt nicht wegdiskutieren: Abseits des Eisrinks spielen derzeit andere mit den dicken Muskeln.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Calviada am 21.04.2019 00:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Thesen

    Doofer Bericht, annahmen über annahmen.Womöglich leistet A.Chatelain weniger überzeugungsarbeit als seine Konkurenten-ja vielleicht, vielleicht auch nicht???Über 30 Jährige sind vielleicht nicht mehr so schnell aber die Routine und cleverness hat ein 20jähriger nicht.

  • Max Herren am 21.04.2019 02:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hätte, hätte, Fahrradkette

    Uh, da mag einer dem SCB den Titel nicht gönnen.

  • Isabelle am 21.04.2019 00:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kiener, Tosio, Genoni

    Der SCB hatte immer starke Torhüter. Aber ein Goalie macht noch keine Mannschaft. Er wird auch ohne Genoni an seine Erfolge anknüpfen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Anonymouse am 24.04.2019 19:50 Report Diesen Beitrag melden

    Ihr vergesst da alle was...

    Der SCB hat da noch ein Wunderkind in der Hinterhand, dass unsere Oberaargauer zum Meistertitel der Swiss League gehext hat... Genoni brauchen sie nicht wirklich, wenn sie noch einen Philipp Wüthrich unter Vertrag haben, der die Kiste genauso souverän dicht halten kann.. Nächste Saison wird er dank Ausleih Vertrag noch in Langenthal hexen, danach wird der SCB ihn aber bestimmt mit Handkuss zurück nehmen...

  • Lecavalier am 23.04.2019 15:10 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht ganz so schlimm...

    Die Mär, dass beim SCB die Jungen keine Chance bekommen, stimmt nicht. Nur ist es schwieriger, sich einen Platz zu erkämpfen. Wer das auf sich nimmt, hat aber schon mal eine Duftmarke gesetzt und den Charakter, den es braucht (siehe z.B. Heim oder Burren). Bei einer grösseren Nachwuchsabteilung mit Farmteam bringt man natürlich noch mehr hervor, allerdings kann sich das kein Klub leisten, wenn nicht ein Geldgeber bezahlt.

  • Walter Portmann am 22.04.2019 18:16 Report Diesen Beitrag melden

    SCB macht vieles falsch

    Das geschieht dem SCB recht, denn er setzt nicht auf die Jungen und schon gar nicht auf Eigengewächse !! Daher sind Zug und ZSC klar besser für unsere Liga.

    • Das Auge am 23.04.2019 19:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Walter Portmann

      Nein

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  • Normaler am 22.04.2019 18:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Umbruch haben alle Mannschaften

    Möchtegern Journalismus Spekulationen wie jedes Jahr nach der Meisterschaft. Ihr könnt den Sport nicht neu erfinden. Aber mal mit den billigen Provokationen aufhören und mit mehr Verstand arbeiten. Die nächste Saison fängt bei allen Mannschaften bei Null an, da könnt ihr bis September noch X Spekulationen erfinden. Die grossen Klubs werden auch in der nächsten Saison vorne mitmischen. Alle bekommen neue Spieler und müssen sich neu finden und schauen wer dann am besten zusammen spielt.

  • hockeynut am 22.04.2019 12:03 Report Diesen Beitrag melden

    Besser früher als nie...

    Der SCB wird auch nächste Saison zur Elite gehören. Das einzige was man den Bernern, resp. Coach ankreiden kann, ist, dass er über die gesamte Saison gesehen zu selten den Jungen eine Chance gab. Sie würden gut daran tun den Umbruch besser früher als zu spät einzuleiten. Denn für noch jeden Club ist der eigene Nachwuchs nun mal die beste Zukunft. Im Moment dürfte dies aber niemand interessieren, denn wer den Titel geholt hat, hat bekanntlich (fast) alles richtig gemacht.