FCZ-Canepa

02. Oktober 2011 20:55; Akt: 04.10.2011 14:27 Print

«Mich scheisst es langsam an»

von Eva Tedesco - Die Vorfälle rund um den Spielabbruch am 226. Zürcher Derby sorgten bei allen Beteiligten für Entrüstung. Die Klubverantwortlichen zeigen sich enttäuscht und vor allem wütend.

Stimmen zum Derby-Spielabbruch. In der Reihenfolge: FCZ-Sportchef Fredy Bickel, GC-CEO Marcel Meier, Schiedsrichter Marcel Meier, GC-Präsident Roland Leutwiler, FCZ-Präsident Ancillo Canepa, SFL-Sicherheitsbeauftragter Christian Schöttli.
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Konsterniert und machtlos blieben alle Beteiligten der beiden Stadtzürcher Vereine GC und FCZ nach den unrühmlichen Szenen im 226. Stadtderby im Letzigrund zurück. Verloren hat einmal mehr der Sport. «Man muss sich überlegen», so Ref Sascha Kever, «ob das überhaupt noch Sinn macht.»

«Ich weiss nicht genau was passiert ist. Ich habe in der 76. Minute Personen auf der Tartanbahn gesehen und Sicherheitsleute hinter dem Tor. Als die Sicherheit der Spieler nicht mehr gewährleistet war, haben die Sicherheitsleute gesagt, dass wir in die Kabine gehen sollen. Ich bin noch einmal nach oben, aber die Situation war nicht viel ruhiger, deshalb war der Abbruch leider die einzige Entscheidung, die mir geblieben ist», schildert Schiedsrichter Sascha Kever die bangen Minuten im Letzigrund am Sonntagnachmittag.

Plötzlich brachen rund 50 vermummte Personen aus der Südkurve aus und rannten zum Teil über die Tartanbahn und über die Tribüne Richtung Gästesektor. Die Stimmung war gereizt. Matchbesucher flüchteten in Panik die Tribüne hoch und versuchten, aus der Gefahrenzone zu flüchten. Bilder des Schreckens. Bilder, die dem Sport unwürdig sind.

An Fussballspielen nicht mehr zu denken

«Es waren Familien und Kinder im Stadion, die heute Nacht sicher schlecht schlafen werden», so Kever, selbst Vater eines viereinhalb-jährigen Sohnes. Zusammen mit GC-Trainer Ciriaco Sforza und FCZ-Coach Urs Fischer hat der Ref entschieden, das 226. Zürcher Derby abzubrechen. «Es war nicht mehr an Fussballspielen zu denken. Tatsache ist, dass nach vielen kleinen Vorkommnissen der Fussball heute definitiv verloren hat und man sich überlegen muss, ob es überhaupt noch Sinn macht als Spieler, Woche für Woche zu trainieren.»

«Das ist eine Schande und für Zürich absolut unwürdig», so GC-Präsident Roland Leutwiler, der sich bei Trainer Sforza und der Mannschaft und auch bei der Bevölkerung und allen Fussballfans entschuldigte. In Leutwiler brodelt es noch lange nach dem Spiel. Es mache ihn traurig, denn GC wolle guten Fussball spielen und seinen Fans etwas bieten. Dass ganz wenige «asoziale Elemente» den Fussball benützen können, um so zu provozieren, das sei laut Leutwiler unverständlich. Pyros in eine andere Fankurve zu schiessen, sei jenseits von Gut und Böse. Leutwiler: «Und manchmal habe ich wirklich ein echtes Problem damit, dass unsere Rechtssprechung nicht so ist, dass man diese Typen nicht an der Nase nehmen, die Bilder ins Internet stellen und sofort aburteilen kann – das ist absolut jenseits...» Nach einer blitzsauberen Leistung der Hoppers, die beim Stand von 2:1 so abrupt endete, ist das doppelt schmerzhaft. Der Präsident hofft auf eine genaue Analyse der Vorfälle, sowohl aus sportlicher als auch aus juristischer Hinsicht.

Wut und Enttäuschung

Von abgrundtiefer Enttäuschung spricht auch Ancillo Canepa und auch von Wut auf eine «Minderheit, die dem FCZ dauernd auf der Nase herumtanzt.» Pyros kann der FCZ-Präsident zu «zweihundert Prozent nicht mehr tolerieren». Der FCZ würde die Bilder solcher «Täter» rigoros ins Netz stellen und hat es schon nach dem Petardenwurf 2008 in Basel getan. «Doch dann habe ich innert zwei Stunden den Datenschutzbeauftragen in Bern am Hals», so Canepa. «Aber auf gut Deutsch gesagt: Mich scheisst es langsam an. Es ist weiss Gott schwierig einen Klub zu unterhalten und zu führen. Und dann muss man sich noch mit solchen Problemen auseinandersetzen und sich von solchen Idioten terrorisieren lassen.»

Was passiert aber mit dem Resultat der Partie zwischen GC und dem FCZ? Der Ball liegt nun bei der Disziplinarkommission der Swiss Football League. Die Liga wird Untersuchungen einleiten. SFL-Sicherheitsbeauftragter Christian Schöttli: «Was der Entscheid sein wird, darüber macht es derzeit keinen Sinn, zu spekulieren.» Zumal es der erste Spielabbruch ist, zu dem es in der Schweiz bisher gekommen ist. Schöttli kündigte aber schon einmal genaue Untersuchungen an. Ob es Provokation und Gegenprovokation war, oder ob GC als Heimklub seinen Sicherheitsaufgaben nicht nachgekommen ist und Forfait verlieren wird, hängt von weiteren Abklärungen ab. Canepa gab GC keine Schuld, zumal die Sicherheit Sache des Stadions-Managements ist und die beiden Vereine «lediglich für die Sicherheit bezahlen».

Zumindest war eines an diesem Abend klar: Offizielle Stellen vermeldeten «nur» einige leicht verletzte Personen aus dem Stadion. Zum Glück, muss angefügt werden. Aber wie lange noch, bis Schlimmeres passiert?

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Felix Frei am 03.10.2011 07:12 Report Diesen Beitrag melden

    Sport? Nein, Business...

    Sport? Wo? Es beginnt mit den Unsummen Geldes die im Fussballgeschäft involviert sind (Spielerlöhne etc). Es mus so sine sonst würden ja nicht Spiele manipuliert. Und solange die Vereine nicht für den Umstand gerade stehen müssen den deren Fans anrichten so lange wird es Einigen gelingen den Fussball als anonyme Chaoten zu benutzen-den Verantwortlichen der Clubs ist es egal da die Steuerzahler für die Sauerei aufkommen müssen. Also: Verursacherprinzip umsetzen, die Verantwortlichen mit Video aufspüren und in Schnellverfahren aburteilen (wie Strassenvergehen in Frankreich).

  • T. C. am 02.10.2011 21:36 Report Diesen Beitrag melden

    Jetzt ist schluss!

    Man sieht es immer öfter.Durch einige Leute, die in der Gruppe überschwängliches Selbstvertrauen aufbauen, werden auf gut Deutsch immer öfter grundsätzlich harmlose Veranstaltungen versaut.Die Krawalle in Zürich, die als friedliche Party begann, endete in einem Akt der Verwüstung aufgrund einiger extemen Menschen. Und nun das. So viele Zuschauer welche Fussball geniessen wollen, sich nichts böses dabei denken. Und dazwischen ein paar Randalierer, unsinnige, absolut ungerechtfertigte, aggressive Leute machen die ganze Atmosphäre zunichte. Es wird endlich Zeit gegen genau diese vorzugehen!

  • Daniel Räth am 02.10.2011 23:30 Report Diesen Beitrag melden

    Fans bestrafen

    Schade aber man kann die Fans nur über die Vereine bestrafen. Zehn Spiele ohne Zuschauer müssten dann auch diese Chaoten verstehen. Die normalen Fans kommen eh bciht unter diesen Umständen. Folglich wäre es diesen egal.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Roberto A. am 03.10.2011 18:50 Report Diesen Beitrag melden

    N.B. Zum Spielen braucht es einen Gegner

    Siege werden überbewertet - Leistungen unterbewertet! Medien heizen leider zu oft die Stimmung an.

  • Hans Stutz am 03.10.2011 13:15 Report Diesen Beitrag melden

    Repression ist kontraproduktiv

    Repression nützt hier doch nichts, jedenfalls nicht auf die Samthandschuh-Methode. Wenn dann so wie in England. Ich finde aber es wäre besser, wenn sich die Fans formieren und gegen diese offenbar ganz wenigen Assozialen vorgehen. Wer sich daneben benimmt wird ausgeschlossen. Auch der Verband und die Spieler sollten sich gedanken machen und z.B. sagen: Bei solchem Unfug ist einfach Ende Gelände. Unter diesen Umständen spielen wir nicht weiter. Und dann ab unter die Dusche und das wars.

  • Steven am 03.10.2011 12:39 Report Diesen Beitrag melden

    Only membercard...

    Die Polizei ist zu unterbesetzt in solchen Stadien... Securitas nicht ernst zu nehmen, aber dennoch möchte ich nicht in deren Haut stecken... Mein fazit: Nur Familien oder Sportfans mit Memberkarte reinlassen und das wars... somit sind alle regristriert, die im Stadion sind... Natürlich soll endlich der Verein die Verantwortung übernehmen, da die Sicherheitskräfte nicht in der Lage sind..,.

  • Stefan B. am 03.10.2011 12:24 Report Diesen Beitrag melden

    typisch Schweiz...

    wo gehobelt wird fallen Späne. ist nun mal so. in anderen Ländern gibts sowas auch, nur bei uns machen sich wieder alle ins Hemd. man kann niemals alles kontrollieren und 100% Sicherheit gibts nirgendwo. Gewisse Leute würden am leibsten alles abschaffen und verbieten wo was "passieren" kann.

  • Tholo am 03.10.2011 10:46 Report Diesen Beitrag melden

    Kosten an Vereine weitergeben

    Sämtliche Sicherheitskosten von Polizei und co. sollten den Vereinen 1:1 weiterverrechnet werden. Dann würden sie gegen diese "Prügelknaben" auch mal was unternehmen.

    • G. am 03.10.2011 11:47 Report Diesen Beitrag melden

      Lösung

      Dann erzähl mal, was ein Verein gegen solche Leute unternehmen kann. Wir alles sind gespannt auf deine Lösungen.

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