EVZ-Trainer

09. März 2011 10:29; Akt: 09.03.2011 12:04 Print

Shedden hat keinen Rückwärtsgang

von Klaus Zaugg - Zug gewinnt 4:3 nach Penaltys und braucht gegen Servette noch einen Sieg für den Einzug in den Halbfinal. Trainer Doug Shedden ist mehr Showmaster als Hockeygeneral.

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Mit Doug Shedden ist beste Unterhaltung garantiert. (Bild: Keystone)

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Das Drama ist schon seit einer halben Stunde vorüber. Draussen vor dem Stadion stehen ein paar Fans herum. Einer hat das Natel am Ohr und ist vom Spiel immer noch aufgewühlt. Er sagt in wenigen Worten viele Wahrheiten: «Nein, nein, Verlängerung und Penaltyschiessen hätte es gar nie geben dürfen... Nach dem ersten Drittel stand es 1:1... Unglaublich... Davos hätte mit unseren Chancen da schon mindestens vier Tore reingehauen... Ja, ja, Davos wird Meister.»

Zug gegen Servette. 4:3 nach Penaltyschiessen. Es ist ein intensives, spannendes, ganz einfach ein grosses Spiel. Wir verdanken es zu einem grossen Teil Zugs Trainer Doug Shedden. Wäre er ein konventioneller Trainer, hätte der Fan vor dem Stadion nicht telefoniert. Dann hätten wir keine Verlängerung und kein Penaltyschiessen erlebt. Die Zuger hätten das Spiel schon in der ersten Viertelstunde entschieden.

Shedden kontrolliert die ungestüme Offensivkraft nicht

Aber Doug Shedden hat wieder einmal den Fuss nicht mehr vom Gaspedal gebracht und den Mund nicht halten können. Sagen wir es mit der EVZ-Symbolik so: Wenn Stiere aus dem Stall ausbrechen und schnaubend losstürmen, dann hält keiner an und macht die Stalltüre zu. So ist es ein wenig beim EV Zug: Wenn ungestüm vorwärtsgerannt wird, ist keiner da, der hinten die Türe zumacht. Oder besser: Zugs Trainer Doug Shedden vermag die ungestüme Offensivkraft seiner Mannschaft zwar zu entfesseln wie Arno Del Curto oben in Davos. Aber nicht zu kontrollieren, kanalisieren und defensiv abzusichern wie der HCD-Trainer. Doug Shedden kann Vollgas fahren. Aber er hat, anders als Arno Del Curto, keinen Rückwärtsgang. Deshalb tritt der Strom des wuchtigen Angriffspiels der Zuger trotz der Rückkehr von Josh Holden (sein erster Einsatz in dieser Serie – er war der beste Zuger) oft über die Ufer der Kaltblütigkeit und verläuft sich in den Wässermatten der Ratlosigkeit. Immer wieder stürmen die Zuger in der Grauzone der Kopflosigkeit.

In diesem wilden Spektakel lassen die Schiedsrichter (Brent Reiber und Gian-Reto Peer) richtigerweise grosszügig laufen. Servette hält mit Härte und Disziplin dagegen. Es rumpelt. Die ungewohnte Härte und Intensität erregt den Zorn des Volkes und des Trainers und zum Schluss des ersten Drittels kassiert Doug Shedden zwei Strafminuten für Schiedsrichterbeleidigung. Der von Shedden provozierte Ausschluss ist einer der Gründe für Servettes zwischenzeitliche 2:1-Führung. Dieses zweite Tor gibt Servette den Energieschub, den es braucht, um diese Partie durchzustehen.

Shedden sorgt für Unterhaltung

Könnte Doug Shedden an der Bande seinen Mund halten, das Offensivspiel strukturieren, Ebbe und Flut des Spiels beeinflussen und den Energieverbrauch steuern wie die ganz grossen Trainer, dann würden wir um allerbeste Unterhaltung gebracht. Das Publikum lebt nicht vom Sieg alleine. Ein wenig Kurzweil muss schon sein. Dafür sorgt Doug Shedden in Zug. Er ist allemal mehr Hockey-Showmaster als Bandengeneral. Deshalb ist er in Europa noch nie Meister geworden. Aber lieber spätestens im Halbfinale mit Karacho untergehen als langweilig Meister werden.

Auf der anderen Seite versteht es Servettes Chris McSorley meisterhaft, aus einem Minimum ein Maximum herauszuholen und die limitierten Energien seines Teams zu kanalisieren. Komprimiert auf 77 Sekunden zeigt sich, was ein cooler Coach herausholen kann: Zugs Björn Christen prallt in der Schlussphase unglücklich mit Servettes Torhüter Tobias Stephan zusammen (56:20 Min.) und kassiert schliesslich zwei Strafminuten. Servettes Trainer nimmt vor dem finalen Powerplay ein Time-out zur taktischen Befehlsausgabe, ersetzt den Goalie durch einen sechsten Feldspieler und Goran Bezina trifft zum 3:3 (57:47 Min.). Es kommt zur Verlängerung und schliesslich zum Penaltyschiessen.

Servettes starke Defensive

Gegen einen gewöhnlichen Gegner hätten die Zuger rauschende Offensiv-Festspiele gefeiert und es wäre gar nie zu diesem Finale gekommen. Aber Servette ist neben dem HC Davos die bestorganisierte Mannschaft der Liga. Die Genfer biegen sich unter dem Angriffsturm der Zuger. Doch sie brechen nicht. Auch nicht in der Verlängerung. Härte, Disziplin und ein seit zehn Jahren unter dem gleichen Trainer (Chris McSorley) eingeübtes System bewähren sich im Tosen und Sausen und Brausen der Zuger Offensive. Mit einer Kombination aus Servettes Defensivorganisation und Zugs Offensivkraft könnte der HC Davos erfolgreich herausgefordert werden.

Die Statistik sagt uns, warum Servette trotz einer heroischen Leistung die dritte Niederlage hinnehmen muss: Servette gehen die Stürmer aus; Zug hat sieben Spieler, die in der Qualifikation zwölf oder mehr Tore erzielt haben – Servette einen einzigen. Dan Fritsche und Richard Park sind verletzt und Thomas Déruns hat Trainer Chris McSorley kurz vor Transferschluss an den SC Bern verkauft. Déruns war zwar diese Saison keine Tormaschine (9 Treffer in der Qualifikation) – aber der Powerstürmer hätte gestern mit seinem Einschüchterungs- und Provokationspotenzial eine entscheidende Rolle spielen können. Der Verkauf von Déruns hat Chris McSorley etwas mehr als eine halbe Million Franken eingebracht – aber mit Déruns hat der charismatische Kanadier möglicherweise auch die Halbfinalqualifikation verkauft. Das macht dieses 3:4 nach Penaltys noch bitterer.