Fliegende Fäuste

14. Januar 2011 08:47; Akt: 14.01.2011 10:10 Print

Sbisa gewinnt erste NHL-Schlägerei

von Klaus Zaugg - Sie folgen einem strengen Ehrencodex und bringen dem Sieger mehr Respekt als ein Torerfolg: Boxkämpfe in der NHL. Zu den Gewinnern darf sich jetzt auch Luca Sbisa zählen.

Sbisas Boxkampf gegen Brewer (Video: hockeyfights.com)
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«Fights» (Boxkämpfe) sind in der NHL seltener geworden als in den «goldenen» 1970er- und 1980er-Jahren. Aber nach wie vor gehören Boxkämpfe zur NHL. Offiziell wird über Schlägereien zwar keine Statistik geführt. Inoffiziell aber umso leidenschaftlicher. Wer die «Bösen» der NHL sind, ist auf hockeyfights.com nachzulesen und dort sind auch die Videos der Kämpfe archiviert.

Jeder NHL-Spieler muss sich früher oder später in einem Boxkampf bewähren - sogar Wayne Gretzky ist im Laufe seiner Karriere zweimal zum Faustkampf angetreten. Auch Mark Streit (32) hat bisher einmal geboxt: Sein Kampf im Herbst 2009 in einem Vorsaisonspiel gegen Oliver Magnan (New Jersey) endete mit einer Niederlage. Yannick Weber (22) ist hingegen noch nicht «entjungfert», er hat in der NHL noch nicht geboxt.

Erster Sieg im dritten Kampf für Sbisa

Nun hat Luca Sbisa in seinem 79. NHL-Spiel seinen ersten NHL-Boxkampf gewonnen. Nach einer Niederlage gegen Brayden Schenn (Los Angeles) und einem Remis gegen Alexandre Boldu (Vancouver) hat er gegen Eric Brewer (St. Louis) einen grossen Kampf dank seiner starken rechten Geraden dominiert.

Dieser gewonnene Boxkampf ist für Sbisas Position im Team der Anaheim Ducks viel wichtiger als sein erstes NHL-Tor. Die Schlägerei entwickelte sich im letzten Drittel des Spiels gegen St. Louis (7:4) aus der Rangelei nach einem Kniestich von Brad Winchester gegen Anaheims Joffrey Lupul. Sbisa hat mit einem mutigen Auftritt seinem Team Respekt verschafft. Das ist in einer Liga, die den «Kult des harten Mannes» so sehr pflegt wie die NHL für einen Defensivspieler wie Sbisa von unschätzbarem Wert. Zumal Sbisa alle ungeschriebenen Gesetze beachtet hat und, wie es der Ehrencodex verlangt, ohne Helm (mit Schutzvisier) gekämpft hat.

Boxkämpfe auf dem Eis sind nicht einfach rohe Gewaltausbrüche. Es ist ein Sport für sich und folgt ungeschriebenen eigenen Gesetzen («the Code»). So heisst auch das Standardwerk über NHL-Boxen, geschrieben von Ross Bernsein. Es ist sehr schwierig, auf Schlittschuhen zu stehen und zu boxen, ohne dabei das Gleichgewicht zu verlieren. Sbisa hat diese Kunst in den nordamerikanischen Juniorenligen erlernt. Bei Anaheim übt er regelmässig mit seinem Teamkollegen Andy Sutton (Ex-ZSC).

NHL-Boxkönig ist ein Schweizer

Ungekrönter NHL-Boxkönig mit Schweizer Pass ist Ken Baumgarnter mit 191 Boxkämpfen in 747 NHL-Spielen zwischen 1987 und 1999 - die meisten Kämpfe hat er als «Leibgardist» von Wayne Gretzky in Los Angeles bestritten. Allerdings waren Boxkämpfe in den 1980er- und 1990er-Jahren häufiger. Heute gibt es noch knapp halb so viele pro Saison wie in den 1980er-Jahren. Aber die Handschuhe werden nach wie vor regelmässig fallen gelassen - in dieser Saison hat es in 645 Partien bisher 364 Faustkämpfe gegeben. Ein Faustkampf geht dann in die inoffizielle Statistik ein, wenn mindestens einer der beiden Kämpfer mit einer Fünfminutenstrafe belegt wird, die aber - anders als in Europa - nicht einen Restausschluss nach sich zieht. Eishockey in Nordamerika (nicht in Europa) ist damit der einzige Mannschaftsport, der Boxkämpfe toleriert und nicht automatisch mit einem Restausschluss bestraft.

Alle Versuche, Boxkämpfe in der NHL zu verbieten, sind bisher gescheitert - und werden immer scheitern. Die Fans lieben Fights - und, inoffiziell, auch die Spieler, Coaches und Manager. Unvergesslich bleibt für mich eine Unterhaltung in San José mit Glen Sather (heute New York Rangers) als er zu Beginn der 1990er-Jahre noch General Manager bei Edmonton war. Ja, sagte er, Boxkämpfe sollten eigentlich aus dem Hockey verbannt werden. Und dann leuchteten seine Augen und er erzählte begeistert von einem bösen jungen Spieler. Den solle ich unbedingt im Auge behalten. Es war Louie Debrusk, der sich tatsächlich zu einem der besten Hockey-Boxer der 1990er-Jahre entwickeln sollte und der zwischen 1991 und 2003 in 416 NHL-Spielen 122-mal geboxt hat.

Andere Hockey-Kultur in den USA

Gewalt gehört zum nordamerikanischen Hockey - schliesslich haben Gewalt und Brutalität in keiner anderen westlichen Gesellschaft einen so hohen Stellenwert wie in den USA. Prügeln ist in der NHL ganz einfach sexy. Irgendwie scheint es, als ob der Faustkampf wie ein Ritual wirkt, sinnliche Instinkte weckt und auf Frauen noch stärker wirkt als auf Männer. Es ist wie eine Faszination des Bösen. Ich erinnere mich an eine dafür typische Begebenheit aus den 1990er-Jahren. Es ist Dezember auf Long Island, New York. Regen peitscht den Asphalt und es ist windig und kalt. Es gibt vor dem Eingang zum Stadion der New York Islanders keinen trockenen, windgeschützten Platz. Eine Gruppe von Teenagern harrt trotzdem aus. Eines der hübschesten Mädchen trägt ein durchnässtes Dress mit der Rückennummer 24 und dem aufgenähten Namen «Ken Baumgartner». Ich frage sie, warum sich ausgerechnet den Prügler Baumgartner verehre und nicht einen der Superstars wie Wayne Gretzky. Schnippisch sagte sie: «Because Ken is soooo sexy.» Ken Baumgarnter, 1986/87 beim EHC Chur ein Nobody (36 Spiele/2 Tore/3 Assists/85 Strafminuten - sein Agent Roly Thompson hatte ihn für die Saison zwecks läuferischer Weiterbildung in die NLA geschickt) genoss als «Schwergewichtsboxer» in der NHL Kultstatus und wurde verehrt wie ein Popstar.

Damit kein Missverständnis entsteht: Luca Sbisa, einst ein Nobody beim EV Zug, wird nicht der nächste Ken Baumgartner. Aber auch Sbisa wird eine schöne, lange NHL-Karriere machen. Nach dem ersten gewonnenen Boxkampf erst recht.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Brewer am 14.01.2011 10:05 Report Diesen Beitrag melden

    Untentschieden

    Luca teilt mehr Punches aus aber Brewer trifft besser. Unentschieden. Gute Vorstellung von Luca. Kommt gut, nächstes mal gegen einen echten Bad Boy!

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  • Roli am 14.01.2011 11:43 Report Diesen Beitrag melden

    echtes Hockey

    Sehr gut Sbisa. Er hat sich toll entwickelt und passt perfekt in die NHL. Leider gibt es nicht mehr viele Bad Boys in der NHL. Ich bin überzeugt, Sbisa wird noch viele Boxkämpfe machen :-) Nebenbei, ein bischen mehr Action würde unserer Liga auch gut tun!

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  • Carlo Pedrazzini am 14.01.2011 09:28 Report Diesen Beitrag melden

    Sbisa

    Bravo Sbisa, dass wahr super !

Die neusten Leser-Kommentare

  • Max Hart am 19.01.2011 16:09 Report Diesen Beitrag melden

    Go Luca Go!!!

    Hehe Made in Switzerland eben!!!

  • Berner Bär am 17.01.2011 08:47 Report Diesen Beitrag melden

    Nach dem Spiel ist wieder Frieden

    Im Gegensatz zur Schweizer NLA, wo einige sattsam bekannte "Grössen" immer wieder durch Gewaltorgien von sich reden machen und auch für eine Attacke, die Jahre zurückliegt, noch Rache nehmen, ist in der NHL nach dem Spielschluss fertig. Sbisa und Brewer werden sich im nächsten Spiel gegenübertreten, wie nichts gewesen wäre! Nach dem Kampf wird sich auch der CNN-Reporter, der sagte, dass sich der Name des Schweizers wie "Lucky Pizza" anhöre, vermutlich seine Meinung ändern.

  • anony am 14.01.2011 17:24 Report Diesen Beitrag melden

    Richtige Männer

    Gut für Luca! Im Sport gibts nun mal Reibereien, eine kurze Auseinandersetzung und gut ist - man gibt sich die Hand und respektiert sich. Davon können sich die vielen verlogenen Heulsusen im Fussball eine Scheibe abschneiden!

  • Drago am 14.01.2011 15:08 Report Diesen Beitrag melden

    Weiter so!

    Brewer hat wohl Sbisa ein wenig unterschätzt. Er dachte wohl nicht, dass sich Schweizer so prügeln können... Sbisa hatte insgesamt sich wohl einen Vorteil rausgeboxt.

  • Nino Weber am 14.01.2011 12:37 Report Diesen Beitrag melden

    Sehr gepflegt!

    Gratulation Luca Sbisa! Weiter so!