Ex-Schiri Urs Meier

07. Mai 2019 04:44; Akt: 07.05.2019 17:42 Print

Was war Ihr schlimmster Fehlentscheid?

von Matthias Gröbli - Der ehemalige Spitzenschiedsrichter Urs Meier (60) kritisiert im Interview die Videobeweis-Praxis und warnt vor Betrügern auf dem Fussballplatz.

Urs Meier zum schönsten Karriere-Moment und dem schlimmsten Fehlentscheid. (Video: Simona Ritter)
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Urs Meier, Sie sind derzeit auf Teleclub bei Champions-League-Spielen als Experte im Studio. Einiges zu reden gibt der Video Assistant Referee (VAR). Was halten Sie vom Videobeweis?
Es ist immer noch ein Mittel, das zum Teil falsch eingesetzt oder nicht eingesetzt wird und auch teilweise zu viel Zeit beansprucht, bis ein Entscheid gefällt ist. Manchmal hilft der VAR, manchmal nicht – er ist immer noch eine Wundertüte. Und das dürfte er nicht sein. Es ist wie beim Airbag im Auto: Niemand will ihn missen, aber wir wollen auch nicht, dass er zum Einsatz kommt. Wir wollen so gut Auto fahren können, dass der Airbag nicht aufgeht. Kommt es doch zu einem Crash, muss er aufgehen. Um beim Vergleich mit dem VAR zu bleiben: Der Airbag geht zu oft auf, wenn er dies nicht sollte – und er geht nicht auf, wenn er müsste.

Woran liegt das?
Wir haben zum Teil Assistant Referees, bei denen man sich fragen muss, ob sie auf dem erforderlichen Niveau sind. Der Fall zuletzt beim Spiel zwischen Dortmund und Schalke, als sich der VAR mit einiger Verzögerung einschaltete und auf Handspiel erkannte und der Schiedsrichter dies dann auch noch übernahm und auf Penalty entschied, hat mich wahnsinnig geärgert. Da will ich doch einen Schiedsrichter, der Verantwortung übernimmt und sagt: Nein, lieber VAR! Der Unparteiische darf sich nicht von den TV-Bildern oder vom VAR einlullen lassen und dann einen falschen Entscheid fällen.

«Ein angebliches Foul wird mit jedem Videostudium brutaler.»
Wenn ich ein angebliches Foul viermal in der Wiederholung sehe, wird es mit jedem Mal brutaler und ich werde am Ende sagen: Okay, das ist ein Penalty. Ich bin klar der Meinung: Die Wahrheit liegt auf dem Platz. Ein Fussballspiel ist wie ein Kunstwerk, jedes mit seiner ganz eigenen Atmosphäre.

Ist der VAR Ihrer Meinung nach also mehr Fluch als Segen?
Die Schiedsrichter haben sich nicht verbessert durch den VAR. Im Gegenteil: Sie haben dadurch an Persönlichkeit verloren. Ein Spitzenschiedsrichter sagte kürzlich in einer Diskussionssendung: Die Wahrheit liegt seit der Einführung des VAR am Fernsehen. Das kann doch nicht sein! Die TV-Bilder können nie alles abdecken. Vor allem die Absicht ist in der Regel anhand von Fernsehbildern nicht zu erkennen.

«Schiedsrichter haben an Persönlichkeit verloren.»
Dann stimmen auch die Geschwindigkeiten, die Distanzen und die Winkel nicht. Und man bekommt ja auch nicht alle Bilder. An der WM etwa gab es 37 Kameras – es ist unmöglich, 37 TV-Bilder innert zwei Minuten zu checken. Es gibt noch zu viel Ungelöstes beim VAR. Deshalb sage ich: Lasst grundsätzlich die Schiedsrichter auf dem Platz die Entscheide treffen. Bei krassen Fehlentscheiden soll der VAR eingreifen. Und nur dann. Das war ja auch der Grundgedanke bei der Einführung des Videobeweises. Bei Schwarz-Weiss-Entscheidungen ist der VAR durchaus eine sinnvolle Sache.

Erfolgreiche Karriere: Ex-Schiri Urs Meier

Der VAR wird ab der kommenden Saison auch in der Schweiz eingeführt. Eine gute Investition?
Ich wollte einst die Professionalisierung des Schiedsrichterwesens in der Schweiz. Das hätte maximal eine Million gekostet. Doch man wollte es aus finanziellen Gründen nicht. Nun wendet man rund 1,5 Millionen Franken für den VAR auf und erhält eine Variante ohne kalibrierte Linie für Offside-Entscheidungen.

«Wir müssten viel mehr in die Schiedsrichter investieren.»
Es wird also viel Geld ausgegeben für diese Technik in der Hoffnung auf mehr Gerechtigkeit. Was aber auf der Strecke bleibt, ist im Prinzip die Professionalisierung der Schiedsrichter und der Strukturen. Wir müssten viel mehr in die Schiedsrichter investieren. Um auf den Auto-Vergleich zurückzukommen: Wenn der Fahrer gut ist, braucht er viel weniger technischen Schnickschnack.

Ab 1. Juni treten einige neue Regeln in Kraft, die das International Football Association Board beschlossen hat. Unter anderem wird unabsichtliches Hands strafbar, wenn daraus ein Tor oder eine Torchance entsteht …
Dann wird alles noch komplizierter. Bei der Handsregel herrscht bereits jetzt Chaos, es fehlt eine klare Linie bei den Schiedsrichtern. Dabei ist die bisherige Regel klar: Ist Absicht im Spiel oder eine unnatürliche Bewegung, ist es strafbares Hands. Doch sie wird zu oft nicht oder falsch angewendet, ausser in England. Meine Güte, sollen sich die Spieler denn die Arme abschneiden? Mit der neuen Regel droht die Gefahr, dass angreifende Spieler den Ball mit Absicht an Arme oder Hände der Verteidiger spielen werden.

Für viel Diskussionsstoff sorgen auch Theatereinlagen von Spielern auf dem Platz und vorgetäuschte Fouls im Strafraum. Werden die Schwalben genügend hart sanktioniert?
Nein. Bei diesen Unsportlichkeiten, zu denen auch Hands im Offensivbereich gehört, ist eine Gelbe Karte eine Belohnung und keine Strafe. Eine klare Schwalbe im Strafraum ist eine grobe Unsportlichkeit und gehört mit Platzverweis bestraft.

«Gelb ist wie eine Belohnung – es braucht Zeitstrafen.»
Da ist das Regelwerk viel zu tolerant, auch bezüglich Spielverzögerungen etwa der Torhüter in der Schlussphase eines Spiels. Eine Verwarnung ist ihm doch völlig egal – und der Nutzen für den betroffenen Gegner ist gleich null. Da gibts nur eins: Zeitstrafen bei Unsportlichkeiten.

Woher rührt die zu grosse Toleranz der Schiedsrichter?
Es herrscht eine übertriebene Kumpanei zwischen den Unparteiischen und den Spielern, die die nötige Distanz und Autorität verwischt. Die Schiedsrichter sind zu nah bei den Spielern. Das beginnt schon vor dem Spiel: nicht abklatschen mit den Spielern, sondern Handschlag! Spieler müssen Respekt haben vor den Schiedsrichtern.

Respektlosigkeit in krasser Form erlebten Sie 2004, nachdem Sie im EM-Viertelfinal ein Tor der Engländer gegen Portugal annullierten. Sie erhielten Tausende Hass-E-Mails und sogar Morddrohungen.
Es war das Beste, was mir passieren konnte. Ich erhielt eine Bekanntheit, die ich als normaler Schiedsrichter in 100 Jahren nie erreicht hätte und die mir letztlich den Job als TV-Experte etwa beim ZDF ermöglichte.

«Ich wollte einmal im San Siro vor 80'000 einlaufen.»
Das aberkannte Tor wird übrigens heute im deutschen Regelbuch als Musterbeispiel für einen korrekten Entscheid aufgeführt, der die ganze Spielsituation berücksichtigte.

Warum sind Sie eigentlich Schiedsrichter geworden?
(lächelt) Bestimmt nicht, um endlich wenigstens einmal Macht zu haben, weil ich sonst im Leben nichts zu sagen hatte. Das Geld war auch nicht ausschlaggebend – so reich wird man nicht als Schiedsrichter. Nein, es war die Freude am Spiel, Teil des Spiels zu sein. Und ich hatte ein Ziel: Ich wollte an die Weltspitze. Ich wollte meinen Traum verwirklichen, einmal im Mailänder San Siro vor 80'000 Zuschauern einzulaufen. Mit 14 Jahren realisierte ich, dass ich das als Spieler nicht schaffen würde, also entschied ich mich für eine Karriere als Schiedsrichter mit klar definiertem Ziel: die WM 1998. Das habe ich geschafft. Und auch mein Traum vom San Siro wurde wahr.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Kuede am 07.05.2019 10:14 Report Diesen Beitrag melden

    Physik

    Leider geht in der Zeitlupe die Physik verloren. Wenn mann rennt genügt eine minimale Berührung, um jemanden aus dem Gleichgewicht zu bringen. Das sieht dann aus, als wäre nichts passiert und der andere lässt sich fallen.

    einklappen einklappen
  • CocoLoco am 07.05.2019 16:18 Report Diesen Beitrag melden

    Die Schiris werden mit VAR schlechter

    In der spanische Liga, pfeifen die Schiris oft gar nicht und warten auf den VAR. Somit ist die Qualität der Schiris immer schlechter. Auch geht der Schiri nicht zum Bildschirm sondern verlässt sich auf die Mitteilungen von dem VAR Schiri. Dieser ist aber nächste Woche auf dem Feld und dann ist ein anderer Schiri im VAR. Warum hat man nicht EX-Schiris im VAR? In wie weit will der Schiri eine Entscheidung treffen, welche dann vom VAR Schiri korrigiert wird und somit seine Schiri-Note sinkt?

  • unglaublich am 07.05.2019 12:22 Report Diesen Beitrag melden

    aber wahr

    Der schlimmste Fehlentscheid war die gelbe an Nedved.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Nie vergessen am 09.05.2019 12:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Danebengeschaut

    2001 SG vs GC als er das klare Foul an Dal Santo "übersah", Chappi sogar stehen blieb weil er foulte. Anschließend konnte er alleine das Tor zum 0 1 machen und sagte im Interwiew das es Foul war. GC wurde dann so Meister und Meier ist Ehrenmitglied bei GC...

  • Tomson1994 am 08.05.2019 08:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alles nur blabla

    Also geht es nur bei den Herren Fussball nicht? Wieso? Zu viel Kohle drin. Mittlerweile gibt es überall Video Refs, NHL, Tennis, NFL etc etc

  • CocoLoco am 07.05.2019 16:18 Report Diesen Beitrag melden

    Die Schiris werden mit VAR schlechter

    In der spanische Liga, pfeifen die Schiris oft gar nicht und warten auf den VAR. Somit ist die Qualität der Schiris immer schlechter. Auch geht der Schiri nicht zum Bildschirm sondern verlässt sich auf die Mitteilungen von dem VAR Schiri. Dieser ist aber nächste Woche auf dem Feld und dann ist ein anderer Schiri im VAR. Warum hat man nicht EX-Schiris im VAR? In wie weit will der Schiri eine Entscheidung treffen, welche dann vom VAR Schiri korrigiert wird und somit seine Schiri-Note sinkt?

  • ROLAND am 07.05.2019 13:15 Report Diesen Beitrag melden

    Schlechtester Schiedsrichter seit Jahren

    Dies war einer der schlechtesten Schiedsrichter, welche es jeweils gab. Sich heute noch wichtig zu machen, entbehrt jeglicher Realität.

  • Beführworter am 07.05.2019 12:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es gibt immer für alles gegner.....

    wenn man natürlich SR und ex SR fragt die von anfang an bis heute und für ehwig gegen videobeweis sind, wird auch nie ein "gut" für den videobeweis je kommen von diesen leuten und so einer ist U. M.