«Time-out»

14. Mai 2012 07:11; Akt: 14.05.2012 09:53 Print

Warum Simpson in Helsinki gescheitert ist

von Klaus Zaugg, Helsinki - Nationaltrainer Sean Simpson hat die WM-Viertelfinals zum zweiten Mal hintereinander verpasst. Es gibt trotzdem gute Gründe, dass er weitermacht.

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Der Schweizer Eishockey-Natitrainer Sean Simpson erlebt eine schwere Zeit. (Bild: Keystone)

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Kein Eishockey-Wunder für Sean Simpson: Die Reaktion auf das schmähliche 2:4 gegen Frankreich war ordentlich, aber nicht gut genug: 0:1 gegen die Slowakei. Damit haben die Schweizer die WM-Viertelfinals verpasst.

Die Ausgangslage vor dem Turnier war für Simpson klar: Die WM-Viertelfinals erreichen – oder gehen. Auch ich habe diese Forderung gestellt. Wäre diese WM in geordneten Bahnen verlaufen, dann müsste der Kanadier jetzt tatsächlich gefeuert werden.

Ein Turnier wie fast kein anderes

Aber diese WM ist nicht in geordneten Bahnen verlaufen. Es war für die Schweiz das dramatischste WM-Turnier seit 2001. Das Versagen lässt sich deshalb nicht einfach auf den Coach reduzieren. Nur aus der Ferne, ohne Kenntnis und Berücksichtigung der aussergewöhnlichen WM-Begleitumstände, lässt sich noch mit reinem Gewissen die Entlassung des Nationaltrainers fordern.

Simpson kann ein paar gute Gründe für seine Entlastung anführen:

Das Versagen der NHL-Stars

Mark Streit (-3), Luca Sbisa (-4) und Nino Niederreiter (-5) waren ausser Form. Roman Josi war nicht die erhoffte Verstärkung: Er hat mit einem Fehlpass das 0:1 gegen die Slowakei verursacht und auch er hat nach den zwei Partien gegen Frankreich und die Slowakei eine Minus-Bilanz (-1). Captain Streit war nie dazu in der Lage, die Mannschaft auf dem Eis zu führen. Helsinki 2012 war die schwächste WM des besten Schweizer Spielers der Neuzeit. Alle vier NHL-Profis stehen mit Minus-Bilanzen in der Statistik. So waren die Viertelfinals nicht möglich.

Die durchschnittlichen Torhüter

Zum ersten Mal in der Neuzeit (seit 1998) hatte die Schweiz keine überdurchschnittlichen WM-Goalies. Wir verloren zwar kein Spiel wegen des Torhüters. Aber wir gewannen eben auch keines dank dem Goalie. Bittere Ironie: Die bisher beste Torhüterleistung an dieser WM (von Reto Berra) nützte gegen die Slowakei nichts: Wir verloren 0:1. Die Goalie-Nomination war jedoch richtig: Simpson holte die Nummer 1 der letzten WM (Tobias Stephan) und den besten Goalie dieser Saison (Reto Berra).

Verletzungspech

Im zweiten Spiel verloren die Schweizer mit Simon Moser den besten Stürmer durch eine Verletzung. Bei der offensiven Ausrichtung der Taktik ein schwerwiegender Verlust. Weil nach dem Kanada-Spiel auch noch für Daniel Rubin die WM wegen einer Verletzung zu Ende war, musste Simpson vor der Partie gegen Frankreich alle Linien umstellen.

Welchen Anteil hat der Nationaltrainer am Scheitern von Helsinki? Nach dem Krieg ist jeder Soldat ein Feldherr. Kritik ist im Nachhinein also billig. Doch drei Punkte müssen mit Simpson kritisch hinterfragt werden.

Zu grosse NHL-Gläubigkeit

Die Form der NHL-Spieler ist nicht geprüft worden. Streit wurde «blindlings» zum Captain ernannt. Josi ist, ohne je ein Vorbereitungsspiel bestritten zu haben, in der Partie gegen Frankreich gleich im Boxplay forciert worden. Er stand bei zwei der drei Powerplaytoren der Franzosen auf dem Eis.

Die grosse Einsamkeit

Simpson durfte richtigerweise seine Assistenten bestimmen. Mit Manuele Celio und Lance Nethery hat er sich zwei Assistenten ausgesucht, die auf diesem Niveau überfordert sind. Und so hat Simpson an dieser schwierigen WM einen schlauen Opportunisten (Celio) und einen überforderten Freund (Nethery) als wichtigste Ratgeber. Nur mit seinem Berater Andy Murray kann er sich auf Augenhöhe über Hockey unterhalten. So ist unser Nationaltrainer an dieser WM einer der einsamsten Coaches. Wenn der Kanadier bleibt, dann braucht es eine neue Zusammenstellung des Coachingteams.

Zu viel Chaos

Die offensive Ausrichtung ist richtig. Aber die Ordnung ist verloren gegangen: In der Powerplay-Statistik sind wir die Nummer 14, im Unterzahlspiel die Nummer 10 des Turniers. Das ist ganz einfach ungenügend. 2010 und 2011 hatten wir noch das beste WM-Boxplay und traditionell gehörte unser Überzahl- und Unterzahlspiel unter Ralph Krueger zu den besten der WM. Auch bei offensiver Ausrichtung sind wir auf ein funktionierendes Spielsystem angewiesen.

Wie weiter mit Simpson?

Simpson hat einen Vertrag bis und mit dem Olympiaturnier 2014. Er kostet den Verband praktisch gleich viel wie sein Vorgänger Krueger. Eine Entlassung des Kanadiers kostet jetzt mehr als eine Million Franken. Auch wenn sich möglicherweise mit kreativer Buchhaltung die Kosten für die Entlassung in der Bauabrechnung für das «Hockey-Versailles» in Winterthur unterbringen lassen – die Frage muss gestellt werden: Lohnt es sich, mehr als eine Million in die Entlassung des Nationaltrainers zu investieren? Nein. Es gibt also wirtschaftliche Argumente für seine Weiterbeschäftigung.

Die Nationalmannschaft steht in einem Entwicklungsprozess. Weg von der taktischen Systemdiktatur unter Krueger (WM 1998 bis Olympia 2010) und hin zu einer offensiven Demokratie. Talent und Kreativität zählen mehr als das System. Dieser Entwicklungsprozess ist noch lange nicht abgeschlossen. Die Schweizer spielten in Helsinki besser als es die bisherigen sechs Punkte vermuten liessen. Sie gewannen die Pflichtspiele gegen Kasachstan und Weissrussland, begeisterten trotz Niederlagen gegen Finnland und Kanada – und verspielten alles in einem miserablen Spiel gegen Frankreich. Von dieser Pleite konnten sie sich nicht mehr richtig erholen und verloren gegen die Slowakei definitiv die Viertelfinals.

Es wäre falsch, diesen viel versprechenden Entwicklungsprozess zu stoppen. Die Frage ist ganz einfach: Ist Simpson der richtige Coach, um diesen Prozess weiterzuführen?

Unter Berücksichtigung der ganz besonderen Verhältnisse, die an dieser WM zum Scheitern geführt haben, ist seine Weiterbeschäftigung zu verantworten. Aber bei der Nationalmannschaft zählen letztlich die Resultate. Wenn wir auch die Partie gegen die USA verlieren, droht uns mit der talentiertesten WM-Mannschaft der Neuzeit die schlechteste WM-Schlussklassierung seit 2002 (10.).

Im wichtigen Moment nicht bereit

Simpson hat nun dreimal hintereinander die entscheidenden WM-Partien verloren: Das WM-Viertelfinale von 2010 (0:1 gegen Deutschland) und 2011 und 2012 die Spiele um die Viertelfinal-Qualifikation. Bringt er den Schwefelgeruch des Versagens je wieder aus den Kleidern?

Verbandspräsident Philippe Gaydoul steht vor dem heikelsten Personalentscheid seiner bisherigen Hockey-Karriere. Kommt er zum Schluss, gegen den Rat seines Sportdirektors Ueli Schwarz, den Nationaltrainer zu feuern, dann hat er als Milliardär ja die Möglichkeit, die Kosten für die Entlassung zu übernehmen und damit die wirtschaftlichen Argumente für eine Weiterbeschäftigung des Kanadiers zu entkräften.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Marcelmaese am 14.05.2012 12:32 Report Diesen Beitrag melden

    2. Punkte vergessen!

    1. Die +/- Bilanz ist die wohl überflüssigste und nichtssagenste Bilanz überhaupt. Die Verteidiger, die gegen die Paradelinien des Gegners spielen, weisen praktisch immer eine Negativbilanz auf. Dies hat weniger als nichts mit den Qualitäten oder der Leistung eines Spieler zu tun. 2. Es fehlten einfach zu viele gute Spieler. Bykow, Sprunger, Moser, Hiller, Diaz (Verletzungsbedingt) und Pestoni, Schnyder (nicht nominiert). Da ging schon einiges an Offensivkraft und defensive Stabilität verloren.

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  • Meier Michi am 14.05.2012 08:52 Report Diesen Beitrag melden

    Krüger war ja sooo schlecht........

    Wo sind all die Krüger-Miesmacher? Nach ihm konnte es ja nur noch besser werden......ich sehe aber keine Steigerung, sondern nur Rückschritte. Nur schönreden von Niederlagen, gut gespielt aber leider verloren. Naja, das Krüger-System war halt doch nicht so schlecht....aber Hauptsache man hat in rausgemobbt.....

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  • Mats Waltin am 15.05.2012 08:07 Report Diesen Beitrag melden

    Norwegen als Vorbild nehmen!

    An Norwegen sollte die CH sich ein Beispiel nehmen, wie man mit kleinen Ressourcen an Spielern es auch machen kann! Nicht überbezahlte Cracks,die ihre Leistung nicht abrufen können, sondern Kämpfer die sich grössten Teils in der schwedischen Liga, ohne Top-Gagen durchsetzen müssen!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Mats Waltin am 15.05.2012 08:07 Report Diesen Beitrag melden

    Norwegen als Vorbild nehmen!

    An Norwegen sollte die CH sich ein Beispiel nehmen, wie man mit kleinen Ressourcen an Spielern es auch machen kann! Nicht überbezahlte Cracks,die ihre Leistung nicht abrufen können, sondern Kämpfer die sich grössten Teils in der schwedischen Liga, ohne Top-Gagen durchsetzen müssen!

  • Christian Keller am 14.05.2012 20:59 Report Diesen Beitrag melden

    Im Kopf stimmt's nicht !

    Seit einer Ewigkeit verfolge ich die Spiele der Eishockey- und Fussballnati. Wenn's drauf ankommt läuft immer das Gleiche ab, oder wie es die Berner sagen: S' isch gäng wie gäng !

  • Andreju am 14.05.2012 20:47 Report Diesen Beitrag melden

    Fand's gut

    Also mir persönlich haben die Spiele unserer Hockenati - mit Ausnahme der Partie gegen Frankreich - grossen Spass gemacht. So viel Spielfreude hat man in der Vergangenheit noch selten gesehen. Und ohne ein Quentchen Glück im richtigen Moment kann auch eine Topmannschaft keinen Blumentopf gewinnen. Ist es denn wirklich so entscheidend, ob wir die WM als 8. oder als 10. beenden? Vielleicht sollte man analog der Fussballnati in Zukunft nur noch uninspiriert Beton anmischen und darauf hoffen, dass die 60 Minuten schnell vorbei sind ohne Gegentor. Aber ehrlich: Das ist doch zum einschlafen...

  • Martin Güdel am 14.05.2012 16:45 Report Diesen Beitrag melden

    Eine unglaubliche Erkenntnis!!

    Da hat doch tatsächlich einer bemerkt, dass das Versagen der Mannschaft sich nicht einfach auf den Coach reduzieren lässt. Sorry, Klaus, aber für diese Erkenntnis braucht's kein Eishockey-Fachwissen. Und bitte: Was sind an einer WM "geordnete Bahnen"?

  • daniel t am 14.05.2012 16:32 Report Diesen Beitrag melden

    geduld

    jetzt hört doch auf alles den nhl spieler in die schuhe zu schieben. habt ihr mal geschaut wie alt sbisa,josi und niderreiter sind? ich glaube wir werden noch grosse erfolge feiern miter nati. nicht vergessen wir haben wichtige ausfälle gehabt wie sprunger,bykov und plüss. zudem werden brunner und bärtschi nhl kariere machen. also kopf hoch und habt ein bischen geduld