Bulgarien - Schweiz

24. März 2011 07:31; Akt: 24.03.2011 10:12 Print

«Schweiz reist nicht als Favorit nach Sofia»

von Eva Tedesco - Krassimir Balakov ist 92-facher bulgarischer Nati-Spieler. Der ehemalige GC- und St.-Gallen-Trainer erwartet für das EM-Qualispiel eine «enge Kiste».

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Krassimir Balakov kennt den bulgarischen und schweizerischen Fussball. (Bild: Keystone/AP)

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20 Minuten Online: Krassimir Balakov, Sie werden sich das EM-Qualifikationsspiel am Samstag von der Tribüne aus ansehen. Was ist Ihr Wunschresultat?
Krassimir Balakov:
Das Bulgarien gewinnt! Denn die Begegnung hat den Charakter eines kleinen Finals! Der Verlierer kann die Hoffnung auf eine Qualifikation für die EM-Endrunde in Polen und der Ukraine begraben.

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Wie schätzen Sie das Potenzial der beiden Teams ein?
Vorhersagen im Fussball sind schwierig. Wenn das überhaupt ein kleiner Vorteil ist, dann der, dass die Schweiz auf dem Papier mehr Spieler hat, die in besseren Ligen und Vereinen spielen. Aber wir haben eine junge Mannschaft, die sich durch Engagement, Disziplin und Kampfgeist auszeichnet. Ich sage: Die Schweiz reist nicht als klarer Favorit nach Sofia!

Wie euphorisch werden die bulgarischen Fans ihr Team unterstützen?
Die Euphorie ist nicht mehr ganz so gross wie zwischen 1994 und 1998. Das ist auch normal, denn zuletzt haben die Erfolge und Resultate dazu gefehlt.

Sie sprechen das Erfolgsteam an, das an der WM-Endrunde 1994 in den USA den vierten Platz erreicht hat. Mit Helden wie Balakov, Letchkov und allen voran Hristo Stoitschkov. Was ist nach dieser goldenen Ära falsch gelaufen?
Der Umbau im Land geht auch nach dem EU-Beitritt nur sehr langsam voran. In den Vereinen ist wenig Geld da, um den Nachwuchs richtig zu fördern. Es mangelt an Mitteln, um Ausländer zu verpflichten. Das macht sich in fehlender Konkurrenz bemerkbar und die schlägt sich in der Qualität der Liga nieder. Eine schwache Liga produziert keine starken Spieler. Aber ich glaube, dass die Situation von Jahr zu Jahr besser wird und irgendwann kriegen wir die Kurve. Die Generation, die 1994 an der WM spielte, war aber speziell – damals hat einfach alles gepasst.

Im Zusammenhang mit dem Fussball in Ihrer Heimat fällt oft auch das Wort Korruption.
Ich habe rund 25 Jahre nicht in Bulgarien gelebt, ehe ich 2009 den Job in Burgas angenommen habe. Aber ich kann mit Sicherheit sagen, so schlimm ist es nicht, wie es die Medien verbreitet haben. Wie so oft wird aus einer Mücke ein Elefant gemacht.

Sie wollten aus dem Erstligaverein Tschernomorez über einen Zeitraum von fünf Jahren einen Topklub machen. Wieso haben Sie den Vertrag im Dezember nach knapp zwei Jahren schon aufgelöst?
Ich hatte ein Konzept und eine Vision. Ein Konflikt zwischen den Hauptaktionären der Petrol-Holding und Klubbesitzer Mitko Sabew führte aber dazu, dass die nötigen Mittel nicht mehr bereitgestellt wurden. Ich konnte die sportliche Verantwortung so nicht weiter tragen. Ich bin sicher, dass meine Entscheidung richtig war.

Sie haben von 2006 bis 2008 in der Super League gearbeitet. Lässt sich die bulgarische Liga mit der Schweizer Liga vergleichen?
Stimmt, ich war Trainer bei GC und in St. Gallen. Ich denke schon, dass man die beiden Ligen vergleichen kann. Der Hauptunterschied liegt für mich darin, dass Schweizer Mannschaften ihre Konzentration mehr auf Resultate und Punkte lenken. Der Bulgare aber will immer auch noch ein guter Fussballer sein – auch wenn er das nicht immer ist. Einen weiteren Unterschied machen die Budgets aus. Während der FC Zürich oder der FC Basel ein Budget um die 30 Millionen Franken haben, muss bei uns ein Topklub mit maximal sechs bis sieben Millionen Franken auskommen.

Zurück zur Nati. Was für eine Taktik erwarten Sie von den beiden Teams am Samstag?
Ich glaube, dass die Defensivarbeit im Vordergrund stehen wird, weil das Spiel so verdammt wichtig ist. Sicherheit geht über Spektakel. So richtig lanciert werden kann die Partie mit dem ersten Tor. Dann werden alle taktischen Vorgaben vergessen sein.

Auf welche Schweizer muss Nati-Coach Lothar Matthäus achten und vor welchen bulgarischen Stars wird Ottmar Hitzfeld warnen?
Die beiden Teams kennen sich zu gut, um Geheimnisse voreinander zu haben. Ausserdem glaube ich, dass in diesem wichtigen Spiel nicht ein einzelner Spieler, sondern das Kollektiv ausschlaggebend sein wird.

Apropos Matthäus: Waren Sie kein Thema für das Amt des Nationaltrainers?
Ich habe zweimal mit dem Verband verhandelt. Aber irgendwie haben wir uns nicht gefunden. Und zuvor war es kein Thema, weil ich der Meinung bin, dass ein Trainer sich erst bei einem Verein in der täglichen Arbeit bewähren muss, ehe er ein Nationalteam übernimmt. Lothar ist ein sehr guter Trainer und momentan der Richtige für Bulgarien. Aber auch hier gilt: Auch Lothar wird an Resultaten gemessen.