Ivan Rakitic

13. August 2012 13:16; Akt: 13.08.2012 13:28 Print

«Ich fühle mich als Schweizer»

von Eva Tedesco, Split - Am Mittwoch spielt die Nati im letzten Testspiel vor der WM-Qualifikation gegen Kroatien. Mittendrin: Ivan Rakitic. Für den Doppelbürger ist die Partie «mehr als speziell».

Bildstrecke im Grossformat »
Im Mai 2005 spielte Ivan Rakitic noch Seite an Seite mit Daniel Pavlovic im Dress der Schweizer an der U17-EM gegen die Kroaten (hier gegen Milan Badelj). Nationaltrainer Slaven Bilic warf früh ein Auge auf den schweizerisch-kroatischen Doppelbürger und hatte grossen Anteil daran, dass Rakitic sich im Juni 2007 für die kroatische Nationalmannschaft entschied. Sein Debüt gab er im Herbst 2008. Seither hat Rakitic 59 Länderspiele (9 Tore) absolviert. Am Mittwoch qualifizierte sich der in Rheinfelden AG geborene Mittelfeldspieler nach zwei EM-Endrunden erstmals für eine Weltmeisterschaft (hier im Duell gegen Spaniens Andres Iniesta). Rakitics Karriere entwickelte sich rasch: 2005 holte FCB-Trainer Christian Gross den Mittelfeldspieler von den Junioren in die erste Mannschaft. Im Fanionteam der Basler erspielte er sich bald einen Stammplatz und bildete mit Mladen Petric ein äusserst kreatives und erfolgreiches Duo. Auch wenn sich ihre Wege bald trennten, sind Petric und Rakitic Freunde geblieben. Im Mai 2007 durfte er an der «Nacht des Schweizer Fussballs» in Bern von TV-Moderator Rainer Maria Salzgeber den Preis für den besten Nachwuchsspieler entgegennehmen. Und verliess kurz darauf die Schweiz. Im Sommer 2007 wechselte er für 5 Millionen Franken vom FCB zu Schalke 04 in die Bundesliga. Ab Januar 2011 spielte Rakitic beim FC Sevilla (hier im Duell mit Malagas Camacho) in der Primera División und war seit Sommer 2013 Captain der Andalusier. Im Sommer 2014 erfolgte der Wechsel zum FC Barcelona. Der Mittelfeldspieler gewann mit den Katalanen diverse Titel, unter anderem die Champions League 2014/2015. Nun will er seine Karriere mit dem WM-Titel für Kroatien krönen.

Eckpunkte in Ivan Rakitics Karriere.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Er wurde in Rheinfelden (AG) geboren, wuchs in Möhlin auf, startete seine Profi-Karriere beim FC Basel. Doch trotz seines roten Passes entschied sich Ivan Rakitic im Juni 2007 gegen die Schweiz und für die kroatische Nationalmannschaft. Ein Entschluss, der wüste Beschimpfungen und auch Morddrohungen nach sich zog. Am Mittwoch spielt er mit Kroatien gegen sein anderes Heimatland.

Umfrage
Wie endet die Partie Kroatien - Schweiz?
55 %
11 %
34 %
Insgesamt 907 Teilnehmer

Mit welchen Gefühlen gehen Sie in die Partie am Mittwoch?
Ivan Rakitic: Ich freue mich auf das Spiel, seit ich davon gehört habe. Es ist für mich mehr als nur ein spezielles Spiel. Es hat eine Bedeutung, die man fast nicht in Worte fassen kann.

Sie haben sich im Juni 2007 gegen die Schweiz entschieden. Sind Sie immer noch überzeugt davon, richtig gehandelt zu haben?
Ich habe meinen Entschluss nie bereut. Ich bin Schweizer und fühle mich als Schweizer, aber ein Teil von mir ist stolz darauf, für Kroatien zu spielen.

Sie haben die Schweiz vor nunmehr fünf Jahren verlassen. Haben Sie noch Kontakte in die Heimat?
Sehr gute sogar. Ich telefoniere oft mit Xherdan Shaqiri und Granit Xhaka. Sie waren in meiner Juniorenzeit beim FCB einige Altersklassen unter mir. Mit Arianit, dem älteren Bruder von Xherdan, habe ich noch zusammen gespielt und so kennt man sich halt. Ausserdem höre ich FCB-Präsident Bernhard Heusler regelmässig und versuche, mich mit ihm auf einen Kaffee zu treffen, wenn ich in Möhlin bin. Und dann und wann bekomme ich auch Besuch aus der Schweiz. Im letzten Januar war der Basler Fanverantwortliche Adrian Grünig mit ein paar Jungs bei mir und hat sich das Derby in Sevilla angeschaut.

Apropos FCB: Inwieweit verfolgen Sie den Schweizer Fussball?
Sehr eng. Dank einer TV-Box kann ich die Spiele empfangen und schaue mir fast jedes FCB-Spiel an, wenn es geht und weiss meistens auch, was so beim FCB läuft.

Werden Sie auch irgendwann wieder in der Schweiz spielen?
(lacht) Ich bin ja erst 24 Jahre alt und ich denke, es ist viel zu früh, an eine Heimkehr zu denken. Ich will mich noch weiterentwickeln und mich in Spanien behaupten. Ich will noch den Schritt zu einem Top-Klub schaffen. Leider spielen wir mit Sevilla in der kommenden Saison nicht international. Aber ich habe ein Haus in Möhlin und natürlich wäre es ein Traum, wieder einmal in der Schweiz zu spielen – dann natürlich beim FCB.

Vorerst aber geht es gegen die Schweiz. Wie stark kann man Kroatien einschätzen?
Wir haben ein starkes Team mit einem guten Mix von Routiniers und hungrigen jungen Spielern. Ich habe für die Zukunft ein gutes Gefühl.

Obwohl Ihr Förderer und Naticoach, Slaven Bilic, nach der EM sein Amt abgegeben hat?
Es wird schon ein bisschen komisch, weil wir uns doch sehr lang kennen und Slaven Bilic einen wichtigen Teil dazu beigetragen hat, dass ich mich für die kroatische Nati entschieden habe. Aber ich kann verstehen, dass er nach sechs Jahren einen neuen Job machen will. Bei Lokomotive Moskau kann er sich täglich beweisen - und das freut mich.

Als sein Nachfolger wurde Igor Stimac bestimmt. Was können Sie zu Ihrem neuen Nationaltrainer sagen?
Noch nicht so viel, da ich ihn als Trainer ja noch nicht kenne. Wir treffen uns am Montag auch zum ersten Mal nach der EM. Ich kenne ihn als verdienten Spieler und weil er als Co-Kommentator des kroatischen Fernsehens mit uns mitreiste. Wir werden sehen. Ich denke aber, dass er nicht so ein kumpelhafter Typ ist wie Slaven. Ich schätze ihn eher als Persönlichkeit ein, die distanzierter sein wird. Aber klar ist, dass wir auch mit Stimac an die WM wollen.

Kein einfaches Unterfangen in der Gruppe A mit Belgien, Schottland, Mazedonien, Wales und Serbien, oder?
Stimmt. Wir haben eine schwierige und unangenehme Gruppe erwischt. Vor allem das Derby gegen Serbien wird mit Sicherheit heiss. Die Erwartungen in Kroatien sind ungebremst hoch. Aber ich bin überzeugt, dass wir die Qualität haben, in dieser Gruppe zu überleben und wollen das auch beweisen. Wir wollen unbedingt 2014 in Brasilien dabei sein.

Die Schweiz hat mit Albanien, Norwegen, Slowenien, Zypern und Island die vermeintlich einfachere Aufgabe?
Nein, nein. Im Fussball gibt es keine einfachen Aufgaben mehr. Auch die Schweiz hat Qualität und das hat die Mannschaft auch schon bewiesen. Ich hoffe, dass wir beide an der WM dabei sein werden.

Das klingt tatsächlich nach zwei Herzen in der Brust. Wünschen Sie sich des Friedens Willen ein Remis in Split?
(lacht) So weit würde ich dann doch nicht gehen. Ich will gewinnen. Ich will immer gewinnen – auch am Mittwoch.