SC Bern

27. März 2011 11:35; Akt: 27.03.2011 11:44 Print

Scheitert Kloten an Jean-Pierre Vigier?

von Klaus Zaugg - Einer der langsamsten und unbeweglichsten ausländischen Stürmer der Liga hat den SC Bern auf Finalkurs gebracht: Jean-Pierre Vigier (34).

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Er ist nicht treffsicher wie Petr Sykora, kein Spielmacher wie Glen Metropolit und nicht so schnell wie Kimmo Rintanen. Er ist nicht einmal aussergewöhnlich gross (182 cm) oder schwer (86 kg). Trotzdem spielt Jean-Pierre Vigier beim Titelverteidiger eine zentrale Rolle: Der SCB hat ohne den Kanadier die ersten drei Spiele verloren (er war im letzten Qualispiel gegen die ZSC Lions von einem Puck im Gesicht getroffen worden). Mit Vigier haben die Berner nun dreimal hintereinander gewonnen. Obwohl der Captain nicht einen einzigen Treffer erzielt hat.

Noch erstaunlicher: Weil Andreas Hänni verletzt ist, setzte Larry Huras im sechsten Spiel zwei ausländische Verteidiger ein: Joel Kiwatkowski und Travis Roche. Also mussten zwei ausländische Stürmer auf die Tribune. Es erwischte Lee Goren und Simon Gamache. Obwohl der Schillerfalter in sieben Playoffpartien vier Treffer erzielte und beim 4:1 in Kloten am Donnerstag den Stock bei drei der vier Treffer im Spiel hatte.


Kultfigur Vigier

Warum Vigier, warum nicht Gamache? SCB-Trainer Larry Huras kann den Unmut über die Frage charmant verdrängen. Was soll eine solche Frage nach einem 5:1? Und doch: Im Falle einer Niederlage wäre die Nomination der Ausländer das zentrale Thema geworden. «Es war kein leichter Entscheid» sagte Huras gegenüber 20 Minuten Online. «Ich habe mich erst am Freitagabend gegen 23.00 Uhr entschieden. Aber ich bin nicht dafür bezahlt, einfache Entscheidungen zu treffen. Ich bin dafür bezahlt, schwierige Entscheidungen zu treffen...»

Vigier ist eben beim SC Bern viel mehr als einfach ein Stürmer. Er ist eine Kultfigur und ein Blick zurück zeigt, warum das so ist.

Die neuere Geschichte des SC Bern wird geprägt durch mässig talentierte, aber charismatische Vorkämpfer. Durch Spieler wie Vigier eben.


Bissige Leitwölfe

Der Begründer dieser Dynastie der bissigen Leitwölfe ist 1988 der kanadische Feuerkopf Alan Haworth aus Drummondville. Wichtiger als seine Tore und Assists sind seine Schläge, Provokationen und die Energie, die er ins Spiel bringt. Er wird zum Leitwolf der Meisterteams von 1989, 1991 und 1992.

Erst 1997 haben die Berner einen Nachfolger für Haworth: Den Italokanadier Gaetano Orlando aus Montreal. Wichtiger als seine Tore und Assists sind seine Schläge, Provokationen und die Energie, die er ins Spiel bringt. Er wird zum Leitwolf der Meisterteams von 1997.

Sieben Jahre dauert es, bis der SCB einen neuen Leitwolf hat. Es ist der Kanadier Yves Sarault aus Salaberry-de-Valleyfield. Wichtiger als seine Tore und Assists sind seine Schläge, Provokationen und die Energie, die er ins Spiel bringt. Er wird zum Leitwolf der Meisterteams von 2004.

Sechs Jahre später haben die Berner wieder ein charismatisches Alphatier. Es ist der Kanadier Jean-Pierre Vigier aus Notre Dame de Lourde. Wichtiger als seine Tore und Assists sind seine Schläge, Provokationen und die Energie, die er ins Spiel bringt. Er wird zum Leitwolf der Meisterteams von 2010.

Vigier ist nun auch die Schlüsselfigur bei der vorläufigen Wende der Halbfinalserie gegen die Kloten Flyers vom 0:3 zum 3:3. Die zentrale Rolle, die Vigier mit seinen Checks und Provokationen in den letzten drei Partien gespielt hat, ist unübersehbar. Obwohl er in diesen Partien kein Tor und bloss zwei Assist gebucht hat (!).


Keine Heldengeschichte

Cheftrainer Larry Huras widerspricht gegenüber 20 Minuten Online dieser Analyse. Er bestreitet zwar die wichtige Rolle von Vigier nicht, sieht die Wende aber als eine Teamleistung. Kein Held in diesem Hockey-Drama? Auch nicht Jean-Pierre Vigier? «Nein» sagt Huras gegenüber 20 Minuten Online. «Sie suchen vergeblich nach einer Heldengeschichte. Sie finden bei uns sehr, sehr professionelle Spieler, die wissen, was zu tun ist und die weder Motivationstricks, laute Worte oder Kabinenpredigten brauchen.»

Auch Vigier selber schreibt sich keine Leaderrolle zu: «Wir arbeiten alle hart.» Wenn er das so sagt nach dem Spiel, so wirkt er tatsächlich unspektakulär brav und arbeitsam. Wie ein Bub, der erklärt, er habe ja nur gute Noten, weil er immer brav die Hausaufgaben macht.


Keine Maulhelden

Und so kommen wir dem Geheimnis der SCB-Rückkehr in diesem Halbfinale auf die Spur: Alle Alphatiere reden von der Mannschaft und vom Kollektiv. Keiner macht grosse Sprüche. Die SCB-Stars sind also keine Maulhelden. Sie waren, zumindest im Spiel vier, fünf und sechs Helden auf dem Eis. Und nur weil das Kollektiv so stark ist, kann sich der SCB Vigier leisten. Nicht finanziell. Sondern sportlich. Vigier hat zu wenig Talent, um in einer durchschnittlichen Mannschaft eine führende Rolle zu spielen. Deshalb musste er vor zwei Jahren Servette verlassen. In Bern aber kompensieren Tanzmäuse, Tempostürmer und Skorer wie Martin Plüss, Ivo Rüthemann oder Christian Dubé die spielerischen Defizite Vigier. Es wäre eine bittere Ironie der Hockeygeschichte, wenn die Lauf- und Tempomannschaft der Kloten Flyers ausgerechnet an diesem ungelenken Haudegen scheitern sollten.

Gewinnt der SCB auch Spiel sieben in Kloten und zieht ins Finale gegen den HC Davos ein, steht SCB-Sportchef Sven Leuenberger vor einer schwierigen Entscheidung: Soll er den Vertrag mit Jean-Pierre Vigier um ein weiteres Jahr verlängern? Am 11. September wird der Kanadier 35.