Fanrandale in Buenos Aires

26. November 2018 18:10; Akt: 27.11.2018 08:09 Print

Verschwörungstheorien nach dem Skandal

von Fabian Sangines - Auffällig schlecht geschützte Spieler und eine gebrochene Vereinbarung. Die neusten Erkenntnisse im Chaos um den Final der Copa Libertadores.

Chaos vor dem Final-Rückspiel der Copa Libertadores zwischen River Plate und Boca Juniors. Video: Tamedia. AFP, Storyful und Twitter
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Die Sicherheitsvorkehrungen waren schon sehr dilettantisch. Als der Mannschaftscar von Boca Juniors in Richtung Estadio Monumental abbog, warteten Hunderte River-Fans. Die heissblütigen Anhänger wollten dem Stadtrivalen aus Buenos Aires vor dem Final-Rückspiel der Copa Libertadores mal wieder mitteilen, was sie von ihm halten. Mit Steinen, Flaschen und Holzgegenständen. Und sie hatten überraschend leichtes Spiel.

Im Gegensatz zu bisherigen «Superclásicos» hinderten weder Absperrungen noch erhöhte Polizeipräsenz die Chaoten daran, Bocas Teambus anzugreifen. Gemäss dem Newsportal «Infobae» war die Kommunikation der Polizisten ausserdem höchst ungenügend. So blieben Funksprüche aus, mit denen sich die verschiedenen Einheiten gegenseitig informieren, wo sich der Car gerade befindet – obwohl das Protokoll dieses Vorgehen vorschreibt. Fahrer Dario Ebertz erzählt dem TV-Sender Tyc Sports: «Ich dachte, an dieser Wand von River-Fans komme ich niemals vorbei.»

Razzia am Freitag

Auch Boca-Präsident Daniel Angelici war fassungslos ob des Mangels an Sicherheit. Das notabene für ein Spiel, vor dem Kardiologen im Vorfeld vor einem 30 Prozent höheren Herzinfarktrisiko warnten. Ein Spiel zwischen Teams, deren Fans schon mehrere tödliche Auseinandersetzungen hatten. Und ausgerechnet einen Tag nachdem bei einer Razzia beim Chef von Rivers Ultra-Gruppierung «Borrachos del Tablón» (die Besoffenen von der Tribüne) über 300 Tickets, die auf dem Schwarzmarkt hätten verkauft werden sollen, und sieben Millionen Pesos (ca. 185'000 Franken) beschlagnahmt wurden. «Niemand ist so naiv, zu glauben, dass diese beiden Vorfälle in keinem Zusammenhang zueinander stehen», sagt Horacio Rodriguez Larreta, Regierungschef von Buenos Aires. Normalerweise sind zwei Stunden vor Spielbeginn die meistens Fans schon im Stadion und singen sich warm. «Jetzt hatten wir 300 Menschen, die das Spiel im Stadion schauen wollten, aber nicht reinkonnten. Diese verursachten dann die Krawalle», erklärt Rodriguez Larreta.

Video: Fans reagieren auf Absage

Gespaltene Meinungen in Buenos Aires, nachdem die Partie zwischen Boca und River abgesagt werden musste. Video: Tamedia/AFP

Wieso also diese jämmerlichen Sicherheitsvorkehrungen, für eine Partie, die in Argentinien als «Jahrhundertspiel» angepriesen wurde? In Argentinien ist allen klar, dass unter diesen Voraussetzungen etwas passieren musste. Und viele sind sich einig, dass es sich eher um ein abgekartetes Spiel handelt als um einen fatalen Fehler der Sicherheitsverantwortlichen. Insbesondere bei River Plate glauben sie, dass das schlampige Vorgehen eine Spielabsage geradezu provozieren sollte und dieser Plan von ganz oben abgesegnet wurde. Staatspräsident Mauricio Macri ist ein bekennender Boca-Fan und war von 1995 bis 2007 gar Präsident des Vereins.

«Das ist Verrat!»

Dazu passt diesen Verschwörungstheoretikern das Vorgehen von Angelici. Noch am Samstagabend präsentierte er sich im Einklang mit Präsidentenkollege Rodolfo D'Onofrio von River Plate. Die Spielverschiebung auf den Sonntag sei eine Abmachung unter Gentlemen. Mit dieser Harmonie war es dann rund zwölf Stunden später vorbei, als Angelici bei Südamerikas Fussballverband Conmebol Protest einlegte und den Forfaitsieg verlangte. «Eigentlich bin ich dafür, dass Fussballspiele auf dem Platz entschieden werden sollen. Aber ich verlange auch, dass die gleichen Regeln für alle gelten», teilte Angelici der Öffentlichkeit mit. Er spielte auf den Vorfall von 2015 an: Damals führte eine Tränengas-Attacke von Boca-Fans auf River-Spieler zum Spielabbruch. Boca Juniors verlor das Achtelfinal-Rückspiel der Copa Libertadores Forfait und wurde aus dem Wettbewerb ausgeschlossen.

Video: Party im Abschlusstraining

So feierten die Boca-Fans ihr Team am Donnerstag im offenen Training. Video: Tamedia/Youtube

Dass sich Argentiniens aktueller Meister nur einen Tag nach dem Gentlemen-Agreement der beiden Vereinsbosse weigerte anzutreten, stiess D'Onofrio sauer auf. Gemäss der argentinischen Sportzeitung «Olé» habe er gepoltert, als er davon erfuhr, dass Boca den Sieg am grünen Tisch will: «Das ist Verrat!» Angelici hingegen rechtfertigte sich damit, dass er bevorzuge zu spielen, seinem Verein gegenüber aber eine Verpflichtung habe. Und reglementarisch sehen sich die «Xeinense» im Recht: Gemäss Artikel 18 muss die Sicherheit des Gästeteams in und ums Stadion gewährleistet sein. Als Strafe ist von Geldbusse bis mehrjährigem Ausschluss aus dem Wettbewerb alles möglich. Auch Brasiliens Weltmeister-Trainer von 2002 und aktueller Coach von Palmeiras, Luis Felipe Scolari, sagte: «Boca Juniors sollte forfait gewinnen. Es war auch am Sonntag unmöglich für sie, Fussball zu spielen.»

Spielen sie? Wenn ja: Wann? Wo?

Ein Entscheid, ob und wann die Partie doch noch stattfindet, wird am Dienstag erwartet. Dann ist eine Besprechung der Vereinsverantwortlichen mit der Conmebol geplant. Neben dem rechtlichen Seiltanz gibt es auch terminliche Probleme. Vom 30. November bis 1. Dezember findet der G-20-Gipfel in Buenos Aires statt. Die Polizei wird für die nächste Woche also komplett ausgelastet sein. Und am 12. Dezember beginnt die Club-WM in den Vereinigten Arabischen Emiraten – dann müsste eines der beiden Teams als Südamerika-Vertreter teilnehmen. Neu dazugekommen sind Vorschläge, wonach der Superclásico ausserhalb von Buenos Aires stattfinden soll. Neben Anfragen aus Asien meldeten sich auch die argentinische Stadt Mendoza und Genua. In der italienischen Hafenstadt fand am Sonntagabend das Stadtderby ohne grössere Ausschreitungen statt.

Der lang erwartete Showdown zwischen Boca Juniors und River Plate bleibt also hoch spannend – leider abseits des Fussballplatzes.

Video: Fansongs beider Lager

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jorge G. am 27.11.2018 01:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fan oder Fanatiker

    So etwas wie diese Fankultur und Leidenschaft werden wir hier in Europa wohl nie verstehen... möglicherweise auch besser so!

    einklappen einklappen
  • Proof am 27.11.2018 10:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Neurales Grund od. ohne Fans

    "Insbesondere bei River Plate glauben sie, dass das schlampige Vorgehen eine Spielabsage geradezu provozieren sollte..." Dann sind sie ja selber Schuld, wenn Sie sich provozieren lassen, ist doch keine Entschuld. oder Begründung um das Gästeteam anzugreifen und verletzten. Wollen die Fussball sehen oder Krieg spielen (gilt für alle weltweit) ? Die Regel besagt: Die Sicherheit des Gastteams muss gewährleisted sein. So lange das bei gewissen Clubs / Derby nicht geht: 1. Neuraler Grund auf anderem Kontinent (in SüdAfrica stehen seit 2010 viele Stadien leer & die verstehen etwas von Fussball-Party) 2. Hin- und Rückspiel im leeren Stadion ohne Fans (wäre sehr schade für die Stimmung) Peace for football

  • marko 33 am 26.11.2018 21:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schrecklich

    Schrecklich

Die neusten Leser-Kommentare

  • Groundhopper am 28.11.2018 19:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    legalize it

    Und in der Schweiz wird bereits wegen jedem Pyro getäubelet.

  • Jan Stachowski am 27.11.2018 11:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geisterspiele

    Ne leute das kann nicht sein ....... es geht nur um Fußball fan kultur hin oder her es gibt nur eins 20 geisterspiele auf neutralem boden für beide Mannschaften Nicht im fernsehn übertragen Das hilft bestimmt

  • Proof am 27.11.2018 10:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Neurales Grund od. ohne Fans

    "Insbesondere bei River Plate glauben sie, dass das schlampige Vorgehen eine Spielabsage geradezu provozieren sollte..." Dann sind sie ja selber Schuld, wenn Sie sich provozieren lassen, ist doch keine Entschuld. oder Begründung um das Gästeteam anzugreifen und verletzten. Wollen die Fussball sehen oder Krieg spielen (gilt für alle weltweit) ? Die Regel besagt: Die Sicherheit des Gastteams muss gewährleisted sein. So lange das bei gewissen Clubs / Derby nicht geht: 1. Neuraler Grund auf anderem Kontinent (in SüdAfrica stehen seit 2010 viele Stadien leer & die verstehen etwas von Fussball-Party) 2. Hin- und Rückspiel im leeren Stadion ohne Fans (wäre sehr schade für die Stimmung) Peace for football

  • Jorge G. am 27.11.2018 01:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fan oder Fanatiker

    So etwas wie diese Fankultur und Leidenschaft werden wir hier in Europa wohl nie verstehen... möglicherweise auch besser so!

    • Christan Ott am 27.11.2018 04:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Jorge G.

      Ich sehe hier weder Kultur, noch Leidenschaft, sondern nur Gewalt und Anarchie.

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  • Zher am 27.11.2018 00:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    stadion

    die sollen im neuen hardturm spielen..