NHL-Playoffs

13. Juni 2011 14:47; Akt: 13.06.2011 14:47 Print

Verhinderter Opernsänger als Bruins-Star

von Jürg Federer, USA - Bei allem Kommerz in der NHL. Bostons Hymnen-Singer Rene Rancourt ist ein lebendes Stück Sportgeschichte. Statt Operngänger verzückt er seit 35 Jahren Eishockeyfans - ohne Vertrag.

Rene Rancourt singt die Hymne vor dem dritten Spiel der Final-Serie. (Quelle: YouTube)
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Die Boston Bruins sind ein modernes Sportunternehmen, das die Romantik der guten alten Tage beibehalten hat, als Eishockeyspieler im Sommer noch für ihren Teambesitzer Sandsäcke schleppen mussten, um finanziell über die Runden zu kommen. Heute kämpfen sie gegen die Vancouver Canucks um eine «Belle» im Stanley-Cup-Final. Mit dabei auch Rene Rancourt.

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Sport war einst eine Leidenschaft und nicht Lebensunterhalt. Mit Rene Rancourt haben die Boston Bruins noch heute einen Zeitzeugen aus dieser Ära auf der Lohnliste stehen. Im Alter von gut 20 Jahren wollte Rancourt Opernsänger werden, also nahm er an einem Gesangswettbewerb am Radio teil. «Ich habe den Wettbewerb damals nicht gewonnen aber der Organist des Fenway Park, dem Baseballstadion der Boston Red Sox, wurde auf mich aufmerksam und er lud mich zu einem Auftritt vor einem Baseballspiel ein», erinnert sich Rancourt gegenüber 20 Minuten Online. Der Organist der Boston Red Sox war auch für die musikalische Begleitung von Boston Bruins Spielen im altehrwürdigen Boston Garden verantwortlich. Als er Rancourts Stimmorgan im vollen Baseballstadion hörte, fragte er ihn spontan an, ob Rancourt die Nationalhymne auch an Eishockeyspielen singen wolle.

Keine Ahnung von den Bruins gehabt

«Ich hatte damals keine Ahnung, was Eishockey ist», schmunzelt Rancourt. «Ich war Baseball-Fan aber ich dachte mir, für einen angehenden Opernsänger könne es nicht schaden, jede Einladung anzunehmen, die mir zugetragen wird.» Rancourt kannte weder die Boston Bruins, «ich hatte keine Ahnung was mich erwarten würde», noch kannte er den Boston Garden. «Den Weg zum Stadion musste ich mir mehrmals erklären lassen.» Und dann, im Jahr 1976 war es, als Rancourt seinen ersten Auftritt im Boston Garden hatte. «Als ich die Eisfläche betrat, war ich verblüfft. Alle Zuschauer im Stadion sangen bei der amerikanischen Nationalhymne mit mir mit.» Rancourt habe das zuerst gestört. «Ich dachte mir, wenn ich schon für die singe, dann sollen sie auch zuhören und ich verstand nicht, wozu mich die Bruins engagierten, wenn sie doch schon 14 000 Sänger im Stadion hatten.»

Aber dann, als Rancourt zum Höhepunkt der Nationalhymne noch lauter sang und ihm alle Zuschauer zujubelten, als sie mit den Händen gegen die Plexiglasabschrankungen schlugen und mit den Füssen auf die Ränge traten um Lärm zu machen, da hat sich Rancourt auf den ersten Blick verliebt. «Ich dachte mir wow! Das sind meine Leute.» Spontan salutierte Rancourt die frenetische Menge - und an dieser Geste hat sich bis heute nichts geändert.

1600 gesungene Nationalhymnen

Seither sang Rancourt die Nationalhymne an jedem Heimspiel der Boston Bruins. Er ist seit 35 Jahren engagiert und er hat dennoch noch nie einen Vertrag mit den Boston Bruins abgeschlossen. «Ich bin seit meinem ersten Auftritt im Jahr 1976 einfach jedes Mal, als die Bruins ein Heimspiel hatten, zum Stadion gefahren. Man hat mir jedes Mal Einlass gewährt und ich habe jedes Mal vor dem Spiel die Nationalhymne gesungen. Einen Vertrag haben wir nie vereinbart.» Dieses Zeitzeugnis aus einer Ära, als Sport noch Leidenschaft und nicht leidenschaftlicher Lebensunterhalt war, lebt in Boston mit Rene Rancourt bis zum heutigen Tag weiter. Sandsäcke muss der Hymnensänger zwar für den Boston-Teambesitzer Jeremy M. Jacobs keine schleppen, um im Sommer über die Runden zu kommen. Aber Opernsänger wurde er indes doch nie.

Rancourt tritt an Autorennen auf, an Wohltätigkeitsveranstaltungen und im Rahmen des Stanley-Cup-Finals 2011. «1990, als die Bruins zum letzten Mal im Stanley-Cup-Final standen, hatte ich nur zwei Auftritte», erinnert sich Rancourt. «Nach einem Heimsieg und einer Heimniederlage verloren die Bruins nach fünf Partien gegen die Edmonton Oilers.» In diesem Jahr habe er drei Auftritte. Und wenn die Boston Bruins am Montag auch ihr drittes Heimspiel gegen die Vancouver Canucks gewinnen, dann kehrt die Serie für ein letztes, siebtes Spiel nach Vancouver zurück. «Gibt es ein siebtes Finalspiel, darf ich mit dem Team nach Vancouver reisen», freut sich Rancourt. Schliesslich fühle es sich 35 Jahre, nachdem sein erstes Eishockeyspiel den Weg seiner Karriere entscheidend beeinflusst hatte, für ihn so an, als könne er nach ungefähr 1600 gesungenen Nationalhymnen vor Bruins-Heimspielen nun endlich auch mit dem Team den Stanley Cup gewinnen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Berner am 13.06.2011 19:32 Report Diesen Beitrag melden

    respect

    solche Leute lassen den Profisport nicht vollends abheben. Grosser Respekt meinerseits für so eine Leistung über all die Jahre.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Berner am 13.06.2011 19:32 Report Diesen Beitrag melden

    respect

    solche Leute lassen den Profisport nicht vollends abheben. Grosser Respekt meinerseits für so eine Leistung über all die Jahre.

    • Zürcher am 14.06.2011 09:02 Report Diesen Beitrag melden

      Herrlich

      Ja,dass ist so. Aber am meisten freude habe ich am Vancouver Anthem sänger der geht wirklich ab und auch die Zuschauer. Let's go BOSTON :)

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