Sarah Akanji

05. Dezember 2018 12:37; Akt: 05.12.2018 12:37 Print

«Sexismus gibts im Fussball leider oft»

Sarah Akanji setzt sich für Frauenfussball ein. Die 25-Jährige über den Eklat am Ballon d'Or, starre Vorurteile und Anfeindungen auf dem Rasen.

Moderator Martin Solveig schiesst mit seiner Frage übers Ziel hinaus. (Video: Tamedia/Twitter)
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Sarah Akanji, an der Verleihung des Ballon d’Or fragte Moderator Martin Solveig Gewinnerin Ada Hegerberg, ob sie twerken könne. Was denken Sie, wenn Sie so etwas hören?
Ich finde es ziemlich daneben und sexistisch, dass man sie – erst recht in diesem Rahmen – auf ihren Körper reduziert, denn Twerken ist ein körperbetonter Tanz, der etwas Erotisches rüberbringen soll. Dabei ging es an diesem Abend um Hegerberg als Fussballerin.

Hegerberg antwortete mit einem knappen «Nein» und wandte sich ab. Wie hätten Sie an ihrer Stelle reagiert?
Das ist schwierig zu sagen. Man ist wohl ziemlich überfordert in so einer Situation. Wenn ich es mir aber überlege, hätte ich gesagt, dass es hier nicht um meinen Körper oder einen Tanz geht, sondern um meinen Beruf, meine Leidenschaft, um das, was ich im Fussball erreicht habe.

Der Eklat von Paris war ein weiterer Beleg dafür, wie schwer es Frauen im von Männern dominierten Fussball haben.
Das ist einerseits historisch bedingt, weil Frauen erst viel später offizielle Spiele austragen durften. Andererseits gibt es auch strukturelle Probleme: Frauenteams müssen oft zu schlechten Spielzeiten spielen, müssen wegen fehlendem oder niedrigem Lohn nebenbei arbeiten – das erschwert es natürlich, den Frauenfussball bekannter und attraktiver zu machen. Frauen werden im Fussball aber immer mehr akzeptiert. Natürlich wünschte ich mir, dass es den Vorfall in Paris nicht gegeben hätte. Der Shitstorm kann aber den Effekt haben, dass mehr Leute für das Thema sensibilisiert werden – gerade wenn Grössen wie Tennisstar Andy Murray sagen, dass das nicht okay war.


Sarah Akanji spielt beim FC Winterthur, hat einen Bachelor in Geschichte und Politik und kandidiert 2019 für die SP Winterthur für den Kantonsrat. Ihr Bruder Manuel ist Verteidiger bei Borussia Dortmund und in der Schweizer Nationalmannschaft. (Bild: Nathalie Guinand)

Sie setzen sich schon länger für die Gleichberechtigung ein. Müssen Sie oft gegen die gängigen Vorurteile ankämpfen, wonach Frauenfussball unattraktiv ist und fast nur von Lesben betrieben wird?
Viele dieser Vorurteile kommen von Menschen, die selbst noch nie ein Frauenfussballspiel gesehen haben oder bei denen dies schon Jahre her ist. Der Frauenfussball hat sich in den letzten Jahren extrem entwickelt und wird sich in den nächsten Jahren noch mehr professionalisieren. Und es ist doch wunderbar, dass beim Frauenfussball eine Offenheit und Toleranz besteht und Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Ausrichtungen willkommen sind.

Wurden Sie als Sportlerin auch schon auf Ihr Äusseres reduziert und sexistisch angefeindet?
Natürlich. Diese Menschen haben aber nicht verstanden, dass es mir beim Fussballspielen nicht um mein Äusseres geht. Ich spiele, weil ich den Fussball liebe, weil ich Spass habe und mich herausfordern und besser werden möchte. Wie ich dabei aussehe, ist mir völlig egal. Sexismus gibt es im Fussball leider oft. Es ist eine veraltete Vorstellung, dass nur Männer guten Fussball spielen können. Viele tun sich aber immer noch schwer damit, Frauen mit Fussball zu verbinden, weil das in den meisten Köpfen nicht die Norm ist. Bei vielen Männern ist noch nicht angekommen, dass eine Frau gut spielen oder einen anderen «männlichen» Job ausüben kann. Meiner Meinung nach ist es logisch, dass Taktik, Spielverständnis, mentale Stärke oder Technik nicht an das Geschlecht gebunden sind.

Sie haben sich über Jahre für ein Frauenteam in Winterthur starkgemacht, bis der FCW schliesslich eines gründete, das Sie nun in der 1. Liga als Captain anführen. Welche Widerstände mussten Sie überwinden?
Das Ganze war mit viel Aufwand verbunden, denn es braucht gewisse Ressourcen für ein neues Team. Oft hörte ich, dass wir ja in Winterthur und Umgebung schon Frauenteams hätten und es keines mehr brauche. Mir ging es aber nicht um Breitensport, sondern um eine Equipe, die gezielt gefördert wird, mit dem Ziel, sich im Spitzenfussball zu etablieren. Für Junioren und Männer gibt es in Winterthur eine schweizweit bekannte Förderung – es war Zeit, dass auch Frauen diese Möglichkeit erhalten.

Was wünschen Sie dem Frauenfussball generell?
Dass er in der Gesellschaft mehr Akzeptanz erhält, dass Vereine Juniorinnen und Frauen fördern und Platz für sie schaffen. Ich finde das auch relevant für die Zukunft, weil es immer mehr Mädchen gibt, die spielen. Umso wichtiger ist es, ihnen den nötigen Raum dafür zu lassen.

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(kai)