«Time-out»

16. März 2011 07:25; Akt: 16.03.2011 09:55 Print

Sind die Kloten Flyers zu schnell?

von Klaus Zaugg - Wir haben das beste Kloten gesehen. Aber noch nicht den besten SC Bern. Der Meister ist einer «Schwarm-Arroganz» zum Opfer gefallen.

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Die Bilder der ersten Halbfinalserie

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Für ganz kurze Zeit erliege ich nach dem Anpfiff einer optischen Täuschung: Der SC Bern im weissen und Kloten im dunklen Dress ist ein ungewohntes Bild. Und so verwechsle ich die beiden Teams und denke: Wow, der Meister ist bereit! Weil die dunkle Mannschaft das weisse Team gleich von Beginn weg so krass dominiert.

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Aber es sind die dunklen Zürcher, die dem weissgekleideten Meister einfach davonlaufen. Im ersten Drittel gelingt den Kloten Flyers das nahezu perfekte Spiel. Nur die Chancenauswertung ist ungenügend (1:0 bis zur ersten Pause).

Arroganz macht träge

SCB-Trainer Larry Huras wird hinterher sagen, eine Pause habe seiner Mannschaft noch nie gut getan (der SCB hatte das Viertelfinale gegen die SCL Tigers 4:0 gewonnen). Die Vorbereitung sei professionell gewesen. Aber der Trainingsrhythmus sei eben kein Spielrhythmus.

Das ist auf der ganzen Welt die Standardausrede der Trainer, deren Spieler nicht bereit waren. Und genau das ist zum Auftakt dieser Halbfinalserie das Problem: Die Berner waren nicht bereit. Sie fielen einer «Schwarm-Arroganz» zum Opfer.

Nicht einer im Umfeld des grössten Sportunternehmens der Schweiz (und tief im Herzen auch keiner im Management und in der Kabine) hatte vor dieser Serie gegen die Kloten Flyers auch nur leiseste Zweifel am Einzug ins Finale. Es hat kaum warnende Stimmen gegeben. Und wenn alle rundherum denken, fühlen, sagen, senden und schreiben, dass es keine Probleme geben wird, dann entsteht draus eine kollektive Arroganz. Eine «Schwarm-Arroganz».

Schnelle Flyers

Vor dem Viertelfinale gegen die SCL Tigers war es noch ganz anders gewesen: Da hatte es viele warnende Stimmen gegeben. Einen «Schwarm-Respekt». Die Begeisterung über dieses innerbernische Playoffduell sorgte dafür, dass beim Meister jeder hellwach war. Nach den zwei Niederlagen gegen die Emmentaler in der Qualifikation erst recht. Ein Ausscheiden gegen die SCL Tigers wäre für den SCB die Mutter aller Demütigungen gewesen und hätte den Spielern Hohn und Spott über drei bis fünf Generationen hinweg beschert. Also war jeder parat. Trat grimmig entschlossen und mit gehörigem Respekt und einer gesunden Arroganz gegen die Langnauer an. Nach vier Spielen und vier Siegen war die Arbeit getan.

Aber zum Auftakt der Halbfinalserie sind die Berner mit einer ungesunden Arroganz nach Kloten gefahren und dafür bestraft worden. Weil sie zu sicher und zu arrogant waren, brauchten sie eine ganze Viertelstunde, um überhaupt in diese Partie zu finden und vermochten schliesslich nur während gut zehn Minuten im Mitteldrittel den Gegner zu kontrollieren und zu dominieren. Weil sie zu sicher und zu arrogant sind, werden aus den «Big bad Bears» (den «grossen, bösen Bären») Tanzbären, die sich vom Gegner die Spielweise aufzwingen und schliesslich vorführen lassen. Nur der HC Davos kann sich den offenen Schlagabtausch mit den Kloten Flyers erlauben. Alle anderen Teams sind diesem Gegner nicht gewachsen, wenn er Raum und Zeit bekommt, um Vollgas zu stürmen.

Das begeisternde Tempospiel der Gastgeber stellte den Meister vor ein unlösbares Problem. Diese Kombination von Schnelligkeit und Präzision, so wie sie von den Flyers in der ersten Hälfte des Spiels zelebriert worden ist, gibt es auf Schweizer Eisrinks nur ganz selten zu sehen.

Sind die Kloten Flyers am Ende für die Berner zu schnell? Diese Frage geht an SCB-Trainer Larry Huras. Er sagte nicht «Ja» und er sagte nicht «Nein». «In der Anfangsphase kamen wir immer einen Schritt zu spät. Aber in der zweiten Hälfte des Spiels konnten wir das Tempo halten. Das stimmt uns zuversichtlich.» Sowieso sei eine Playoffserie wie ein Marathon und oft sei es besser, den Marathon nicht zu schnell anzugehen.

So fliegt der SCB raus

Wenn die Flyers allerdings dieses Tempo und diese Intensität aufrechterhalten und sich weder provozieren noch einschüchtern lassen und wenn es die Berner im zweiten Spiel am Donnerstag nicht rumpeln lassen, dann kippt der SCB aus den Playoffs. Dann wird wieder einmal die uralte kanadische Weisheit «Speed kills» (Tempo triumphiert über Grösse, Gewicht und Kraft) bestätigt. Furrer, Hänni, Gerber, Krueger, Gardner, Déruns, Goren, Neuenschwander oder Reichert sind nun mal mehr «Grinder» («Mühlsteine») als Tanzmäuse. Und weil sie wie Tanzmäuse spielen und nicht checken und nicht rumpeln wollten, wurden sie im ersten Spiel vorgeführt.

Und da ist noch etwas: Gegen die SCL Tigers brauchte der Meister noch keinen erstklassigen Torhüter. Aber gegen die Flyers schon. In dieser ersten Partie war Marco Bührer ein Lottergoalie. Er lässt einen Weitschuss von Benjamin Winkler abprallen. Vor den Stock von Mark Bell. Und schenkt Kloten so das 3:1. Bis zum Zeitpunkt dieses dritten Treffers war trotz klarer Überlegenheit der Gastgeber noch jeder Ausgang möglich: Auch wenn der Meister nicht sein bestes Hockey spielte und der Gegner klar besser war – Eishockey ist ein unberechenbares Spiel auf rutschiger Unterlage. Das 2:2 hätte fallen und Gänge und Läufe des Spiels verändern können. Dieser Ausgleich fällt nicht. Bührers Lapsus löscht die Lichter der Hoffnung.

Das Geschenk Bührers als gutes Zeichen

Dass die Gastgeber schliesslich ein Geschenk Bührers brauchen, um das Spiel zu entscheiden, ist ein Hinweis auf zwei Punkte, die den Titelverteidiger zuversichtlich stimmen.

Erstens: Die Chancenauswertung der Kloten Flyers ist ungenügend.

Zweitens: Der SCB hat bereits bewiesen, dass er stark genug ist, um auch mit einem mittelmässigen Torhüter eine Meisterschaft zu gewinnen.