Roberto Di Matteo

06. Dezember 2010 23:37; Akt: 06.12.2010 23:42 Print

«Das englische Publikum will Spektakel sehen»

von Eva Tedesco - Italo-Schweizer Roberto Di Matteo ist der Aufsteiger im englischen Fussball. 20 Minuten gab der Trainer von West Bromwich Albion eines seiner seltenen Interviews.

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Roberto Di Matteo liegt mit West Bromwich Albion momentan auf dem achten Platz der Premier League. (Bild: Keystone)

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Roberto Di Matteo, nach einem fantastischen Ligastart und einer Minikrise im November steht WBA im Mittelfeld der Premier League vor den beiden Stadtrivalen Birmingham City und Aston Villa. Wohin geht der Weg realistischerweise?
Roberto Di Matteo: Beim Aufsteiger von einer Minikrise zu reden, wenn er in der Premier League nicht jedes Spiel gewinnt, ist nicht korrekt. Westbrom hat nach Blackpool das zweitkleinste Budget in der Liga und ist ein Liftklub. Man darf nicht erwarten, dass wir jedes Spiel gewinnen. In der Tabelle ist alles eng zusammen. Mit drei, vier Punkten macht man sofort einige Plätze gut. Das hat man am letzten Wochenende deutlich gesehen: Mit dem 3:1-Sieg gegen Newcastle konnten wir uns ins vordere Mittelfeld verbessern. Erste klare Tendenzen in der Tabelle wird man erst Ende Dezember erkennen können. Zumal bei uns alles passieren kann.

Wie meinen Sie das?
Wir sind ein gesunder Verein, der nicht alles Geld unbedacht in teure Spieler investiert. Unser Kader ist im Vergleich zu den Topmannschaften der Liga relativ schmal. Bisher haben die Spieler ihre Sache in der Premier League sehr gut gemacht, aber Verletzungen und Sperren würden sich bei uns rasch in der Qualität niederschlagen.

Welches Ziel haben Sie sich für die Saison gesetzt?
Mein Ziel ist die Premier League – also der Ligaerhalt. West Bromwich hat das in seiner Klubgeschichte bisher erst einmal geschafft. Sonst ist man nach einem Aufstieg gleich wieder abgestiegen. Deshalb wollen wir erst einmal eine solide Saison hinlegen und versuchen bis zum Schluss in der Tabelle eine Rolle zu spielen. Alles was darüber hinaus kommt, ist ein Bonus und würde unsere Erwartungen übertreffen.

Der Start verlief auch für Sie persönlich positiv. Sie sind erst 2008 ins Trainergeschäft eingestiegen und nach eigenen Aussagen nur zufällig. Wie wird man zufällig Trainer?
Ich wollte eigentlich nie Trainer werden. 2008 hat man mich bei Milton Keynes Dons empfohlen. Ich wurde zu einem Interview eingeladen. Ich hatte nie zuvor ein Vorstellungsgespräch und bin aus Neugierde hingegangen. Nach dem Gespräch bin ich nach Zürich geflogen, weil ich für SF als EM-Experte engagiert war. Kaum in Zürich, erhielt ich einen Anruf, dass ich unter den letzten drei Kandidaten sei und zu einem zweiten Gespräch kommen soll. Da habe ich mir gedacht: O-oh, was mache ich, wenn die mich nehmen?!

Geht Ihre Karriere so rasant weiter? Immerhin fiel Ihr Name auch im Zusammenhang mit Ihrem alten Klub Chelsea. Oder können Sie sich vorstellen, längerfristig in Birmingham zu arbeiten?
Ich habe bei MK Dons Glück gehabt, dass ich schon im ersten Jahr eine gute Saison machen konnte und andere Klubs auf mich aufmerksam geworden sind. Aber als Trainer weisst du nie, was kommt. Die Leidenschaft und der Hunger sind aber wieder da. Ich habe einen guten Beruf und hoffe, dass ich ihn noch lange ausüben kann. Ich habe sechs Jahre für Chelsea gespielt und eine tolle Zeit gehabt. Als Trainer bist du vom Erfolg abhängig, deshalb lebe ich in der Gegenwart, geniesse den Moment und versuche täglich besser zu werden und zu lernen. Der Rest ergibt sich von selbst.

Sie haben Assistent Eddie Newton von Dons mitgenommen. Wie gross ist Ihr Staff in Birmingham?
Ich habe zwei Assistenten, einen Fitness- und Goalietrainer, einen Mann für die Analysen, rund zehn Angestellte im Medical Team, Masseure, Physios, Ärzte etc. Zudem rund zwanzig Angestellte im Scoutingbereich, die zum Teil fest oder in Teilzeit angestellt sind.

Beobachtet einer von Ihnen auch in der Schweiz?
Selbstverständlich beobachten wir auch den Schweizer Markt.

Sind darunter für Sie interessante Spieler?
Die Schweizer, die bereits im Ausland spielen, sind für uns bereits zu teuer. Und auch die jungen Talente werden immer teurer. In unserer engen finanziellen Situation kommen da eher Spieler aus Holland, Dänemark, Portugal, Bulgarien und so weiter in Frage. Wir haben aber auch eine eigene kleine Academy, in der wir eigene Spieler ausbilden.

Wer entscheidet bei WBA welcher Spieler verpflichtet wird?
Die Scouts beobachten für uns interessante Spieler mindestens fünf bis sechs Mal. Ihre Rapporte kommen dann zu mir. Anhand von diesen Berichten entscheide ich, ob ich mir den Spieler persönlich anschaue. Das Vertragliche erledigt die Vereinsleitung.

Als Aktiver haben Sie selbst in der Schweiz, Italien und England gespielt. Welcher Fussball hat Sie am meisten beeinflusst?
Jedes Land und jeder meiner Trainer hat etwas hinterlassen. Der italienische Fussball ist mehr von der Technik und der Taktik bestimmt, während in England das Tempo und die Physis im Vordergrund stehen. In England will das Publikum Spektakel sehen, nicht Ballstafetten. Meine Philosophie vertritt eine Kombination von all dem.

In Ihrer Aufzählung fehlt der Schweizer Fussball. Verfolgen Sie die Super League nicht?
Mein Freund Elio Basci ist gleichzeitig Scout und hält mich auf dem Laufenden über die Resultate, aber auch über den Spielermarkt. Zudem habe ich immer noch Kontakt zu Roger Näf und Pino Ciaccio, beide gute Kollegen aus meiner Zeit in Schaffhausen.

Können Sie sich vorstellen, als Trainer in die Schweiz zurückzukehren?
Ich liebe die Schweiz! Natürlich kann ich mir das vorstellen. Aber momentan bin ich Trainer in der wohl besten Liga der Welt und einer von nur 20 Trainern, die in dieser Liga arbeiten dürfen. Ich würde gerne noch eine Weile in der Premier League weiterarbeiten, um mich weiter zu entwickeln.

Sie sind in der Schweiz aufgewachsen, haben in Italien gelebt und wohnen mit kurzen Pausen seit 1996 in England. Was sind Sie Schweizer, Italiener oder schon Engländer?
Ich bin Europäer und habe wohl alle drei Kulturen in mir. Meine italienischen Eltern haben mich am meisten geprägt. Wie auch die 23 Jahre in der Schweiz, wo ich die Schule und meine Lehre absolviert habe. Es war die wichtigste Zeit in meinem Leben.

Spricht Ihre Familie auch deutsch?
Leider nicht. Zwei meiner Kinder sind in London geboren, das jüngste in Rom. Deshalb sprechen wir zu Hause englisch und italienisch.

Zu Hause heisst Birmingham?
Nach langen Jahren in London sind wir in ein Dorf 40 Kilometer ausserhalb von Birmingham gezogen. Ein hübscher kleiner Ort, in dem wir uns sehr wohl fühlen. Fast so schön wie Schaffhausen. Fast...

Werden Sie je wieder in die Schweiz zurückkehren?
Ich habe keine Ahnung, was in Zukunft noch passiert, aber wir werden sicher wieder in die Schweiz zurückkehren. Irgendwann.