Trotz Comeback-Plänen

17. März 2011 16:50; Akt: 17.03.2011 16:57 Print

Streit muss sich die WM wohl abschminken

von Jürg Federer, USA - Mark Streit ist der bestbezahlte Feldspieler der New York Islanders. Seine WM-Teilnahme wäre ein Risiko, das das NHL-Team nicht eingehen darf.

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Mark Streit (r.): Die New York Islanders lassen den Schweizer wohl kaum an die WM fahren. (Bild: Keystone)

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Wenn Sie in Amerika ins Büro Ihres Arbeitgebers gerufen werden und man dort zu Ihnen sagt: «Wir bedauern sehr, dass wir Sie ziehen lassen müssen», dann wurden Sie gefeuert. Hält Sie ein Verkehrspolizist an und sagt: «Ich schlage vor, dass Sie aus dem Auto steigen», dann werden Sie verhaftet. Und bittet Sie ein amerikanischer Geschäftsmann nach einer kurzen Unterredung um eine Visitenkarte, dann hat er soeben entschieden, dass er mit Ihnen keine Geschäfte machen wird. Ein Crash-Kurs in amerikanischer Kommunikationskultur: Im Land der Cowboys und der Freiheit werden Sie auf jede Frage zuerst ein Ja als Antwort erhalten. Nein ist in Amerika ein ungehobeltes Wort. Sagt ein Amerikaner indes «Ja, aber..», so müssen Sie genau hinhören. Dahinter versteckt sich eigentlich in jedem Fall ein «Nein».

Am Donnerstagmorgen hat 20 Minuten Online bei New-York-Islanders-General-Manager Garth Snow nachgefragt, wie nahe oder fern Mark Streit einem NHL-Comeback steht. Snow ist Amerikaner durch und durch, er ist am 28. Juli 1969 in Wrentham im Bundesstaat Massachusets zur Welt gekommen und hat nach seiner Ausbildung zum Hockeyprofi zwölf Jahre in der nordamerikanischen Profiliga NHL gespielt. Würde er die amerikanische Kommunikationskultur nicht verstehen, ja sogar beherrschen, er wäre nicht vom Ersatztorhüter der New York Islanders zum General Manager der Organisation aufgestiegen. Wir fragen also: «Herr Snow, wir hätten gerne mehr Informationen zu einem möglichen Comeback von Mark Streit. Können Sie uns einen Zeitplan für seine Rückkehr geben?» Snow antwortet: «Mark hat soeben seinen zweiten Besuch beim Schulterarzt Dr. Miniaci in Cleveland hinter sich, es geht ihm gut. Einen Zeitplan für sein Comeback gibt es nicht und ich verspreche Ihnen, dass Sie von uns sofort informiert werden, wenn sich daran etwas ändert. Uns ist bewusst, dass das für euch eine grosse Geschichte ist.»

Die Sache mit dem «Ja, aber»

Ein Amerikaner erkennt hinter Snows Antwort alle Informationen, die er für eine Einschätzung der Situation benötigt. Doch 20 Minuten Online ist ein europäisches Medium, deshalb wird uns ab und zu eine etwas frechere Vorgehensweise entschuldigt. Also haken wir nach: «Mark Streit will unbedingt diese Saison in die NHL zurückkehren. Unterstützen Sie dieses Vorhaben angesichts der Tabellenlage der New York Islanders mit 13 Verlustpunkten Rückstand auf den achten Playoff-Rang?» Snow sagt: «Ja, ich habe Verständnis für Marks Vorhaben. Aber Sie müssen verstehen, dass ich im Interesse der New York Islanders handeln muss.» Snow sagte «Ja, aber», also wissen wir, dass wir das Thema nun beiseite legen müssen. Deshalb fragen wir zum Abschluss: «Würde es Sie stören, wenn wir Mark in dieser Angelegenheit persönlich kontaktieren?» Snow sagt: «Sie dürfen Mark im Rahmen unserer Zusammenarbeit mit den Medien jederzeit kontaktieren. Er wird aber keine zusätzlichen Informationen für Sie haben.» Noch einmal sagt Garth Snow «Ja, aber».

Was Snow wirklich sagt

Nehmen wir also unsere Erkenntnisse über die amerikanische Kommunikationskultur und deutschen die Haltung der New York Islanders zu einem Comeback von Mark Streit aus:

«Es gibt keinen Zeitplan für Streits Rückkehr.»
Dies bedeutet soviel wie: «Sie wissen ja selber, dass wir in dieser Saison die Playoffs nicht erreichen werden. Ein Comeback von Mark Streit in der nächsten Saison reicht also vollends aus, um die New York Islanders zurück zum Erfolg zu führen.»

«Wir haben Verständnis für Marks Ziel, in dieser Saison noch zu spielen aber wir handeln im Interesse der New York Islanders».
Dies ist gleichbedeutend mit: «Wir schätzen Marks Effort, alles für ein schnelles NHL-Comeback zu unternehmen und wir wollen ihn dabei nicht behindern, indem wir seine Saison als beendet erklären. Angesichts unserer Tabellenlage werden wir ihn aber sicher nicht in nichtssagenden NHL-Spielen einsetzen und so ein unnötiges Verletzungsrisiko in Kauf nehmen.»

«Sie dürfen mit Mark sprechen, er wird Ihnen aber nichts anderes dazu sagen.»
Dies bedeutet: «Um Gottes Willen, rufen Sie auf keinen Fall Mark Streit an und entlocken ihm ein Zitat, dass er bald zurückkehren und womöglich noch mit der Schweiz an dieses WM-Turnier fahren will.»

Streits Verletzung als Entschuldigung

Zusammengefasst hat sich Mark Streit mit einer professionellen Einstellung vorbildlich schnell und gut von seiner schlimmen Schulterverletzung erholt. Sein Team, die New York Islanders, sind auch in dieser Saison kein Playoff-Team und die landesweite Erklärung dafür findet sich in der Absenz des Schweizers. Wenn immer die New York Islanders auf ihre teils sehr schlechten Leistungen in dieser Spielzeit angesprochen werden, muss Streit für die Erklärung hinhalten. Die Entschuldigung ist gut, der Verteidiger ist der bestbezahlte Feldspieler der New York Islanders, selbstverständlich kann man ohne ihn die Playoffs nicht erreichen.

Gerade weil Streit den Erfolg der New York Islanders beeinflusst wie Ebbe und Flut, ist sein Comeback nur für nächste Saison ein Thema. Und deshalb muss Garth Snow die Frage des Berners, ob er mit der Schweiz an die WM fahren darf, nicht einmal mit «Ja, aber» beantworten (Der General Manager würde damit eigentlich meinen: «Du denkst ja nicht ernsthaft, dass ich eine ganze NHL-Saison ohne dich in Kauf nehme, um dich danach einem Verletzungsrisiko an einer WM auszusetzen.»). Denn würde Snow Streit an die WM fahren lassen, an ein Turnier, an dem die Schweiz Gegnern wie Frankreich gegenübersteht, das mit Cristobal Huet genau einen NHL-Spieler stellt - und der spielte diese Saison bekanntlich bei Fribourg - ja und würde sich der Islanders-Spieler in so einer Partie verletzen, so würde Snow mit Sicherheit ins Büro seines Arbeitgebers gerufen, um zu erfahren, «dass man es bedauert, ihn gehen lassen zu müssen.» Und würde sich Snow danach bei einer anderen NHL-Organisation bewerben, würde wohl jeder Teampräsident nach nur fünf Minuten Small Talk seine Visitenkarte verlangen.