In der Transfermühle

13. Dezember 2011 08:42; Akt: 13.12.2011 08:42 Print

Webers Tage in Montreal sind gezählt

von Jürg Federer, USA - Canadiens-Verteidiger Yannick Weber ist ein Transferschnäppchen, das als Mogelpackung verkauft werden soll. Deshalb will ihn im Moment auch noch niemand verpflichten.

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Am 17. November 2011 standen mit Mark Streit, Nino Niederreiter, Yannick Weber und Rafael Diaz zum ersten Mal vier Schweizer auf einem NHL-Matchblatt. In den 35 Jahren seit mit Jacques Soguel der erste Schweizer in die NHL gedraftet wurde haben 19 Schweizer in der nordamerikanischen Profiliga gespielt. Die meisten von ihnen haben in der NHL keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Heute stellt die Schweiz in nur einem Spiel einen NHL-Captain (Streit), einen NHL-Topdraft (Niederreiter), einen Powerplay-Spezialisten (Weber) und einen ungedrafteten Newcomer (Diaz). Am 21. September 2011 haben die New York Islanders Mark Streit zum ersten Schweizer Captain einer NHL-Mannschaft ernannt. Streit ist in 16 Jahren vom verstossenen NLA-Spieler (vom SC Bern für 40 000 Franken zu Fribourg transferiert) zum NHL-Leader aufgestiegen. Auf diesem Weg hat er schon die Mannschaft der ZSC Lions und die Schweizer Nationalmannschaft als Captain angeführt. Am 7. Juni 2011 hat Roman Wick als erster Schweizer die AHL-Meisterschaft gewonnen. Wick erzielte im entscheidenden Spiel das erste Tor. Nach dem Gewinn des Calder Cup entschied sich Wick, der im Verlauf seines Einjahresvertrages mit den Ottawa Senators sieben Mal in der NHL eingesetzt wurde, zu einer Rückkehr zu seinem Stammklub Kloten Flyers in der Schweiz. Am 30. Januar 2010 unterzeichnete Jonas Hiller mit den Anaheim Ducks einen Vertrag über vier Jahre für 18 Millionen US-Dollar. Hiller ist damit der am besten verdienende Schweizer NHL-Spieler aller Zeiten. Speziell an seiner Laufbahn ist, dass er - wie Patrik Fischer (Phoenix), Andres Ambühl (New York), Alain Berger, Robert Mayer und Rafael Diaz (alle Montreal) nie in die NHL gedraftet wurde. Am 25. Juni 2010 wurde Nino Niederreiter im Staples Center in Los Angeles als erster Schweizer Top-Ten Draft der Geschichte ausgewählt. Die New York Islanders sicherten sich die Rechte des Schweizer Nachwuchstalents an fünfter Stelle weltweit und stellten ihm kurz darauf einen Dreijahresvertrag für eine Lohnsumme von 8,385 Millionen US-Dollar aus. Am 25. Januar 2009 nahm Mark Streit als erster Schweizer an einem NHL-All Star Game teil. Ausgerechnet im Centre Bell in Montreal, wo Streit zuvor drei Jahre lang gespielt hatte, lief er als Vertreter der New York Islanders für das Team der Eastern Conference auf. Streits Team gewann mit 12:11, dem Schweizer gelangen zwei Assistpunkte. Am 1. Juli 2006 unterzeichnete Martin Gerber als erster Schweizer einen NHL-Vertrag in zweistelliger Millionenhöhe. Die Ottawa Senators verpflichteten den frisch gebackenen Stanley Cup-Sieger (mit Carolina) für drei Jahre für die Lohnsumme von 11,25 Millionen US-Dollar. Gleich im ersten Anlauf erreichte Gerber mit den Senators nach 2003 (Anaheim) und 2006 (Carolina) zum dritten Mal das Stanley Cup-Finale. Am 9. Juni 2001 gewann mit David Aebischer erstmals ein Schweizer den Stanley Cup. Als Backup-Torhüter der Legende Patrick Roy wurde Aebischer in den Stanley Cup-Playoffs während genau 32 Sekunden eingesetzt. Am Ende gewann die Avalanche im siebten Spiel vor Heimpublikum mit 3:1. Heute spielt Aebischer im Auftrag der Winnipeg Jets in der AHL für die St. John's Ice Caps in der kanadischen Provinz Neufundland. Am 2. November 2000 erzielte Reto von Arx in Boston mit den Chicago Blackhawks das erste Schweizer NHL-Tor der Geschichte. Am Ende unterlagen die Blackhawks mit 4:5. Nach 19 Partien wurde von Arx zurück in die AHL zu den Norfolk Admirals geschickt. Als er von den Chicago Blackhawks auch in der darauf folgenden Saison nicht in die NHL geholt wurde, kündigte er am 14. Oktober 2001 seinen NHL-Vertrag und kehrte zum HC Davos zurück, wo von Arx noch heute spielt. Am 21. Juni 1997 haben die Edmonton Oilers am NHL-Draft in Pittsburgh Michel Riesen an 14. Stelle weltweit ausgewählt. Riesen ist damit der erste Schweizer NHL-Erstrundendraft der Geschichte. Von 1998 bis 2001 absolvierte Riesen 202 AHL-Partien für die Hamilton Bulldogs (137 Skorerpunkte) und zwölf NHL-Partien (1 Assist). Am Ende der Saison wurde Riesen zusammen mit Doug Weight zu den St. Louis Blues transferiert und kehrte darauf in die Schweiz zurück. Am 29. Januar 1995 wurde mit Eishockeytorhüter Pauli Jaks erstmals in der Eishockeygeschichte ein in der Schweiz ausgebildeter Spieler von einem NHL-Team eingesetzt. Jaks spielte 40 Minuten im Tor der Los Angeles Kings gegen die Chicago Blackhawks und liess bei 27 Schüssen zwei Gegentore zu. Am Ende verloren die Kings mit 6:3. Es blieb bei diesem einen Einsatz, Jaks kehrte am Ende der Saison zu seinem Stammklub HC Ambri-Piotta zurück. Am 1. Juni 1976 wurde Jacques Soguel am NHL-Draft in Montreal als erster Schweizer der Geschichte in die NHL gedraftet. Soguel wurde in der achten Runde (121. Stelle) von den St. Louis Blues ausgewählt und danach nie vom Klub kontaktiert. Soguel spielte seine ganze Karriere (1974 - 1991) für den HC Davos.

Schweizer Meilensteine in der NHL.

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Die Montreal Canadiens spielen unter den Erwartungen der Fans und des Managements. Der neunte Zwischenrang in der Eastern Conference ist schmeichelhaft, weil die Canadiens bereits 30 Spiele ausgetragen haben. In einer bereinigten Tabelle wären sie auf dem elften Platz. Nun sollen in Montreal Massnahmen ergriffen werden. In der NHL gibt es drei Möglichkeiten, ein strauchelndes Team wieder auf Erfolgskurs zu bringen:

1. Die Trainerentlassung

Die Trainerentlassung ist in der NHL eine Alibiübung. Der NHL-Headcoach ist ein Befehlsempfänger im mittleren Kader. Bei seiner Entlassung bleiben die Teamstrukturen bestehen und die Mächtigen bleiben an der Macht. In der Schweiz bricht mit einem neuen Coach ein neues Zeitalter an, in der NHL ist der Wechsel nur ein warmes Lüftchen.

2. Der Spielertransfer

Die Spieler stehen in der wichtigsten Hockeyliga der Welt über dem Headcoach und sie verdienen ein Vielfaches ihres Übungsleiters. Sie sind im Geschäft der NHL die sportlichen Drahtzieher, nicht selten entscheiden sie über das Schicksal des Trainers mit. Der Transfer von Spielern verändert die Machtstruktur nachhaltiger als die Trainerentlassung und ist deshalb ein richtiges Sturmgewitter.

3. Die Entlassung des General Managers

Die Entlassung des General Managers ist das «All Inclusive-Paket». Sie wirkt wie ein Hurrikan, der durch die Geschäftsräume und die Garderobe einer NHL-Organisation zieht. Dieser Sturm lässt keinen Stein auf dem anderen, da der neue Chef oft als erste Amtshandlung den Coach entlässt und danach Spieler austauscht. In Nordamerika wird das feudal «Housecleaning» – zu Deutsch Frühjahrsputz – genannt. Die Entlassung des GMs wird meistens im Sommer angewendet, wenn noch genügend Zeit für den Frühjahrsputz bleibt.

Ein Stürmer für Verteidiger Weber

Montreals General Manager Pierre Gauthier entscheidet nicht über sein eigenes Schicksal, also bleiben ihm nur die Trainerentlassung, das warme Lüftchen, und die Spielertransfers, das Sturmgewitter, um den schlechten Saisonstart der Montreal Canadiens zu korrigieren. Gauthier hat sich für das Sturmgewitter entschieden und Verteidiger Jaroslav Spacek zu den Carolina Hurricanes transferiert.

Das Geschäft ist nur der Anfang von Gauthiers Plan, Montreal zurück auf die Erfolgsstrasse zu führen. Die Canadiens haben bisher viel zu wenig Tore erzielt, Gauthier sucht Stürmer und er ist bereit, dafür auf Yannick Weber zu verzichten.

Weber nur Teil des Weihnachtspakets

Anders als in der Schweiz, wo direkte Konkurrenten eine kurze Autofahrt voneinander entfernt operieren, liegen NHL-Städte Flugstunden voneinander entfernt. Man trifft sich für Transfergespräche nicht in der Öffentlichkeit einer Autobahnraststätte, sondern in der Anonymität eines geheimen Telefongesprächs. Transfers, von denen man schon vor dem Vollzug etwas erfährt, sind deshalb in den meisten Fällen bereits gescheitert.

So verhält es sich im «Fall Weber» auch mit Tampa Bay, Chicago, New Jersey und Anaheim. Mit diesen Klubs hat Pierre Gauthier bisher in der «Causa Weber» telefoniert. Alle haben sie Gauthier mitgeteilt, dass sie Weber gerne transferieren würden, wenn die Canadiens ein schönes Weihnachtspaket mit Draftpicks und einem Stürmer wie Andrej Kaścicyn schnüren.

Weber bald zum Gratistarif

Gauthier weiss, dass dies vielleicht die letzte Chance sein wird, für Weber etwas auf dem Transfermarkt herauszuholen. Denn wenn in Montreal alle Stürmer und Verteidiger gesund sind, findet Coach Jacques Martin keinen Platz mehr für Weber im Team. Dann landet der Schweizer entweder auf der Tribüne oder in der AHL. Für eine Degradierung in die Minor Leagues muss Weber aber wegen seines Vertrages auf eine «Waiver-Liste» gestellt werden, von der ihn jeder Klub während 24 Stunden ohne Gegenleistung verpflichten kann – zu den gleichen Konditionen, zu denen Weber zur Zeit in Montreal spielt.

Weber verdient 800 000 US-Dollar. Er ist der beste Torschütze aller Montreal-Verteidiger und der einzige Abwehrspieler, der in dieser Saison im Powerplay für Montreal getroffen hat. Das ist ein Schnäppchen, das in der NHL jederzeit ein neues Zuhause findet. Deshalb sind auch Tampa Bay, New Jersey, Chicago und Anaheim an Weber interessiert. Doch wenn sie ihn jetzt im Tauschgeschäft verpflichten, wäre das eine Mogelpackung, weil sie wissen, dass man ihnen Weber möglicherweise bald auf dem Gratistablett der Waiver-Liste serviert. So oder so, die Tage von Yannick Weber im Team der Montreal Canadiens sind gezählt. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern nur noch wann er die Mannschaft endgültig verlassen wird.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Tuki am 13.12.2011 09:38 Report Diesen Beitrag melden

    für Weber....

    momentan das Beste was ihm passieren kann falls er auf dem Waiver landet, bei Montreal hat er keine Zukunft mehr, schon schade für die Habs das sie nicht aus früheren Fehlern gelernt haben (zBsp. Mark Streit). Hoffe einfach für ihn das interessierte Teams ihm eine echte Chance geben und nicht nur im PP mit ihm rechnen.

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  • Thomas am 13.12.2011 09:03 Report Diesen Beitrag melden

    Weber zu Colorado...

    Obwohl ich es schade finde, dass Weber in Montreal voraussichtlich gehen muss, würde ich Weber gerne bei den Colorado Avalanche sehen... Weber passt in das junge Team und hätte in der Verteidigung viel Potential zum Entfalten...

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  • Jason Finch am 13.12.2011 14:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Interessant...

    Hoffe die New Jersey Devils schnappen sich Weber, dann würde 20min mehr über mein Lieblingsteam schreiben :) Ausserdem können die Devils einen guten Verteidiger gebrauchen, die Defense ist echt übel, zu sehr verlassen sie sich auf den Torhüter. Leider haben sie bereits Kurtis Foster von den Ducks geholt, der einen ähnlichen Spielstil wie Weber hat. Naja, abwarten & hoffen :)

Die neusten Leser-Kommentare

  • Jason Finch am 13.12.2011 14:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Interessant...

    Hoffe die New Jersey Devils schnappen sich Weber, dann würde 20min mehr über mein Lieblingsteam schreiben :) Ausserdem können die Devils einen guten Verteidiger gebrauchen, die Defense ist echt übel, zu sehr verlassen sie sich auf den Torhüter. Leider haben sie bereits Kurtis Foster von den Ducks geholt, der einen ähnlichen Spielstil wie Weber hat. Naja, abwarten & hoffen :)

  • Tuki am 13.12.2011 09:38 Report Diesen Beitrag melden

    für Weber....

    momentan das Beste was ihm passieren kann falls er auf dem Waiver landet, bei Montreal hat er keine Zukunft mehr, schon schade für die Habs das sie nicht aus früheren Fehlern gelernt haben (zBsp. Mark Streit). Hoffe einfach für ihn das interessierte Teams ihm eine echte Chance geben und nicht nur im PP mit ihm rechnen.

    • Tajno am 13.12.2011 18:03 Report Diesen Beitrag melden

      Weber ist kein Streit

      Weber ist aber kein Spieler wie Streit. Diaz dagegen schon - und er wird forciert und eingebunden. Das Weber gehen muss zeichnete sich schon länger ab - es war aber gut für ihn, dass er in seiner erhaltenen Eiszeit einen soliden Eindruck hinterliess (zumindest offensiv), hoffen wir er findet den für ihn passenden Verein und die dazugehörige Position.

    • Giusi Singer am 13.12.2011 20:15 Report Diesen Beitrag melden

      Diaz nicht Streit

      Wenn Diaz auch nur einen Bruchteil einer Sekunde mit Streit verglichen wird, muss er gleich fristlos kündigen. Diaz ist Diaz, Streit ist Streit. Alles andere führt zu Weberschen Trugschlüssen.

    • Flocke am 14.12.2011 00:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Streit

      Gemäss Kennern hätte Streit nie in der NLA gespielt... Was dabei rauskommt sieht man jetzt! Niemand kann sagen was morgen sein wird...

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  • Thomas am 13.12.2011 09:03 Report Diesen Beitrag melden

    Weber zu Colorado...

    Obwohl ich es schade finde, dass Weber in Montreal voraussichtlich gehen muss, würde ich Weber gerne bei den Colorado Avalanche sehen... Weber passt in das junge Team und hätte in der Verteidigung viel Potential zum Entfalten...

    • Oliver am 13.12.2011 16:35 Report Diesen Beitrag melden

      Zu viele Verteidiger

      Das Problem ist nur, dass Colorado 1) Bereits 8 Verteidiger in ihrem 23-Mann Roster hat 2) Genug weitere gute Verteidiger in der AHL/CHL hat und 3) zu nahe am Salary-Floor klebt und Weber ihnen nicht hilft weiter weg zu kommen...

    • Forsberg am 14.12.2011 09:35 Report Diesen Beitrag melden

      Colorado --> provlem Salary Cap

      Weber passt zu den AVS jedoch müssen die sich jetzt schon überlegen wie sie z.B einen Landeskog, Duchene, Elliott halten wollen aufgrund des Salary Caps. Zudem denke ich würde es Weber gut tun neben einem erfahrenen Verteidiger zu spielen Ich hoffe es löst sich für ihn irgendwie.

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  • A.C. am 13.12.2011 08:54 Report Diesen Beitrag melden

    Weber muss weg...

    Sehr Interessanter Artikel. Ich hoffe für Weber das er zu einem Team wie Tampa Bay oder New Yersey kommt, wo er auch eine echte Chance bekäme. Bei den Ducks würde er wohl nur wieder in der 3. oder 4. Linie eingesetzt werden. Schon bemerkenswert, das sich Diaz so schnell einen Stammplatz erkämpft hat. Hut ab!