SCL Tigers

01. Oktober 2011 10:02; Akt: 01.10.2011 13:29 Print

Wenn ein Märchen zu Ende geht

von Klaus Zaugg - Die SCL Tigers haben im 62. Spiel die bitterste Niederlage unter Trainer John Fust erlitten. Nach dem 3:7 in Bern ist ein Hockey-Märchen zu Ende gegangen – und die Frage ist, ob nun ein neues beginnt.

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Im Infight: Der Berner Johan Morat, links, prügelt sich mit dem Langnauer Pascal Pelletier. (Bild: Keystone)

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Vor ziemlich genau einem Jahr hat das Langnauer Hockey-Märchen am 21. September 2010 mit einem Sieg in Bern (2:1 n.P.) begonnen. Von diesem Tag an segelten die SCL Tigers auf Playoff-Kurs und schafften im Frühjahr tatsächlich erstmals die NLA-Playoffs. Die bangen Fragen nun: Ist mit dem 3:7 am 30. September 2011 in Bern dieses Hockeymärchen zu Ende gegangen? Beginnt die Krise? Die Rückkehr in den Playout-Alltag, ins Leben unter dem Strich?

Tatsächlich ist das Märchen zu Ende gegangen. Nun wird sich zeigen, ob ein neues beginnen kann. Trainer John Fust ist sich nach dem 3:7 in Bern der Brisanz der Situation durchaus bewusst und fordert gegen die Lakers eine heftige Reaktion. «Es wird ein Charakterspiel. Nun wird sich zeigen, wozu wir fähig sind.»

Ein 3:7 in Bern ist kein Unglück. Eines von 50 Qualifikationsspielen ist verloren gegangen. Und doch ist es die bisher bitterste Niederlage der Ära Fust. Die Langnauer verloren das Derby, weil sie dort schwach waren, wo sie während der ganzen letzten Saison stark waren.

Torhüter Robert Esche war zum ersten Mal ein «Lottergoalie»:
Das 0:1 war haltbar und von diesem Augenblick an gelang ihm kein «big save» mehr. Die SCL Tigers hatten nur noch einen gewöhnlichen Torhüter. Aber sie brauchen immer noch für jeden Sieg einen aussergewöhnlichen Goalie. Fürs letzte Drittel nahm Trainer John Fust Esche aus dem Spiel und setzte Urban Leimbacher ein. Zum ersten Mal haben die Langnauer ein Spiel auch wegen ihres amerikanischen Torhüters nicht gewonnen.

Spieldisziplin:
Die Niederlage ist auch die Folge von Disziplinlosigkeiten, die in der neutralen Zone zu Scheibenverlusten und schnellen Gegenangriffen geführt haben. Dabei war die letztjährige Playoff-Qualifikation gerade dank der hohen Spieldisziplin gelungen. John Fust ärgerte sich: «Es ist bedenklich, dass sich unsere Leader diese Scheibenverluste geleistet haben.»

Zweikampfschwäche
Bei den Transfers ist darauf geachtet worden, die Mannschaft grösser, schwerer und böser zu machen. Die SCL Tigers sind die grösste und schwerste Mannschaft der Liga. Aber sie liessen sich in Bern erstmals in der Ära John Fust einschüchtern. Bereits in der 7. Minute verloren sie Anton Gustafsson nach einem harten Check von John Fritsche. Der Schwede mit Schweizer Lizenz erlitt eine schwere Gehirnerschütterung und wurde zur Beobachtung ins Spital überführt. «Als er das Eis verlassen hatte, musste er auf der Bahre abtransportiert werden»“ sagt John Fust. War es Foul? «Das wissen wir erst, wenn wir das Video analysiert haben.»

Für U 18-Nationaltrainer Alfred Bohren – er sass als neutraler Beobachter auf der Tribune – war es kein Foul: «Gustafsson war für diesen Check nicht bereit und ist überrascht worden.» Der starke Headschiedsrichter Danny Kurmann sah es auch so und verhängte keine Strafe. Die grösste Demütigung mussten die Langnauer jedoch in der 34. Minute (beim Stande von 5:2) hinnehmen: SCB-Verteidiger Johann Morant (25) forderte Leitwolf und Topskorer Pascal Pelleiter (28) zum Faustkampf. «Ich habe diesen Kampf nicht gesucht. Er hat mich durch einen Schlag gegen die Schlittschuhe aus dem Gleichgewicht gebracht und als ich auf dem Eis lag, mit dem Stock traktiert. Als ich wieder auf den Beinen war, habe ich ihn gepackt und erst zu diesem Zeitpunkt realisiert, mit wem ich es zu tun hatte. Dann sind halt die Handschuhe gefallen. Ich denke, ich habe es mit einem Gegner zu tun bekommen, der sich dank seiner Erfahrung in Nordamerika zu wehren wusste» schildert Berns neuer harter Junge die Situation.

Morant, der Schwergewichts-Champion

Pelletier versagte wie die Berner Schwinger am Unspunnen und wurde vom bissigen neuen SCB-Verteidiger, einem gelernten Kampfsportler (Kickboxen, Judo), buchstäblich verprügelt und flach auf den Rücken gelegt. Es war einer der besten Fights, die in der Neuzeit auf Schweizer Eisflächen zu sehen waren. «Er ist der neue Schwergewichts-Champion» rühmte SCB-Trainer Larry Huras. Ironie des Schicksals: Mathias Seger, der von Morant in einem Faustkampf in der Vorsaison verletzt worden war, konnte am gleichen Abend in Ambri erstmals wieder für den ZSC verteidigen. Morant und Pelletier wurden in die Kabine geschickt und können im nächsten Spiel wieder eingesetzt werden. Morant wechselte auf diese Saison von La Chaux-de-Fonds zum SCB und hat in der Nationalliga bisher alle Faustkämpfe gewonnen.

Entscheidend ist nun, wie schnell sich die SCL Tigers von dieser Niederlage erholen und realisieren, dass das Hockeymärchen (die Playoff-Qualifikation) zu Ende ist und eine neue Saison begonnen hat und dass eine erneute Playoff-Qualifikation nicht einfacher wird. Sondern noch schwieriger. Am Samstag reisen die Lakers nach Langnau. Eine weitere Niederlage – es wäre die vierte in Serie - würde die erste Krise seit der Amtsübernahme von John Fust auslösen.