Debatte

24. Februar 2020 16:19; Akt: 24.02.2020 18:14 Print

«Der Rassismus hat gewonnen!»

Leon Goretzka und Antonio Rüdiger heben den Mahnfinger. Die beiden deutschen Fussballer wollen die Gesellschaft wachrütteln.

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Bayern Münchens Leon Goretzka fordert im Kampf gegen Rassismus mehr Handlungsbedarf. Chelseas Antonio Rüdiger wurde in der Partie gegen Tottenham rassistisch beleidigt. Portos Moussa Marega (Mitte) verliess im Spiel gegen Vitoria SC den Platz, nachdem er mit Affenlauten von den gegnerischen Fans beleidigt wurde. Jordan Torunarigha wurde im Cupspiel zwischen Hertha und Schalke Opfer von rassistischen Beleidigungen. Der junge Italiener Moise Kean jubelt nach einem Tor vor der Kurve von Cagliari Calcio, während des Rests des Spiels wird er mit Affenlauten beleidigt. Auch Raheem Sterling hört im EM-Qualifikationsspiel in Montenegro rassistische Beleidigungen von der Tribüne. Nach einem Tor jubelt er auf seine Weise, hinterher fordert er Stadionsperren. Beim Länderspiel Deutschland gegen Serbien werden die Manchester-City-Profis Leroy Sané (links) und Ilkay Gündogan von eigenen Fans angefeindet. Teamkollege Leon Goretzka sagte hinterher, er habe das Video davon gesehen, es habe ihn bewegt und entsetzt. Zu Rassismus über Twitter kam es nach dem Spiel zwischen Union Berlin und Ingolstadt in der zweiten Deutschen Bundesliga. Der Israeli Almog Cohen von Ingolstadt wurde in einem Tweet eines Union-Anhängers übel beleidigt. Hinterher sagte er: «Wer so redet, wer solche Ansichten hat, der hat keinen Platz in der Gesellschaft, sondern im Gefängnis.» In seiner gesamten Zeit in Deutschland habe er noch nie so etwas erlebt. Der Basler Aldo Kalulu wird während des Spiels gegen den FC Zürich mit einer Banane beworfen. Danach sagt er in einem Interview, er habe gelacht, als das passiert sei. Der Bananenwerfer stellt sich später im «Blick». Der 45-Jährige mit türkischen Wurzeln sagt, er sei kein Rassist. Fans der SSC Napoli halten Bilder ihres Verteidigers Kalidou Koulibaly hoch. Der Senegalese wurde nach einem Platzverweis gegen Inter Mailand aus der Inter-Kurve beleidigt. Nach diesem Spiel kam es zu hässlichen Ausschreitungen rund um das San Siro mit einem Todesopfer. Mehdi Benatia, damals noch Spieler von Juventus Turin, gibt nach einem Spiel ein Liveinterview, als ihn jemand aus dem Hintergrund als «Scheiss Marokkaner» beleidigt. Benatia bricht das Interview sofort ab. Der serbische Trainer des Gegners, Sinisa Mihajlovic, zeigt sich solidarisch. Er selbst sei in Italien schon oft als Zigeuner bezeichnet worden. Nur eine Woche vor dem Vorfall mit Benatia wurde der Ghanaer Sulley Muntari Opfer von rassistischen Beleidigungen. Der Pescara-Spieler verliess das Spielfeld noch vor dem Schlusspfiff und wurde dafür gesperrt. Diese Sperre wurde nach grosser Empörung aufgehoben. Die Szene ereignete sich in Cagliari. Der Brasilianer Everton Luiz wechselte im Sommer 2016 von St. Gallen zu Partizan Belgrad. Im Spiel gegen FK Rad wurde er während 90 Minuten angefeindet, der Stürmer hielt durch, nach dem Schlusspfiff brach er in Tränen aus. Heute spielt Everton Luiz in den USA bei Real Salt Lake City. Kévin Constant mit einer Banane, die ihm von Atalanta-Bergamo-Anhängern zugeworfen wurde. Der Guineer verliess nach der Aktion das Spielfeld und im folgenden Transferfenster die AC Milan und Italien. Zwischenzeitlich kam Constant bei Sion unter, heute spielt er im Iran. Nur einige Wochen vor der Banane in Bergamo flog eine solche auch in Richtung Dani Alves, Tatort Villarreal. Der Brasilianer, damals noch bei Barcelona, nahm das Ganze mit Humor und ass die Frucht, hinterher sagte er, die Banane habe ihm Energie für die nächsten zwei Eckbälle gegeben. Einer davon führte zu einem Tor. Der Eklat löste einen Trend auf Instagram aus, viele Fussballer posteten danach Bilder von sich, auf denen sie Bananen essen. In Italien steht keiner mehr für den immer noch währenden Rassismus als er: Mario Balotelli. Ob beim Nationalteam, bei Inter oder bei Milan, immer wieder musste der Stürmer Beleidigungen über sich ergehen lassen. Beim Spiel zwischen Milan und der SSC Napoli waren solche aus dem Gästesektor zu hören. Balotelli brach in Tränen aus und wurde ausgewechselt. Die beiden Ivorer Didier Drogba und Emmanuel Eboué spielten einst zusammen bei Galatasaray Istanbul. Im Derby gegen Fenerbahce sahen sie sich immer wieder mit Pöbeleien konfrontiert und wurden als Affen beschimpft. Drogba schrieb hinterher auf Facebook: «Das Einzige, was dir einfällt, ist, mich einen Affen zu nennen, obwohl du aufgesprungen bist, als mein Affenbruder zwei Tore geschossen hat?» Der Affenbruder heisst Perre Webo, ist dunkelhäutig, und erzielte in diesem Spiel zwei Tore für Fenerbahce. Die AC Milan spielt ein Testspiel gegen den Viertligisten Pro Patria. Eine Handvoll Fans beleidigt Kevin-Prince Boateng während des ganzen Spiels. Der Deutsch-Ghanaer reagiert, drischt den Ball ins Publikum und verlässt den Platz. Seine Teamkollegen tun es im gleich, Captain Massimo Ambrosini sagt, sein Team habe ein Zeichen setzen wollen. Boateng wird später UNO-Botschafter im Kampf gegen Rassismus. Die Lazio-Fans sind von ihrem Zuzug Miroslav Klose begeistert. Und zeigen das auf ihre Weise. Im Derby gegen die AS Roma halten sie ein Plakat hoch mit der Aufschrift «Klose mit uns», in Anlehnung an den Nazi-Schlachtruf «Gott mit uns». Die zwei «S» sind zudem in Runen dargestellt, wie sie die deutsche Schutzstaffel (SS) im Zweiten Weltkrieg benutzte. Der Deutsch-Pole Klose war nach der Aktion wütend und sagte, Politik und Sport sollten nicht vermischt werden. Saragossa-Spieler Alvaro versucht, Barcelonas Samuel Eto'o aufzuhalten. Der Kameruner will das Spielfeld nach rassistischen Zurufen von der Tribüne verlassen. Schliesslich wird er von Mitspielern und Trainer Frank Rijkaard überredet, weiterzuspielen.

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Auf die Frage, was der starke Wählerzuwachs der rechtspopulistischen Partei AfD in den vergangenen Jahren beim Bayern-Profi Leon Goretzka auslöse, sagte dieser gegenüber DAZN: «Sorge. Man fasst sich an den Kopf und fragt sich, wie das passieren kann. Ich denke aber, dass viele Leute nicht aus Überzeugung, sondern aus Mangel an Alternativen die AfD wählen.»

Im Interview von «Spox» und DAZN erneuerte der 25-Jährige seine Forderung an andere Profis, sich im Kampf gegen Rassismus klar zu positionieren. In einem «Spiegel»-Interview hatte er gesagt, jeder solle sich an die eigene Nase fassen und den Mut haben, «den Mund aufzumachen».

«Ich bin alleine»

Goretzka setzt sich seit langem für Integration und gegen Rassismus ein. Zuletzt hatte er in sozialen Netzwerken Fotos von seinem Besuch im ehemaligen Konzentrationslager Dachau veröffentlicht. Zu den Bildern hatte Goretzka geschrieben: #neverforget und #niewieder. «So etwas wie damals darf sich nicht wiederholen in unserer Geschichte. Daher ist es wichtig, dass diesem Thema Aufmerksamkeit geschenkt und immer wieder Erinnerung geschaffen wird», sagte Goretzka.

«Sowohl die Fans als auch wir Spieler haben in dieser Hinsicht eine grosse Verantwortung. Fritz Walter hat mal gesagt, dass alle Nationalspieler Aussenminister in kurzen Hosen sind. Den Spruch finde ich sehr gut. Wir Spieler sollten die grosse Aufmerksamkeit, die wir bekommen, nutzen, um für solche Themen zu sensibilisieren.»

Rüdiger gibt nicht auf

Jüngst wurde auch sein Landsmann Antonio Rüdiger erneut Opfer rassistischer Anfeindungen. Beim 2:1-Sieg von Tottenham wurde der 26-jährige Chelsea-Verteidiger mit Affenlauten beschimpft. «Der Rassismus hat gewonnen! Das zeigt sich, dass diese Leute gewonnen haben, weil sie wieder ins Stadion gehen können», sagte er gegenüber dem deutschen Sportinformationsdienst. Und fügte an: «Es ist nicht so, dass ich aufgebe oder meine Stimme nicht mehr erhebe. Ich werde immer meine Stimme erheben, aber in dieser Hinsicht bin ich alleine.»

Rüdiger fordert angesichts der jüngsten Rassismusvorfälle auch in deutschen Stadien zu entschlossenerem Handeln auf. «Taten müssen folgen! Alles andere hilft nichts. Leute, die danebensitzen, müssen endlich aufstehen und solche Sachen melden. Man sagt ja: mitgefangen, mitgehangen. So sehe ich das auch. Da bist du Mittäter, wenn du schweigst. Manche Leute können anscheinend damit leben – dann haben wir verloren.»

Fussball

(dpa)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Expat am 24.02.2020 19:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dir richtigen Massnahmen

    Wenn man den Rassisten den Wind aus den Segeln nimmt werden sie ganz schnell verstummen. Dazu gehört aber auch, dass Straffällige Asylbewerber, und Leute die sich nicht an Regeln haltenund resistent gegen Integration sind Europa wieder verlassen müssen, ohne Möglichkeit einer erneuten Einreise. Damit ist schon viel getan. Integrierte Menschen sind gerne willkommen.

  • Fydagh am 24.02.2020 20:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zufriedenheit

    Ist es nicht der Lauf der Geschichte, die zeigt, dass wenn die eigene Bevölkerung unzufrieden ist,dann eher ins extreme fällt. Die heutige Situation ist so, dass sich viele, auch in der Schweiz benachteiligt fühlen, wenn man arbeitet und immer mehr bezahlt und wenn man selbst auf den Staat angewiesen ist, dann extreme Schwierigkeiten hat um wirklich Hilfe zu bekommen. Meiner Meinung nach würde es gesamthaft anders aussehen, wenn der Staat darauf bedacht ist ebenfalls auf die eigenen Bürger zu schauen. Wie in einem Geschäft: Nur ein glücklicher Arbeiter ist ein guter Arbeiter

  • Tinuswiss am 24.02.2020 19:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Politik

    Man wird nicht als Rassist geboren sondern von der Politik so gemacht.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Fydagh am 24.02.2020 20:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zufriedenheit

    Ist es nicht der Lauf der Geschichte, die zeigt, dass wenn die eigene Bevölkerung unzufrieden ist,dann eher ins extreme fällt. Die heutige Situation ist so, dass sich viele, auch in der Schweiz benachteiligt fühlen, wenn man arbeitet und immer mehr bezahlt und wenn man selbst auf den Staat angewiesen ist, dann extreme Schwierigkeiten hat um wirklich Hilfe zu bekommen. Meiner Meinung nach würde es gesamthaft anders aussehen, wenn der Staat darauf bedacht ist ebenfalls auf die eigenen Bürger zu schauen. Wie in einem Geschäft: Nur ein glücklicher Arbeiter ist ein guter Arbeiter

  • Expat am 24.02.2020 19:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dir richtigen Massnahmen

    Wenn man den Rassisten den Wind aus den Segeln nimmt werden sie ganz schnell verstummen. Dazu gehört aber auch, dass Straffällige Asylbewerber, und Leute die sich nicht an Regeln haltenund resistent gegen Integration sind Europa wieder verlassen müssen, ohne Möglichkeit einer erneuten Einreise. Damit ist schon viel getan. Integrierte Menschen sind gerne willkommen.

  • Tinuswiss am 24.02.2020 19:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Politik

    Man wird nicht als Rassist geboren sondern von der Politik so gemacht.

  • Spielmacher am 24.02.2020 19:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Punkteabzug

    Ich sage seit Jahren, dass man die Klubs bei solchen Vorfällen mit Punkteabzügen bestrafen soll. Das hilft Zehntausend mal mehr, als Geldstrafen und Geisterspiele, denn nur dann beginnen die Klubs und ihre echten Fans ernsthaft dafür zu sorgen, dass sowas nicht mehr geduldet wird. Dasselbe für Pyros und Gewaltausschreitungen. Wetten, dass solche "unverzichtbare" Fans dadurch schnell mal verzichtbar würden?

  • Piri am 24.02.2020 18:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gerechte Welt

    Traurig das es Rassismus immer noch gibt. Hautfarbe, Zugehörigkeit in Randgruppen oder Nationalität, ist sowas von Egal. Der Mensch ist wichtig. In diesem Sinne, seit offen für gute Menschen und lasst die anderen ins Leere laufen.