Traditionsverein am Abgrund

24. Juni 2011 16:04; Akt: 24.06.2011 16:46 Print

«Töte oder stirb»

Nur ein Wunder kann River Plate Buenos Aires vor dem erstmaligen Abstieg noch retten. Die argentinischen Fans drehen vor dem entscheidenden Spiel total durch.

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River-Plate-Fans rasten aus.

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Fussball in Argentinien ist Religion. Und wenn es um den Traditionsverein River Plate aus Buenos Aires geht, dann hört der Spass definitiv auf. Es gibt weltweit kaum ein Derby, das mehr elektrisiert als das Duell zwischen River Plate und Maradona-Klub Boca Juniors. Erstmals in der 70-jährigen Geschichte der Primera División droht jetzt in der neuen Saison, dass der «Superclásico» nicht mehr stattfindet. Denn River steht in der 110-jährigen Geschichte des Vereins vor dem ersten Abstieg. Einzig Boca und Independiente Avellaneda dürfen sich bisher ebenfalls noch «unabsteigbar» nennen. In der Schweiz ist dies beispielsweise seit Servettes Konkurs 2004 – oder allerspätestens seit 2010 und dem Verlust des inoffiziellen «Unabsteigbar»-Titels von Aarau - bekanntlich kein Team mehr. Doch zurück nach Argentinien.

Die Meisterschaft im Land der Gauchos wird halbjährlich ausgetragen. Für den Abstieg werden jeweils die Punkteschnitte der letzten drei Spielzeiten berechnet. Was vor zwei Monaten noch niemand geahnt hätte, wurde dabei Tatsache: River Plate gewann keine der letzten sieben Partien und musste in die Barrage gegen Belgrano Córdoba. Zum Schrecken aller verloren die «Millionarios», wie das Team genannt wird, das Hinspiel auswärts mit 0:2. Ein unnötiger Handelfmeter (25.) und ein Treffer nach einem Eckball (50.) besiegelten das Schicksal des Weltpokalsiegers von 1986.

Chaoten stellten Spieler während der Partie

Dies liess bei einigen Hinchas, wie die Fans in Argentinien genannt werden, die Sicherungen durchbrennen. Vermummte stürmten das Spielfeld und pöbelten die eigenen Spieler an. Die Attacken richteten sich vor allem auf Abwehrspieler Adalberto Román, welcher den Elfmeter zum 0:1 verschuldet hatte. Die Partie musste 20 Minuten unterbrochen werden, bevor die Sicherheitskräfte wieder für Ordnung gesorgt hatten. (Video unten)

Die Nerven liegen beim Traditionsverein jetzt natürlich blank. Wie üblich fordern die Fans die Rücktritte des Präsidenten Daniel Passarella und des Trainers José Lopez. Ob das noch etwas bringen würde? Die entscheidenden Fehler des Niedergangs begingen wohl vor allem die Vorgänger der aktuellen Amtsinhaber. Der Verein wendete sich mit einer Mitteilung an die Anhänger: Es tue allen leid, für die aktuelle Lage, aber man werde alles daran setzen, das Schlimmste zu verhindern. Der 33-fache Meister bereitet sich aktuell aussserhalb der Hauptstadt auf das entscheidende Rückspiel vom Sonntag um 15 Uhr vor.

Fans wollten Stadion stürmen

Den eigenen Anhängern konnten sie sich aber nicht entziehen: Rund 500 von ihnen protestierten am Trainingsgelände und schüchterten die Profis mit einer unmissverständlichen Banner-Aufschrift ein: «Töte oder stirb.» Zudem versuchten am Donnerstag hunderte Aficinoados das (leere) Stadion «El Monumental» zu stürmen. Die Polizei konnte dies verhindern.

Trotzdem herrscht in Buenos Aires natürlich Ausnahmezustand. Es wurde diskutiert, ob das Rückspiel vor leeren Rängen stattfinden soll, doch dies dürfte nur noch mehr Öl ins Feuer giessen. Aufgrund der explosiven Stimmung wurden 2500 Sicherheitskräfte für das entscheidende Duell aufgeboten. Das sind rund doppelt so viele wie bei einem Derby gegen Boca. Und im Vergleich zum Superclásico sind Spiele zwischen Basel und Zürich ein Kindergeburtstag. Carlos Carpaneto, Journalist bei der vielbeachteten Sportzeitung «Olé», meinte zur Ausgangslage vielsagend: «Wenn es mit 3000 River-Fans im Stadion von Belgrado schon zu einem Chaos kam, dann stellen sie sich mal vor, was mit 55 000 Hinchas (Fans) los sein wird.»

River-Plate-Fans stürmen den Platz

(Quelle: YouTube)

(fox)