Steve von Bergen

10. Mai 2012 23:17; Akt: 10.05.2012 23:17 Print

«Ich habe keine Angst vor den Genoa-Fans»

von Sandro Compagno - Am Sonntag endet die Zeit von Steve von Bergen (28) bei Cesena. Mit 20 Minuten spricht der Neuenburger über Star-Gehabe, die Fans seines neuen Klubs Genoa und Neuchâtel Xamax.

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Steve von Bergen dirigiert nächste Saison die Genoa-Abwehr. (Bild: Keystone)

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20 Minuten: Steve von Bergen, sind Sie froh, dass diese Saison bald vorbei ist?
Steve von Bergen:
Wenn du eine solche Saison spielst, dann bist du wirklich nicht traurig, wenn sie zu Ende ist. Wir sind ja seit fast zwei Monaten faktisch abgestiegen.

Sie haben also um nichts gespielt.
Nein, das stimmt so nicht. In Italien wird sehr viel gewettet. Wir haben in den letzten Wochen einfach versucht, sauber zu bleiben und Punkte zu holen.

Eigentlich hat die AC Cesena ja eine bessere Mannschaft als vor einem Jahr. Wie erklären Sie sich die miserable Saison?
Wir haben bessere Individualisten im Team, Spieler wie Mutu, Iaquinta oder Candreva. aber wir haben nicht die bessere Mannschaft.

Wie meinen Sie das?
Wir waren gar nie eine Mannschaft. Die Neuen kamen im Sommer mit der Attitüde, besser zu sein als das bestehende Kader – schliesslich hätten sie zuvor in besseren Klubs gespielt. Aber keiner hat sich als Leader herausgestellt. Dazu kamen hausgemachte Probleme – beispielsweise drei Trainer in einer Saison.

Welches Fazit ziehen Sie nach zwei Jahren Cesena?
Trotz allem ein positives. Ich wollte spielen und ich wollte zeigen, dass ich mich in der Serie A durchsetzen kann. Das habe ich: Wann immer ich fit war, stand ich in der ersten Elf. Die erste Saison war auch sportlich gut, die zweite dann leider nicht mehr. Wir haben bis jetzt nur 22 Punkte geholt; da kann ich mich nicht hinstellen und sagen: «Ich bin zufrieden.»

Immerhin konnte man lesen, dass Cesena vielleicht nicht abgestiegen wäre, wenn Sie sich nicht Anfang Jahr am Fuss verletzt hätten ...
Das habe ich auch mitbekommen. Der Trainer hat einmal so etwas gesagt, als wir viermal zu Null spielten, nachdem ich von meiner Verletzung zurückgekehrt war. Aber diese Erklärung ist zu einfach.

2010 sind Sie mit Hertha Berlin abgestiegen, 2012 mit Cesena und jetzt wechseln Sie zum abstiegsbedrohten Genoa ...
Der Abstieg mit Hertha war für mich viel schwieriger zu verdauen. Schliesslich hatten wir 2009 noch auf Platz 4 abgeschlossen. Als ich nach Cesena ging, habe ich gewusst, dass der Abstieg eine Möglichkeit ist. Auch darum habe ich nur für zwei Jahre unterschrieben. Bei Genoa ist die Sachlage anders: Als ich dort meinen 3-Jahres-Vertrag unterschrieb, lag der Klub auf Platz 9. Genoa ist ein grosser Klub, der auch immer wieder um den Europacup mitspielt. Dass die Mannschaft in dieser Saison bis zum letzten Spieltag um den Klassenerhalt kämpfen muss, ist eine Überraschung. Aber ich bin zuversichtlich, dass die Jungs es schaffen.

Vor drei Wochen machte Genoa Negativ-Schlagzeilen, als Ultras den Platz stürmten, einen Spielabbruch erzwangen und die Spieler zwangen, ihre Trikots auszuziehen, weil sie der Klubfarben nicht würdig seien. Was ging Ihnen bei den Bildern durch den Kopf?
Ich habe ja schon mal erlebt, dass Zuschauer den Platz stürmen – 2006 als ich mit dem FC Zürich in Basel Meister wurde. Gut, damals waren es nicht die eigenen Fans ... In Genoa sind die Fans als sehr heissblütig bekannt. Anfang Saison hat man ihnen versprochen, man wolle um die Plätze im Europacup spielen, und am Ende sehen sie ihre Mannschaft im Abstiegskampf. Das ist nicht einfach. Ich kenne die Genoa-Fans. Wenn es der Mannschaft läuft, dann sind sie überragend. Aber wenn du zweimal verlierst, werden sie ungeduldig. Der Druck in Italien ist riesig, das ist einfach so. Aber ich habe keine Angst vor den Genoa-Fans.

Dabei sucht ja ihr früherer Mentor Lucien Favre dringend einen Abwehrchef. War eine Rückkehr nach Deutschland nie ein Thema?
Lucien Favre hat mich angerufen.

Hat er?
(lacht) Ja, er wollte wissen, ob ich in Italien gute Innenverteidiger kenne ... Im Ernst: Lucien und ich hatten tolle Jahre in Zürich und in Berlin. Wir haben regelmässigen Kontakt, aber unsere Wege haben sich getrennt. Ein Wechsel zu Borussia Mönchengladbach war nie ein Thema. Aber ich freue mich sehr, dass es Lucien derart gut läuft. Er macht einen Riesen-Job in Gladbach.

In Ihrem italienischen Wikipedia-Eintrag wird behauptet, dass Sie als junger Spieler den Übernamen «El Niño» erhalten haben. Wieso das?
Sie sind nicht der Erste, der mich darauf anspricht. Das ist totaler Blödsinn! Ich hatte nie den Übernamen «El Niño» – hier in Cesena rufen sie mich «Barone».

Wie kommt das?
Die Kollegen haben mich gefragt, was «von Bergen» bedeute. Ich habe ihnen gesagt, wörtlich übersetzt heisse ich «dalla montagna», worauf sie sagten, das klinge irgendwie adlig. Seit da bin ich «il barone» (lacht).

Sie haben Ihre Karriere bei Neuchâtel Xamax angefangen. Verfolgen Sie die Geschehnisse um die Neuenburger noch?
Ja, natürlich. Es ist grauenhaft, was dort passiert ist. Ich bin in Neuchâtel aufgewachsen, habe bei Xamax die Juniorenabteilung durchlaufen und in der 1. Mannschaft debütiert. Schlimm ist der Konkurs und der Zwangsabstieg gerade auch für Gilbert Facchinetti und Michel Favre (Ex-Präsident und Ex-Sportchef, die Red.), die ein Leben lang für Xamax gearbeitet haben. Dann kommt einer wie dieser Tschagajew und macht innert Monaten alles kaputt! Ich kann nur hoffen, dass Xamax in ein paar Jahren wieder in den Profi-Fussball zurückkehrt.

Können Sie sich vorstellen, Ihre Karriere dort zu beenden, wo Sie sie einst begonnen haben?
Ich hatte tatsächlich gehofft, meine Karriere dereinst bei Xamax ausklingen zu lassen. Aber nicht erst mit 35, wenn ich kaum mehr laufen kann. Mein Vertrag bei Genoa ist bis 2015 datiert – wer weiss, wo Xamax dann spielt? Vielleicht kann ich ja mit dem Klub von der Challenge League in die Super League aufsteigen. Dann wäre ich nach zwei Abstiegen auch einmal aufgestiegen.

In zwei Wochen spielt die Schweizer Nati einen Test gegen Deutschland. Freuen Sie sich darauf oder kommt der Termin zur Unzeit?
Ich hoffe, dass ich dabei bin. Das Spiel gegen Argentinien habe ich verpasst, weil ich am Fuss verletzt war. Die Tests gegen Deutschland und Rumänien kommen ganz und gar nicht zur Unzeit. An der Euro sind wir ja leider nicht dabei, aber im September geht es schon wieder los mit der WM-Qualifikation. Wir hatten zuletzt viele, viele Wechsel in der Nati, da kommt jedes Spiel gelegen, um uns auf dem Feld besser zu verstehen. Ausserdem ist ein Spiel gegen Deutschland immer eine schöne Herausforderung. Ich freue mich darauf.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Michel Del Tetto am 11.05.2012 07:45 Report Diesen Beitrag melden

    Starker Spieler

    Sehr guter Spieler, auch er - wie übrigens auch Lichtsteiner - hat in Italien sehr viel dazu gelernt. Die Serie A ist also nicht so schlecht?!

  • Serie A am 11.05.2012 11:56 Report Diesen Beitrag melden

    Gutes Interview

    Sehr gutes Interview... Mach weiter so in der Serie A! Und endlich einmal ein Fussballer der nicht nur die üblichen Floskeln gebraucht!

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  • Serie A am 11.05.2012 11:56 Report Diesen Beitrag melden

    Gutes Interview

    Sehr gutes Interview... Mach weiter so in der Serie A! Und endlich einmal ein Fussballer der nicht nur die üblichen Floskeln gebraucht!

  • Michel Del Tetto am 11.05.2012 07:45 Report Diesen Beitrag melden

    Starker Spieler

    Sehr guter Spieler, auch er - wie übrigens auch Lichtsteiner - hat in Italien sehr viel dazu gelernt. Die Serie A ist also nicht so schlecht?!