«Time-out»

07. März 2011 11:59; Akt: 07.03.2011 12:39 Print

Warum es keine Playoff-Sensation gibt

von Klaus Zaugg - Durchschnittliche Torhüter-Leistungen sind der Hauptgrund für das Ausbleiben der Sensationen in den Playoffs. Der beste Goalie spielt ausgerechnet beim HC Davos.

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Leonardo Genoni ist der beste Torhüter der Liga. (Bild: Keystone)

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Fribourg-Gottéron hat für die zwei letzten grossen Playoff-Sensationen gesorgt: 2008 haben die Saanestädter mit dem SC Bern den Qualifikationssieger, 2009 mit den ZSC Lions das beste Team Europas (Sieger der Champions Hockey League) in den Viertelfinals eliminiert.

Seither warten wir vergeblich auf das grosse Playoff-Beben. Vor einem Jahr setzten sich im Viertelfinale vier der ersten fünf durch (Bern, Servette, Zug und Kloten). Einzig Titelverteidiger Davos blieb im Duell zwischen Platz vier und fünf auf der Strecke. Das Finale bestritten mit dem SC Bern und Servette die Teams, die in der Qualifikation die Plätze eins und zwei erreicht hatten.

Caron war der Baustein der Erfolge

Der Vater der letzten beiden Sensationen war Gottérons kanadischer Torhüter Sébastien Caron (jetzt Lugano). Mit lediglich einem guten Torhüter hätte Fribourg damals weder den SC Bern noch die ZSC Lions aus den Playoffs gekippt. Es brauchte einen aussergewöhnlichen Goalie wie Caron.

Nun sieht es wieder ganz ähnlich aus wie vor einen Jahr. Qualifikationssieger Davos und Titelverteidiger SC Bern haben das Halbfinale bereits in vier Spielen erreicht und die Kloten Flyers brauchen gegen die ZSC Lions nur noch einen Sieg. Wir hofften erneut vergeblich auf eine Sensation. Weil es keinen Nachfolger für Sébastien Caron gibt.

Was sind die Erkenntnisse aus diesen Viertelfinals?

Erstens: Die Leistungsgrenzen der SCL Tigers und ihres Torhüters

Die Langnauer hätten mit einem grossen Torhüter eines der beiden ersten Spiele gewinnen und den SCB ins Zittern bringen können. Benjamin Conz war sehr gut, aber zu wenig gut, um ein Playoff-Held zu werden. In diesen Playoffs hat sich gezeigt, warum er nach wie vor kein NHL-Draft ist: Er ist ein paar Zentimeter zu klein. Gegen ein physisch so starkes Team wie gegen den SC Bern vermochte er den Raum um sein Tor herum nicht zu beherrschen.

Die SCL Tigers sind bei ihren ersten NLA-Playoffs in vier Spielen gegen den Titelverteidiger gescheitert – aber drei der vier Niederlagen waren ehrenvoll. Und doch markieren diese Playoffs letztlich die Leistungsgrenzen und eine Rückkehr zur Realität: Seit der Playoff-Qualifikation am 22. Januar haben die Langnauer nur noch eines von neun Spielen gewonnen. So sind sie ein Kandidat für die Playouts 2012. Je eher die Emmentaler erkennen, dass die märchenhafte Saison 2010/11 vorbei ist und ein neuer Existenzkampf beginnt, desto grösser sind die Chancen auf eine erneute Playoffqualifikation.

Zweitens: Stanley-Cup-Sieger Cristobal Huet ist ein Lotterogalie

Der eingebürgerte Franzose hatte bei seiner Ankunft Fribourg-Gottéron für ein paar Wochen verändert. Inzwischen ist der von Chicago ausgeliehene Torhüter mit dem Jahressalär von 5,6 Millionen Dollar zum Lottergoalie verkommen. Gegen den HC Davos blieb seine Fangquote unter 90 Prozent. Er ist der schwächste NLA-Goalie des Jahre 2011. Gottéron wird so oder so frühestens Ende September wissen, ob Huet wieder in Europa spielen kann. Es wird besser sein, ihn zu vergessen und alles daran zu setzen, von den Lakers Daniel Manzato zu bekommen.

Fribourg hat für die nächste Saison offensiv bereits aufgerüstet. Christian Dubé, Simon Gamache, Pavel Rosa und Tristan Vauclair kommen. Aber ohne starken Torhüter und ohne richtigen Trainer muss Gottéron selbst mit der nominell besten Mannschaft der Unternehmensgeschichte nächste Saison um die Playoffs bangen. Vor einem Jahr hat Lugano das Viertelfinale gegen den SC Bern kläglich in vier Partien verloren. Das Torhüter- und Trainerproblem lösten die Tessiner nicht und so mussten sie diese Saison die Playouts bestreiten. Gottéron ist auf dem besten Wege, das Lugano der Alpen-Nordseite zu werden.

Drittens: Die ZSC Lions sind ebenfalls playoutgefährdet

Besonders bitter ist der 1:3-Rückstand gegen die Kloten Flyers für die ZSC Lions. Alle sagen, wie gut Tobias Flüeler sei, und Edgar Salis hat Flüelers Position mit einem Dreijahresvertrag zementiert. Ein weiterer Fehlentscheid des glücklosen ZSC-Sportchefs. Lukas Flüeler ist tatsächlich ein guter Torhüter. Aber er ist kein neuer Ari Sulander und hat mit einem haltbaren Treffer in der Verlängerung die Niederlage im dritten Spiel und möglicherweise die Entscheidung in dieser Serie auf dem Gewissen. Mit Sulander in der Form der Champions League oder der meisterlichen Jahre zu Beginn dieses Jahrhunderts hätten die ZSC Lions bisher zwei der vier Spiele gegen Kloten gewonnen. Kommt dazu, dass die Stadtzürcher auch nicht von jener Leidenschaft beseelt sind, die ein Aussenseiter für eine Playoff-Sensation braucht.

Die ZSC Lions sind, wie Gottéron, ein heisser Playout-Kandidat: Wenn sie schon in den Playoffs gegen den Kantonsrivalen ihr Potenzial nicht mehr mobilisieren können – wie wollen sie dazu in der langen Qualifikation der Saison 2011/12 dazu in der Lage sein? Und wenn es die ZSC Lions doch noch auf wundersame Weise bis ins Halbfinale schaffen sollten, sind sie für die Playouts 2012 sogar gesetzt: Denn dann glaubt das Management, nun sei alles wieder gut, und es gibt kein «house cleaning». Das sportliche Lotterleben der Stars geht weiter, und statt eines Teams werdend die ZSC Lions weiterhin einen zerstrittenen Haufen von Jungmillionären haben.

Viertens: Davos hat den besten Torhüter

Ein Goalie, der in der Nachwuchsabteilung der ZSC Lions ausgebildet worden ist, aber nie eine Chance bekommen hat (womit wir wieder beim glücklosen ZSC-Management wären), ist der konstanteste und beste Goalie dieser Saison. Leonardo Genoni vom HC Davos. Wenn der beste Torhüter der Liga beim Qualifikationssieger spielt, gibt es in der ersten Runde in der Regel keine Playoff-Sensation.

Fünftens: Der Unterschied zwischen dem SCB und YB

Schliesslich und endlich haben die Viertelfinals wieder einmal den Beweis für eine alte Berner Sportweisheit geliefert: Der SCB war im Viertelfinale gegen die SCL Tigers nie vom Ausscheiden bedroht. Was ist der Unterschied zwischen dem SC Bern und YB? Ganz einfach: Der SCB ist nach wie vor gut genug, um mit einem durchschnittlichen Goalie Meister zu werden. YB nicht.