Unser Mann an der EM

08. Juni 2012 08:57; Akt: 08.06.2012 09:47 Print

«Wir Schweizer sind eben Einzelkämpfer»

von Philipp Dahm - Wenn Polen gegen Griechenland die Euro eröffnet, beginnt für Sascha Ruefer in Warschau ein Marathon: Der SF-Kommentator über Vorbereitungen, Favoriten und fatale Fehler.

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- Jugoslawien 2:1 (1:1,0:1) n.V. - 18 000 Zuschauer. - SR Ellis (Eng). - Tore: 41. Galic 0:1. 49. Metreweli 1:1. 113. Ponedjelnik 2:1. 21. Juni - Sowjetunion 2:1 (1:1). - 115 000 Zuschauer. - SR Holland (Eng). - Tore: 7. Pereda 1:0. 9. Tschusajnow 1:1. 84. Marcelino 2:1 6. Juni - Jugoslawien 1:1 (1:1,0:1) n.V. - 80 000 Zuschauer. - SR Dienst (Sz). - Tore: 39. Dzajic 0:1. 82. Domenghini 1:1. - Wiederholungsspiel: 2:0 für Italien. 18. Juni - Sowjetunion 3:0 (1:0).- 45 000 Zuschauer. - SR Marschall (Ö). - Tore: 27. Gerd Müller 1:0. 52. Wimmer 2:0. 58. Gerd Müller 3:0. 20. Juni - Deutschland 2:2 (2:2,2:1) n.V.; Tschechien 5:3-Sieger im Penaltyschiessen. - 35 000 Zuschauer. - SR Gonella (It). - Tore: 8. Svehlik 1:0. 25. Dobias 2:0. 28. Dieter Müller 2:1. 90. Hölzenbein 2:2. 22. Juni - Belgien 2:1 (1:0). - 47 800 Zuschauer. - SR Rainea (Rum). - Tore: 10. Hrubesch 1:0. 72. Vandereycken (Foulpenalty) 1:1. 89. Hrubesch 2:1. 27. Juni - Spanien 2:0 (0:0). - 47 368 Zuschauer. - SR Christov (Tschechoslowakei). - Tore: 57. Platini 1:0. 90. Bellone 2:0. 25. Juni - Sowjetunion 2:0 (1:0). - 74 000 Zuschauer. - SR Vautrot (Fr). - Tore: 33. Gullit 1:0. 54. Van Basten 2:0. 26. Juni - Deutschland 2:0 (1:0). - 37 800 Zuschauer. - SR Galler (Sz). - Tore: 19. Jensen 1:0. 79. Vilfort 2:0. 30. Juni - Tschechien 2:1 (1:1,0:0) n.V. mit Golden Goal. - 76 000 Zuschauer. - SR Pairetto (It). - Tore: 59. Berger (Foulpenalty) 0:1. 73. Bierhoff 1:1. 95. Bierhoff 2:1. 2. Juli - Italien 2:1 (1:1,0:0) n.V. mit Golden Goal. - 49 000 Zuschauer. - SR Frisk (Sd). - Tore: 55. Delvecchio 0:1. 94. Wiltord 1:1. 103. Trezeguet 2:1. 4. Juli - Portugal 1:0 (0:0). - 62 865 Zuschauer. - SR Merk (De). - Tor: 57. Charisteas 1:0. 29. Juni 0:1 (0:1). - 51 428 Zuschauer (ausverkauft). - SR Rosetti (It). - Tor: 33. Torres 0:1.

Die Bildstrecke: Die bisherigen Europameister

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20 Minuten Online: Herr Ruefer, wer wird Europameister?
Sascha Ruefer:
Das ist eine Frage, die mir noch bei keinem Turnier so oft gestellt wurde wie dieses Mal. Es wird eine der offensten Europameisterschaften seit langem. Deutschland war für mich lange Nummer eins, aber sie haben Probleme in der Innenverteidigung. Die Portugiesen waren in letzter Zeit auch nicht so das Wahre. Wie man Spanien stoppen kann, hat Inter in der Champions League gegen Barcelona gezeigt. Das bringt mich unweigerlich zum ewigen Favoriten Holland. Ich habe am Wochenende das Spiel gesehen: Die Mannschaft hat sich unter Bert van Marwijk entwickelt, hat grosse Offensiv-Power und wird für mich ganz oben mitspielen.

Gilt für Fussball-Kommentatoren ein Neutralitätsprinzip?
Jeder Kommentator hat natürlich eine gewisse Affinität zu gewissen Mannschaften und man muss auch Fan sein können, aber spätestens, wenn du vor dem Mikrofon sitzt, musst du neutral sein. Ich glaube, bei Welt- und Europameisterschaften merkt der Zuschauer kaum, auf welcher Seite man steht, weil es «die Seite» nicht gibt. Ich habe schon in Griechenland Ferien gemacht, aber wenn ich das Eröffnungsspiel gegen Griechenland kommentiere, würde ich deshalb keine Sympathien ausleben. Ich behaupte von mir, dass ich sehr neutral bin.

Lesen Sie die Kritiken, wenn Sie trotzdem einmal eine Seite vergrätzen?
Ich erinnere mich noch gut an die WM 1998 in Frankreich, als ich angefangen habe. Zwei Wochen waren die Zeitungen voll mit Kritiken: Die eine Hälfte fand es Weltklasse, die andere sagte: Setzt ihn wieder ab! Ich hatte Mühe mit der öffentlichen Kritik, aber mittlerweile ist es so, dass ich mich während dieser Grossereignisse auf die Arbeit konzentriere. Ich lese natürlich Zeitungen, aber die Leserbriefe dürfen mich nicht mehr tangieren.

Welche Kritik nehmen Sie an?
Ich habe mir im Umfeld eine Art Kritiker-System aufgebaut, neutrale Beobachter: Ich habe zum Beispiel Trainer aus der Super League gebeten, zuzuhören und mir Feedback zu geben, ich habe Kritiker meiner Arbeit gefragt und höre konstruktiven Vorschlägen gern zu. Und letztlich haben wir auch intern eine Art Monitoring. Nur Leute zu fragen, die einem wohlgesinnt sind, ist genau so falsch, wie nur auf die Kritiker zu hören. Sachkompetenz und ein gewisser Abstand sind wichtig: Die Leute dürfen dir nicht sagen, dass du der Beste bist.

Und der Endverbraucher?
Meine E-Mail und mein Facebook-Account sind öffentlich. Wenn dort jemand konstruktive Kritik übt, nehme ich das gerne auf.

In Deutschland arbeiten Assistenten, unter ihnen auch Fussball-Trainer, den Kommentatoren zu. Bei Ihnen auch?
(lacht) Ein Deutscher hat auch kein Sackmesser in der Hose. Wir Schweizer sind dazu geboren, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, wir sind Einzelkämpfer.

Warum gibt es das nicht in der Schweiz?
Im Ernst: Es wäre ein Weihnachtsgeschenk, aber es ist ein Luxus, den wir uns nicht leisten müssen. Beni Turnheer hat 35 Jahre lang ohne Assistenten kommentiert. Heute ist das durch elektronische Systeme einfacher geworden.

Wie sieht die typische Vorbereitung am Spieltag aus?
Spätestens nach der Gruppenauslosung schauen wir, was die Mannschaft in der Vorbereitung gemacht und welche Spieler sie eingesetzt hat. Das hielt sich aber in Grenzen, weil das definitive Kader erst am 29. Mai stand. Die akribische, intensive Vorbereitung begann danach. Am Spieltag selbst kann man nicht mehr viel vorbereiten, die Arbeit musst du vorher gemacht haben: Kader-Listen zusammenstellen, Details recherchieren, viel lesen.

Werden Sie Zeit haben, sich die Gastgeber-Länder anzuschauen?
Ich fliege am 5. Juni nach Warschau und ab dem Viertelfinale bin ich in der Ukraine. Viel Zeit, mir die Länder anzuschauen, werde ich nicht haben. Das ist ja auch nicht der Auftrag. Als Journalist muss ich aber wissen, was in diesen Ländern passiert. Ich werde wenn möglich auch mal in die Stadt gehen, den Leuten zuhören und mit ihnen reden, Sightseeing liegt nicht drin.

Was halten Sie von Boykott-Forderungen wegen der Lage in der Ukraine?
Ich will nicht politisieren, auch wenn ich die Proteste durchaus nachvollziehen kann. Ich finde es auch gut und wichtig, wenn sich Fussballer dazu äussern. Bei mir als Sport-Journalist ist das anders: Was kann ich mich einmischen, wenn ich am Mikrofon bin und mich auf das Match konzentriere?

Also keine Politik?
Ich verschliesse meine Augen nicht. Deshalb will ich mit den Leuten im Land reden und wenn es dort Informationen gibt, gebe ich die auch weiter.

Die Fernsehbilder werden von der UEFA bereitgestellt, die nur die Sonnenseiten des Turniers zeigt. Kann der Kommentator das Bild geraderücken?
Das ist ein ganz wichtiger Punkt: Als Kommentator bin ich für die SRG im Einsatz und in erster Linie 100 Prozent Sport-Journalist. Ich bin der Stellvertreter vom Zuschauer im Stadion und werde dort direkt weitergeben, was ich sehe. Ich bin mir bewusst, dass die UEFA beispielsweise keine Bilder von Pyros zeigen würde, aber dann bin ich da und kann sagen: Auch wenn sie es zu Hause nicht sehen – wir haben deswegen einen Unterbruch.

Glauben viele Leute, dass Sie die Spiele von Zürich aus kommentieren?
Nein, ich kenne es eher umgekehrt. Die Leute gehen davon aus, dass wir im Stadion sind und sind dann bei Champions-League-Spielen überrascht, wenn es mal nicht so ist. Grundsätzlich sind wir aber vor Ort. Das wird auch bei der EM der Fall sein.

Was ist Ihr grösster EM-Alptraum?
Ein ganz grosser Fauxpas ist, wenn du deinen Flug verpasst und nicht rechtzeitig im Stadion bist. Alles andere kannst du irgendwie korrigieren. Ich erinnere mich an die EM 2000, als ein Kollege bei einem England-Spiel zu mir kam, der die falschen Mannschaften vorbereitet hatte. Aber das ist kein Fauxpas, das ist dumm.

Werden Sie auch mal ein Weizenbier mit ARD-Kommentator Waldemar Hartmann trinken?
(lacht) Nein, das Turnier ist wirklich Arbeit. Mit Kollegen rede ich meistens im Stadion.

SF2 überträgt alle 31 Partien des Turniers live. Neben Sascha Ruefer werden Bernard Thurnheer, Dani Kern und Dani Wyler kommentieren. Mehr Informationen finden Sie hier.