Dorfposse

01. Dezember 2011 13:34; Akt: 01.12.2011 13:35 Print

«Wir haben die rote Karte erhalten»

von Klaus Zaugg - Die Schweizer Frauen-Fussball-Nationalmannschaft ist in Huttwil nicht mehr erwünscht. Der Sportzentrum-Besitzer Markus Bösiger hat die Mädchen ausgesperrt.

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Die Frauen-Fussballnati kann in Huttwil nicht mehr trainieren. (Bild: Keystone)

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Lichterlöschen in der Frauen-Fussballakademie im Nationalen Sportzentrum zu Huttwil: Die Fussballmädchen dürfen die Anlage nicht mehr benützen. Die Krisendiplomatie von Huttwils Gemeindepräsident Hansjörg Muralt endete in einer Provinzposse.

Das Finale beginnt am Dienstag. Nationaltrainerin Béatrice von Siebenthal will gerade auf dem Gelände des Sportzentrums mit dem Mittags-Training beginnen. Da kommt Event-Manager Michael Schütz und weist die Trainerin und ihre 18 Mädchen vom Feld: Sie dürfen per sofort die Fussballplätze, Garderoben, Büros, Sitzungsräume und sonstigen Infrastrukturen des Sportzentrums nicht mehr betreten. Diese Wegweisung wird ohne Widerrede hingenommen.

Knatsch zwischen Gemeinderat und Anlagenbesitzer

Was ist passiert? Der Gemeinderat von Huttwil hat den alleinigen Sportzentrum-Besitzer Markus Bösiger nachhaltig verärgert und damit das Ende der Fussball-Akademie mitverschuldet. «Einzelne Gemeinderatsmitglieder haben in den Medien den Sachverhalt um die Vertragssituation mit dem Fussballverband im Sportzentrum falsch dargestellt», sagt Bösiger. Gemeindepräsident Hansjörg Muralt wehrt sich und wirkt dabei etwas hilflos: «Die Vertragspartner sind der Fussballverband und Markus Bösiger. Woher sollten wir genau wissen, was zwischen diesen beiden Parteien läuft?» Nun, dann hätte man halt besser nichts gesagt.

Als erste Reaktion sperrt Bösiger am Dienstag also die Fussball-Mädchen per sofort aus dem Sportzentrum aus. Gemeindepräsident Muralt eilt das Tal hinab nach Langenthal an Bösigers Firmensitz um eine Lösung zu finden. Bösiger und Muralt setzen sich an den Tisch und handeln eine Vereinbarung aus: In einer Medienmitteilung soll die Situation korrekt dargestellt werden. Das Sportzentrum bleibt für die Fussballmädels so lange gesperrt bis das Papier erstellt und über die Presse und den lokalen Rundfunk verbreitet ist.

Wer soll das bezahlen?

Und damit beginnt eine Posse mit Auswirkungen auf die nationale Fussballszene. Gemeindepräsident Muralt hätte für das Abfassen der Medienmitteilung gerne den Chronisten des Lokalblattes «Der Unter Emmentaler« beauftragt («weil der das wohl gratis gemacht hätte»). Bösiger will hingegen einen Profi und den Auftrag an seinen ehemaligen Kommunikationschef Walter Ryser vergeben. Er verweist darauf, dass das etwas kosten werde. «Muralt versicherte mir, dass die Sache an den Kosten nicht scheitern werde, notfalls übernehme er das.»

Am nächsten Tag, am Mittwoch, kommt der Kostenvoranschlag von Walter Ryser. Er fordert für die hochheikle papierene Friedensmission 400 Franken Honorar. So viel Geld will, kann oder darf der Huttwiler Gemeindepräsidenten nun offenbar nicht ausgeben («dazu habe ich keine Kompetenz»). Er ist sowieso der Meinung, Ryser könne ja dann einen Bericht für die Zeitungen schreiben und bekomme dafür ein Honorar und müsse nicht extra bezahlt werden. Gemeindepräsident Muralt will allerhöchstens die Hälfte der Kosten, also 200 Franken, übernehmen («das finde ich eine faire Lösung und ich hatte nie zugesichert, alle Kosten zu übernehmen»).

Damit ist das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Bösiger ist ob dieser «Krämerhaltung» so erbost, dass er alle Verhandlungen sofort abbricht und die «Übung Medienmitteilung» abbläst. Das Sportzentrum bleibt damit für die Fussball-Mädchen wohl bis zum jüngsten Tag verbotenes Terrain. Es ist nach sieben Jahren das Ende der Frauen-Fussballakademie zu Huttwil.

Die Huttwiler Krisendiplomatie ist vordergründig also an 400 Franken Honorar für eine Medienmitteilung gescheitert. Bei einem Gemeindebudget von 27,5 Millionen Franken. Hintergründig offenbart die neuste Folge dieser «Sport-Lindenstrasse» den Kern des ewigen Konfliktes, der schon zur Auflösung des sportlichen NLB-Aufsteigers (Huttwil Falcons) und zur Schliessung der Eishalle geführt hat: Bösiger ist erfolgreicher Unternehmer und ein international erfolgreicher Rennfahrer (früher Seitenwagen, heute Lastwagen). Er ist gewohnt, gerade Kampflinien mit Kollisionsrisiko zu fahren. Die Huttwiler Lokalpolitiker pflegen hingegen eher die hohe politische Kunst der Kurz-, Quer-, Diagonal- und Rückpässe, der Spielverzögerung und der Offsidefalle. Zwei Kulturen, die nicht miteinander auskommen kommen.

«Wir haben die rote Karte erhalten»

Der Fussballverband SFV hat von den neusten Eskapaden Kenntnis und das Geschäft am Mittwoch zuoberst auf die Traktandenliste der Geschäftsleitungssitzung gesetzt. Kommunikationsdirektor Marco von Ah sass mit am Tisch und bestätigt 20 Minuten Online die Aussperrung der Mädchen. «Wir haben sozusagen die rote Karte erhalten. Den Entscheid von Markus Bösiger akzeptieren wir so und unternehmen dagegen keine rechtlichen Schritte.»

Es gehe nun darum, das Schuljahr 2011/12 in Minne zu Ende zu bringen. Damit es für die 18 sehr gut in der Huttwiler Oberstufe und in den Huttwiler Gastfamilien integrierten Mädchen möglichst wenig Unannehmlichkeiten gebe.

Dringendste Aufgabe ist es, Trainingsmöglichkeiten für die drei Wochen bis zur Winterpause zu finden. Von Ah sagt, man könne ab sofort auf dem Fussballplätzen der Gemeinde trainieren. Das sei deshalb möglich, weil ja die Saison des lokalen Drittligisten SC Huttwil bereits beendet sei. Solange das Wetter trocken bleibe, so von Ah weiter, gebe es keine grösseren Probleme. «Sollte es aber schneien und regnen, dann müssen wir neue Lösungen suchen.» Offen bleibe vorerst, wo nach der Winterpause bis zum Ende des Schuljahres noch trainiert werden könne. Denn die Fussballplätze der Gemeinde entsprechen bei weitem nicht den Anforderungen der Akademie. Zudem fehlen nach der Aussperrung aus dem Nationalen Sportzentrum geeignete Sitzungsräume und eine Turnhalle.

Gemeindepräsident Muralt hofft immer noch auf einen Dialog und eine Rettung des Akademie-Standortes Huttwil. Bösiger aber bekräftigt, dass das Thema Fussballakademie für ihn erledigt ist. Beim Fussballverband lässt sich niemand auf die Äste hinaus, doch aus den verschiedenen Voten ist herauszuhören, dass die Lust, im Huttwiler Sport-Volkstheater weiterhin zum Gaudi der Stammtische eine Hauptrolle zu spielen, nicht mehr gross ist. Im Klartext: Die Fussballakademie dürfte Huttwil nach sieben schönen Jahren spätestens per Ende des Schuljahres bzw. der Saison 2011/12 verlassen. Die Suche nach einem neuen Standort hat bereits begonnen.