U20-Nati

03. Januar 2010 16:24; Akt: 03.01.2010 16:24 Print

Wer ist Überflieger Nino Niederreiter?

von Monika Brand - Sbisa, Josi, Conz, Geering, Scherwey - mit diesen bekannten Namen trumpfte das Schweizer Aufgebot für die U20-WM in Kanada auf. Doch für Furore sorgt ein anderer Eisgenosse: der erst 17-jährige Nino Niederreiter.

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Nino Niederreiter (l.) sorgt an der U20-WM für Furore. (Bild: Keystone)

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«Nino wer?», werden sich in den letzten Tagen so manche Eishockey-Fans gefragt haben. Der Schweizer U20-Stürmer schoss an der WM in Kanada Tor um Tor und die Eisgenossen damit in den Halbfinal (20 Minuten Online berichtete). Während die zwei «Stars» der Schweizer, der NHL-erfahrene Luca Sbisa und SCB-Crack Roman Josi, verletzungsbedingt ausfielen, hat der erst 17-jährige Niederreiter die Verantwortung auf seine Schultern genommen. Routiniert schoss er unsere in den letzten Jahren eher abstiegsbedrohte U20-Auswahl mit je zwei Toren gegen die Slowakei und zuletzt gegen Russland in die Runde der letzten Vier. Mit fünf Toren und drei Assists aus fünf Spielen steht er derzeit auf Platz sieben der Turnier-Skorerliste.

Wer nach Informationen über den Bündner sucht, findet kaum etwas. Im Spielerverzeichnis des bekannten Schweizer Eishockey-Portals «hockeyfans.ch» findet man Niederreiter zwar, doch Angaben über Klub, Position oder Geburtstag fehlen genauso wie Statistiken zu seiner Person. Fündig wird man allerdings in amerikanischen Portalen. Denn: Im Sommer hat der damals erst 16-jährige Churer bereits den Sprung nach Übersee gewagt - und das sehr erfolgreich. Für die Portland Winterhawks hat der junge Schweizer in der laufenden Spielzeit in 37 Spielen bereits 23 Tore und 18 Assists erzielt, womit er teamintern auf Platz vier der Skorerliste steht, innerhalb der gesamten renommierten nordamerikanischen Junioren-Liga WHL reicht es für den Rookie immerhin für Platz 33 in der Torschützenliste.

Davos - Portland einfach

Vor seinem Wechsel nach Nordamerika ging Niederreiter zuletzt für den HC Davos auf Torjagd. In erster Linie bei den Elite-Junioren spielend, kam er im Frühling in gar bei drei Playoff-Spielen beim Fanionteam zum Einsatz. In der entscheidenden siebten Viertelfinal-Partie gegen Lugano gab der Bündner den Assist zum wegweisenden 1:0.

Hätte es den jungen Churer nicht gereizt, beim Schweizer Meister zu bleiben? Doch. Aber: «Dieses Jahr war mein Draft bei den Junioren. Ich wollte mich mit den besten meines Jahrgangs messen, um zu schauen, wo ich stehe», sagte Niederreiter unlängst zur «Südostschweiz». Zudem habe er auch viele Gespräche mit Luca Sbisa geführt, der den gleichen Weg wählte und letzte Saison als erst zehnter Spieler überhaupt unter 18 Jahren in der NHL debütierte und bereits 47 Partien in der «härtesten Liga der Welt» bestritt.

Schnelle Angewöhnungszeit

Einfach war der Wechsel nach Übersee für Niederreiter nicht. «Meine Mutter hatte extreme Probleme damit, mein Vater auch», sagt der Stürmer. Dennoch haben die Eltern ihn in seinem Vorhaben unterstützt. Die Angewöhnungsphase in den USA verlief zu seinem eigenen Überraschen schnell. «Man lernt jeden Tag wieder etwas Neues kennen, von daher ist es schon super», schwärmt der 17-Jährige. Auch mit dem Englisch «läuft es wirklich gut, ich dachte nicht, dass ich es so schnell lernen kann.»

In Portland lebt Niederreiter zusammen mit einem Teamkollegen bei einer Gastfamilie, wo er einen geregelten Tagesablauf hat. Von 9 bis 10.30 Uhr hat der Bündner, der in der Schweiz seine Lehre als Heizungsmonteur abgebrochen hat, Schule, danach steht für eine Stunde Krafttraining auf dem Programm. Anschliessend folgt das Eistraining und ab 15 Uhr ist Freizeit angesagt. Etwas Mühe hatte der Stürmer zu Beginn nur mit dem Verhältnis zwischen den Spielern und den Coaches. «Die Trainer reden nur auf dem Eis mit dir, du weisst nie, was sie von dir halten», so Niederreiter in der «Südostschweiz» vom 18. September dieses Jahres. Dass er sich gegenüber 140 Mitbewerber für einen Stammplatz bei den Portland Winterhawks durchgesetzt hat, spricht allerdings für sich. Wobei der Schweizer jedoch nie richtig zittern musste, da er als hoher Draft (Nr. 2 der Ausländer-Rookies) so gut wie gesetzt war.

Gewöhnungsbedürftig war für den 17-Jährigen auch das grosse Interesse an seinem Team und an seiner Person. Zwischen 7000 und 15 000 Zuschauer finden sich jeweils an den Heimspielen der Winterhawks ein - während sich in der Schweiz teilweise gerade mal eine gute Handvoll Leute an die Junioren-Spiele verirrt. Ausserdem wurde Niederreiter gleich nach seiner Ankunft in Portland von der lokalen Presse interviewt, genauso wie der Schwede Jacob Berglund, einer der wenigen weiteren Europäer im Team des Schweizers.

Der nächste Schweizer Erstrundendraft?

Überflieger Niederreiter, dessen Vorbild der russische Superstar Ilja Kowaltschuk ist, besitzt beste Chancen, im nächsten Sommer beim NHL-Draft in der ersten Runde gezogen zu werden. Experten rechnen damit, dass der Churer gar der früheste Schweizer Draft überhaupt werden könnte. Aktuell hält diese Position immer noch Michel Riesen inne, der 1997 als 14. Spieler in der ersten Runde von den Edmonton Oilers ausgewählt wurde. Der zweite Schweizer Erstrundendraft, Luca Sbisa, erhielt 2008 als 19 Spieler den Zuschlag von den Philadelphia Flyers. «Niederreiter dürfte in der ersten Hälfte von Runde eins gezogen werden», urteilt Scout Kyle Woodlief in der «SonntagsZeitung». «Er ist gross, hart, schnell, verfügt über gute Hände und einen gefährlichen Schuss.»

Niederreiter nimmt den Wirbel um seine Person gelassen. «Das habe ich auch mitgekriegt, aber bis dahin ist es noch ein langer Weg», sagt er zur «Südostschweiz». Für ihn spiele es keine Rolle, in welcher Runde er gezogen werde. Denn die Erfahrung habe gezeigt, dass es auch Spieler in die NHL schaffen, die erst am Ende gedraftet wurden. Andererseits ist auch der Erstrundendraft keine Garantie für eine steile NHL-Karriere, wie es auch bei den beiden Schweizern Riesen und Sbisa (bisher) nicht der Fall war. Der Seeländer Riesen brachte es gerade einmal auf 12 NHL-Einsätze bevor er wieder in die Schweiz zurückkehrte und auch Sbisa hat den Durchbruch noch nicht geschafft. Allerdings dürfte es bei ihm nur eine Frage der Zeit sein, bis er sich in der «härtesten Liga der Welt» etablieren kann.

«Darum denke ich, dass es nicht so wichtig ist, in welcher Runde man gezogen wird», sagt Niederreiter. «Wenn man ein gutes Saisonvorbereitungscamp hat und ins Team passt, kann man spielen und sonst muss man abwarten.» Um seinem Traum von der NHL ein Stückchen näher zu kommen, hat sich der U20-Spieler für die aktuelle Spielzeit ein hohes Ziel gesetzt: Pro Spiel will er bei den Portland Winterhawks mindestens einen Skorerpunkt holen - was ihm im Durchschnitt bisher auch gelang. «Das ist extrem schwierig, aber es würde schon einiges helfen», sagt er. Wetten, dass sein bisheriger Auftritt mit den «Eisgenossen» an der U20-WM genauso hilfreich ist?