Walter Stierli

15. Mai 2012 23:42; Akt: 15.05.2012 23:43 Print

«Mich täuschte das Bauchgefühl nie»

von Martin Messmer - Luzern-Präsident Walter Stierli erlebt mit dem Cupfinal ein Highlight vor seinem Rücktritt. Im Interview sagt er, wie er den FCL einst mit einem Bierglas in der Hand rettete.

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Luzern-Präsident Walter Stierli sagt Ende Saison Tschüss. (Bild: Keystone)

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20 Minuten: Walter Stierli, am Ende Ihrer siebenjährigen Präsidialzeit ist der Cupfinal für Sie das absolute Highlight zum Schluss. Auf was freuen Sie sich am meisten?
Walter Stierli:
Die Vorfreude auf einen Cupfinal ist immer das schönste. Das durfte ich auch schon miterleben. Man merkt es in der ganzen Innerschweiz, dass dies ein gesellschaftliches Grossereignis für unsere Region ist.

Umfrage
Wer gewinnt den Cupfinal?
56 %
44 %
Insgesamt 1625 Teilnehmer

Sie haben einen Interviewmarathon hinter sich, müssen überall Auskunft zum Cupfinal geben. Welche Frage nervte Sie am meisten?
In der Regel wiederholt sich das immer wieder – die dauernde Diskussion um Trainer, nicht nur jetzt (Anmerkung der Redaktion: Aktuell ist FCL-Trainer Murat Yakin bei YB im Gespräch, und kolportiert wird, dass Martin Rueda von Lausanne zu den Luzernern stösst). Ich bin aber nicht befugt zu sagen, diese Frage nervt mich. Weil ich der Präsident bin, muss ich mich auch mit solchen Fragen auseinandersetzen.

Der Cupfinal findet heuer zum ersten Mal am Mittwochabend statt. Für Generationen war es eine Tradition, dass der Cupfinal jeweils am Nachmittag des Pfingstmontag stattfindet. Was sagen Sie zum neuen Termin?
Ich wünschte mir wieder den Pfingstmontag. Aber natürlich zahlt das Schweizer Fernsehen viel für diesen Final und hat somit hat das Recht zu bestimmen. Aber ich finde es trotzdem schade, dass der Final abends stattfindet. Der Gewinner muss in den Abend hinein feiern. Sollten wir den Cupfinal gewinnen, dann würden wir ja erst etwa um ein Uhr in der Nacht auf dem Balkon des Hotels Schweizerhof stehen und unseren Fans den Cup präsentieren können. Wenn der Final schon nachmittags wäre, hätte man danach mehr Zeit zu feiern. Ich bin ein absoluter Fan vom Cupfinal am Pfingstmontag.

Wären Sie sehr enttäuscht, wenn Ihr Team nicht gewinnen würde? Immerhin heisst der Gegner FC Basel.
Es ist klar, wir wollen gewinnen. Aber man darf nicht mit der Erwartung nach Bern gehen, dass wir auch gewinnen. Wir rechnen uns aber schon Chancen aus, weil wir die Basler in letzter Zeit ein paar Mal geschlagen haben.

Sie wären auch ohne Titel der vielleicht erfolgreichste Präsident in der FCL-Geschichte. Sie haben die Finanzen im Griff, das neue Stadion gebaut, und sportlich konnte sich der Club unter Ihrer Führung in der Spitze des Schweizer Fussballs festsetzen. Was machen Sie anders als Ihre Vorgänger?
Das wichtigste ist unser neues Stadion. Ohne hätte der FCL wirtschaftlich keine Chance mehr. Es wurde zum Treffpunkt der ganzen Innerschweiz, es ist bei jedem Match eine Begegnungsstätte für die Innerschweiz, das ist auch gesellschaftlich sehr wichtig. Und ob ich jetzt der erfolgreichste Präsident bin oder nicht – damit kann ich mir nichts kaufen. Ich habe einfach Maximen gesetzt, und teilweise haben wir die erreicht. Auch wenn wir den Cup nicht gewinnen würden – alleine mit der Finalteilnahme und mit dem 2. Rang in der Meisterschaft ist die aktuelle Saison eine der erfolgreichsten in der 112-jährigen Clubgeschichte. Im Moment stossen wir sportlich an unsere obersten Grenzen.

Wie soll der sportliche und wirtschaftliche Erfolg langfristig gesichert werden?
Wir geben auch in Zukunft nur aus, was wir einnehmen. Wir wollen nicht abhängig von Mäzenen werden. Das führt zum Desaster. Unser CEO Thomas Schönberger ist Garant dafür, dass der FCL die Finanzen weiterhin im Griff hat. Der FCL muss sich den Erfolg erarbeiten und nicht kaufen.

Wie definieren Sie ihre Führungsphilosophie: Sind Sie ein Patron alter Schule, oder setzen Sie auch moderne Führungsinstrumente ein?
Ich bin ein Teamplayer, aber einer, der ganz klare Vorgaben macht. Wenn Ziele definiert sind, sorge ich knallhart dafür, dass sie auch erreicht werden.

Sie treffen auch knallharte Personalentscheide; etwa, als Sie Trainer Fringer entlassen haben. Wie fühlen Sie sich persönlich, wenn Sie solche Entscheide fällen müssen?
Es ist wie in der Politik: Man muss sich trauen, Entscheidungen zu treffen. In der Politik gibt es das viel zu wenig, dort wird für alles ein Gutachten erstellt, aber es entscheidet niemand. Beim FCL habe ich viel aus dem Bauch heraus entschieden, und mein Bauchgefühl hat mich nie getäuscht. Die Entscheidungen wurden schlussendlich immer im Verwaltungsrat gefällt. Bei Rolf Fringer war es so, dass ich ziemlich kritisiert wurde, aber heute müssten eigentlich die gleichen Kritiker von damals zugegeben, dass dieser Entscheid nicht unrichtig war.

Trotz harten Entscheiden: Sie sind bekannt dafür, dass Sie jemanden eine zweite Chance geben.
Ich sehe das wie in einer Familie. Dort macht ein Kind manchmal einen Seich, und wichtig ist, dass es daraus etwas lernt. Ein Mensch, bei dem ich spüre, er bereut einen Fehler, der hat bei mir immer eine zweite oder eine dritte Chance. Das gehört zum Leben dazu, man darf einem Menschen wegen einem Fehler nicht die Türe für immer zuschlagen.

Strategie des FCL ist es, junge Spieler aus der Region in die erste Mannschaft zu integrieren. Das fördert die Identität der Region mit dem Verein, und es schont das Budget. Dennoch gibt der FCL immer wieder gute Innerschweizer Talente ab. Nico Siegrist, der nun beim FC Aarau spielt, ist hier nur ein Beispiel. Warum verfolgen Sie diese Strategie nicht konsequenter?
Wir sind ein Spitzenklub, die Luft nach oben ist wahnsinnig dünn. Das sieht man bei allen Schweizer Vereinen: Junge Spieler, die direkt den Sprung in die erste Mannschaft gemacht haben, kann man an einer Hand abzählen. Heute geht die Ausbildung weiter, und zwar in der Challenge League. Deshalb haben wir Siegrist an den FC Aarau ausgelehnt, in der Hoffnung, er kehrt als Topspieler zu uns zurück. Das werden wir in Zukunft noch öfters tun. Wir holen solche Spieler aber nur zurück, wenn sie eine reelle Chance haben, in der ersten Mannschaft zu spielen. Man muss aber sehen: Von 100 jungen Spielern schaffen das nur drei oder vier.

Beim Barrage-Spiel gegen Lugano im Juni 2009 auf der Allmend drohte nach einem Petardenwurf der Spielabbruch – bis Sie mit einem Bierglas und einem Mikrofon während des Spiels aufs Feld liefen und die Fans zur Räson brachten. Was denken Sie im Nachhinein über diesen Auftritt?
Dieses Spiel war wegweisend für die weitere Zukunft des Klubs. Das war die kritischste Situation während meiner ganzen Präsidialzeit. Wäre dieser Match abgebrochen worden und wir abgestiegen, hätten wir vielleicht als Zweitligist ins neue Stadion einziehen müssen, und das hätte uns um Jahre zurückgeworfen. Mein innerer Instinkt sagte mir damals, dass es im Prinzip um «Leben und Tod» ging. Darum lief ich aufs Feld und redete zu den Fans. Ich bin dem Schiedsrichter heute noch dankbar, dass er das Spiel dann weiterlaufen liess.

Nun treten Sie zurück. Was machen Sie Ende Saison?
Ich will einfach mehr Zeit für mich. Ich will mehr Lebensqualität und eine leere Agenda. Darauf freue ich mich.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • seppli am 16.05.2012 06:58 Report Diesen Beitrag melden

    Walti - one love

    Lieber Walti Es gibt halt noch Leute, die arbeiten müssen... Die können nicht am Pfings-Montag feiern und sich dann am Dienstag erholen. Prost und ciao

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  • seppli am 16.05.2012 06:58 Report Diesen Beitrag melden

    Walti - one love

    Lieber Walti Es gibt halt noch Leute, die arbeiten müssen... Die können nicht am Pfings-Montag feiern und sich dann am Dienstag erholen. Prost und ciao