Carlo Bertolini

18. Juli 2014 19:58; Akt: 18.07.2014 20:07 Print

«Fingerspitzen-Gefühl? Rot ist Rot»

von Eva Tedesco - Als SRF-Experte fand Carlo Bertolini deutliche Worte zu den Leistungen der WM-Schiedsrichter. Vor dem Saisonstart sagt der Schiri-Chef, auf was nun in der Schweiz geachtet wird.

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Die WM in Brasilien verfolgte Carlo Bertolini für das Schweizer Fernsehen im Studio. Der Tessiner gab Analysen und Erklärungen zu Entscheiden der Unparteiischen ab und beantwortete Regelfragen. Der Chef der Spitzenschiedsrichter erklärt zwei Tage vor dem Saisonstart, inwieweit die WM Einfluss auf die Swiss Football League hat und welche Situationen die Refs in dieser Saison besonderes Augenmerk legen.

Carlo Bertolini, an der WM haben die Unparteiischen auf Weisung von Fifa-Schiedsrichter-Chef Massimo Busacca eine neue Linie eingeschlagen und weniger Gelbe Karten gezückt. Wird man diese Linie auch in den Schweizer Stadien sehen?
Carlo Bertolini: Der Massstab an der WM entspricht nicht immer den Weisungen der Uefa, die direkt relevant sind für die Swiss Football League.

Reglement ist Reglement. Wie können sich die Massstäbe da unterscheiden?
In den Weisungen der Uefa wird der Schutz der Spieler strenger und konsequenter gehandhabt. Das Image des Fussballs muss respektiert und eingehalten werden.

Wie ist das möglich? Die Sicherheit sollte bei jedem Dachverband im Vordergrund stehen.
Das müsste man Massimo Busacca und Pierluigi Collina (Chef der Uefa-Schiedsrichter-Kommission, Anmerk. d. Red.) fragen. Vielleicht ist es der kulturelle Aspekt, dass man europaweit in allen Ländern in etwa den gleichen Anspruch hat, während der Stellenwert über fünf Kontinente (bzw. sechs Fussball-Konföderationen) stark variiert. Aber das ist nur eine Mutmassung.

Zurück zu den Fakten. Es ist unschwer erkennbar, dass zum Beispiel in England und den anderen grossen Ligen pro Spiel weniger Gelbe Karten gezeigt werden. Liegt das an den Persönlichkeiten der Refs? Können sich die Schweizer nur mit Karten behaupten?
In England ist das sicher so, in Spanien – zum Beispiel in der Saison 2013/14 - wurden im Durchschnitt 5,03 Gelbe Karten vergeben. In der Schweiz 4,37... Es hat nicht direkt mit Persönlichkeit zu tun. Auch andere Aspekte können diese Statistiken beeinflussen. Je mehr es geografisch gegen Norden geht, desto weniger Karten gibt es. Aber das ist nicht unbedingt eine Frage der Persönlichkeit, sondern auch der Akzeptanz. Nimmt man Howard Webb als Beispiel: Er gehört er zu den besten Refs der Welt und das wissen die Spieler. Dementsprechend ist die Akzeptanz, wenn er etwas sagt. Schiedsrichter aus Ländern, die nicht unbedingt aus den Top-Ligen kommen, sind wenig bekannt und der Spieler weiss nicht, wie sie reagieren.

Und das wird in der Schweiz nicht gemacht?
Doch, natürlich. Aber die Liga ist klein und jeder kennt jeden, dadurch ist die Akzeptanz weniger gross. Aber ich, mit der Unterstützung vom Referee-Departement sowie meinen Ressort-Kollegen, spreche vor dem Saisonstart bei jedem Verein in der Swiss Football League vor und informiere über neue Regeln, geltende Weisungen und über die festgelegten Ziele für die Schiedsrichter.

Welche neuen Regeln gibt es für diese Saison und worauf richten die Unparteiischen speziell ihr Augenmerk?
Neue Regeln gibt es diesmal keine besonderen. Akzente setzen wir auf den Schutz der Spieler. Das heisst, übertriebene Härte muss umgehend und konsequent mit Rot geahndet werden. Unsportliches Verhalten wird nicht mehr toleriert. Zudem werden wir uns an den sehr guten Leistungen der Trios an der WM orientieren, was die Abseitsbeurteilung betrifft. Wenn man sich eine Szene 20-mal am TV anschauen muss, um zu wissen, ob es ein Abseits war, dann ist schon etwas nicht richtig. Ich vertraue – obwohl ich grundsätzlich nicht gegen den Videobeweis bin – meinen Assistenten. Wenn man explizit auf der Suche nach Fehlern ist, findet man immer welche. Auch wenn ich mich weiderhole: Entweder wird es vom Schiedsrichter-Gespann gesehen oder nicht.

Ein geflügeltes Wort in diesem Zusammenhang ist «Fingerspitzengefühl». Entweder ist ein Foul gelbwürdig oder nicht?
Wenn Sie eine kranke Frau zu Hause haben und mit 70 km/h durch eine 50er-Zone rasen, haben Sie dann gegen das Strassenverkehrsgesetz verstossen oder nicht? Kann der Polizist ein Auge zudrücken? Wohl kaum. Oder ein anderes Beispiel: Spieler X hat nach einem Foulspiel Gelb gesehen und zieht zehn Minuten später beim Torjubel sein Trikot über den Kopf. Fingerspitzengefühl? Das würde bedeuten, dass eine Mannschaft benachteiligt wird. Und schon gar nicht kann man bei einem Platzverweis von Fingerspitzengefühl sprechen. Rot ist Rot.

Können Sie nach der Rücktrittswelle in der letzten Saison wieder junge Schiedsrichter in die obersten Schweizer Ligen nachziehen?
Derzeit nur Sandro Schärer, der bereits in der Rückrunde Einsätze bekommen hat. Wir haben in der 3. Kategorie, also in der 1. Liga, einige junge Schiedsrichter, aber die sind noch nicht so weit, dass sie den Schritt in die Challenge League machen können. In den unteren Ligen gibt es immer mehr und mehr «jüngere» Schiedsrichter, die gut von den jeweiligen Regionen unterstützt werden. Aber um nach oben zu kommen, braucht man Talent und Geduld!