Stéphane Henchoz

04. November 2019 18:29; Akt: 05.11.2019 07:34 Print

«Vielleicht sind einige Spieler zu gut bezahlt»

von Moritz Marthaler - Nach seinem Rücktritt bei Sion bemängelt Stéphane Henchoz die Einstellung der Spieler und ihre Kritikfähigkeit. Präsident Constantin kritisiert er nur indirekt.

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Stéphane Henchoz war seit Anfang Saison 2019/20 im Amt. Nach zuletzt fünf Niederlagen in sechs Spielen zieht der ehemalige Nationalspieler die Notbremse. Am 3. November reicht er seinen Rücktritt ein. Für die letzten vier Spiele der Saison 2018/19 übernahm nach der Entlassung von Murat Yakin das Duo Christian Zermatten/Sebastien Bichard. Murat Yakin wurde in Sion noch vor Ende der Saison 2018/19 beurblaubt. Yakin holte in 28 Spielen im Schnitt 1,21 Punkte. Maurizio Jacobacci wurde nach 24 Spielen von Christian Constantin beurlaubt. Klingt nach wenig, ist aber im Constantin-Universum schon fast eine Ewigkeit, wie ein Blick zurück beweist. Okober 2017 - Februar 2018: Gabri, acht Spiele. Juli 2017 - Oktober 2017: Paolo Tramezzani, 16 Spiele. August 2016 - April 2017: Peter Zeidler, 28 Spiele. Dezember 2014 - August 2016: Didier Tholot, 74 Spiele. Juli 2014 - September 2014: Frédéric Chassot, 12 Spiele. Februar 2014 - Juni 2014: Raimondo Ponte, 17 Spiele. Oktober 2013 - Februar 2014: Laurent Roussey, acht Spiele. Mai 2013 - Oktober 2013: Michel Decastel, 19 Spiele. März 2013 - Mai 2013: Arno Rossini, acht Spiele. Januar 2013 - Februar 2013: Victor Muñoz, vier Spiele. Oktober 2012 - Dezember 2012: Pierre-André Schürmann, fünf Spiele. September 2012 - Oktober 2012: Michel Decastel, sieben Spiele. Juni 2012 - September 2012: Sébastien Fournier, acht Spiele. Mai 2012 - Juni 2012: Vladimir Petkovic, vier Spiele. Februar 2011 - April 2012: Laurent Roussey, 54 Spiele. Juli 2010 - Februar 2011: Bernard Challandes, 24 Spiele. April 2009 - Mai 2010: Didier Tholot, 50 Spiele. Dezember 2008 - April 2009: Umberto Barberis, elf Spiele. Juli 2008 - November 2008: Uli Stielike, elf Spiele. März 2008 - Juni 2008: Alberto Bigon, acht Spiele. Dezember 2007 - März 2008: Charly Rössli, zwei Spiele. Februar 2007 - Dezember 2007: Alberto Bigon, 41 Spiele. November 2006 - Februar 2007: Pierre-Albert Chapuisat, drei Spiele. Oktober 2006 - November 2006: Marco Schällibaum, vier Spiele. Juli 2006 - Oktober 2006: Néstor Clausen, vier Spiele. Dezember 2005 - Juni 2006: Christophe Moulin, 23 Spiele. März 2005 - Oktober 2005: Gianni Dellacasa, 15 Spiele. August 2004 - März 2005: Gilbert Gress, zehn Spiele. Juli 2004 - August 2004: Christian Zermatten, zwei Spiele. April 2004 - Juni 2004: Admir Smajic, 71 Tage.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Sie sind beim FC Sion zurückgetreten. Auch, um einer Entlassung zuvorzukommen?
Wer als Fussballtrainer in sechs Spielen nur einen Punkt holt, lebt sehr gefährlich, das weiss ich selber.. Ich als Präsident würde mir das auch überlegen. Aber ich bin aus anderen Gründen zurückgetreten.

Warum?
Weil ich Trainer einer Gruppe von Spielern war, nicht mehr Trainer eines Teams. Einige Fussballer des FC Sion haben die mentalen Grundanforderungen an einen Fussballprofi nicht erfüllt.

Das klingt drastisch. Wer kann denn da gemeint sein?
Es ist mir kein Anliegen, Namen zu nennen. Die Spieler, die es betrifft, wissen das selber. Man weiss schliesslich, ob man alles gegeben hat oder nicht. Im Spiel und im Training.

Wären Sie denn bei einem anderen Club als dem FC Sion mit der gleichen Mannschaft noch im Amt?
Die Situation in Sion ist nicht das Problem, nicht das Umfeld, nicht der Präsident, nicht der Club. Das Problem waren Spieler, welchen es an Persönlichkeit, an Charakter mangelte. Wir hatten keine Spieler mit Führungsqualitäten, oder jene, die dafür geholt wurden, liessen sie vermissen. Es war eine Frage der Mentalität.

Also ist das Team schlecht zusammengestellt?
Wenn man eine Equipe formen will, braucht man Leadership. Man muss Spieler holen, die in dieser Region, für diesen Club alles geben wollen, sich dort heimisch fühlen. Nicht in Zürich, nicht in Genf oder sonstwo.

Das klingt nach vielen Ausflügen
Es gab einfach eine Gruppe im Kader, die nicht bereit war, alles zu geben. Mehr sage ich dazu nicht.

Das Kader befinden Sie aber nach wie vor für gut genug, um in Sion Erfolg zu haben?
Die Qualität ist da. Aber die bringt nichts ohne Kopf und ohne Herz. Das sind Spieler, die sich etwas daraus machen, dass sie noch in der 2. Liga besser waren als Silvan Hefti von St. Gallen. Und was ist jetzt?

Jetzt wurde Sion von St. Gallen überrannt.
Eben. In diesem Spiel wurde so deutlich, was die richtige Arbeitseinstellung im Fussball ausmacht.

Klingt aus Ihnen auch der Frust eines gescheiterten Pädagogen?
Vielleicht. Die Mentalität hat sich geändert, nicht nur im Fussball. Es gelten andere Methoden. Wenn man heute einen Spieler kritisiert, ist das für ihn schon eine Katastrophe.

Es fehlt an Kritikfähigkeit?
Ja! Und die Bereitschaft, aus der Komfortzone zu kommen. Viele Junge träumen vom Ausland, schon bevor sie etwas geleistet haben. Sie sind im Nachwuchskader und schauen sich die grossen Ligen im Fernsehen an. Ich weiss, was es braucht um in der Bundesliga, in der Premier League zu spielen.

Also hatten Sie doch bestimmt kein Glaubwürdigkeitsproblem?
Offenbar war ich nicht glaubwürdig genug.

In jeder Mannschaft gibt es unterschiedliche Charaktere, solche die mehr, solche die weniger Führung brauchen. Wie war das bei Sion?
Einige haben gut gearbeitet! Aber von anderen hätte es mehr bedurft. Man wird sehr gut bezahlt beim FC Sion, dank des Präsidenten. Aber man kann nicht nur das Geld nehmen und damit hat es sich.

Sie sind also zurückgetreten, weil Sie diese Auswahl an Charakteren nicht goutieren?
Ja. Und weil ich sie nicht ändern kann. Niemand kann das jetzt, auch der Präsident nicht.

Ganz konkret: Hat die Installation von Christian Zermatten vergangene Woche nach dem 1:1 gegen Servette etwas gebracht? Fühlten Sie sich da nicht eingeengt?
Nein, überhaupt nicht. Ich verstehe, dass etwas passieren musste. Vier Mal hat der Präsident letzte Woche zum Team gesprochen. Vier Mal! Nichts hat sich geändert. Und ich fand das auch sinnvoll, er wollte helfen.

Indem er sich einmischt?
Er bezahlt die Löhne, er darf das. Übrigens hat er das schon nach dem 3:1-Sieg bei Xamax getan, als wir fast an die Tabellenspitze vorgestossen sind. Er wollte warnen.

Das heisst, vor einem Monat hat noch alles funktioniert. Was ist denn passiert seither? Ist es nur die Genügsamkeit der Spieler?
Ja. Vor einem Monat hat diese Mannschaft Spiele gewonnnen, da wurde einstellungsmässig gut gearbeitet. Aber wenn man gewinnt, denkt man manchmal, es gehe von alleine weiter. Aber das geht nie. Das habe ich versucht zu übermitteln.

Ist es manchmal nicht schade, dass in diesem traditionsreichen, leidenschaftlichen Club FC Sion nachhaltiges Arbeiten und Aufbauen nicht möglich ist?
Diese Frage muss man dem Präsidenten stellen. Mein Problem ist das nicht. Mein Problem war: Warum hat am Ende nicht funktioniert, was am Anfang noch funktioniert hat? Ich finde: alle können beim FC Sion nicht guten Gewissens in den Spiegel schauen. Und einige sind vielleicht zu gut bezahlt.

Wie geht es für Sie jetzt weiter?
Ich lerne aus dieser Erfahrung. Man lernt immer aus schwierigen Zeiten. Auch bei meinem letzten Engagement in Neuenburg (Vertrag wurde nicht verlängert) habe ich viel gelernt. Wenn es einfach und gut läuft, lernt man nichts. Jetzt habe ich zwei gute Erfahrungen gemacht, bin jetzt gut gewappnet für meinen nächsten Klub.

Und wo suchen Sie sich den?
Keine Ahnung, da habe ich noch nicht drüber nachgedacht.

Fussball

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Nando am 04.11.2019 19:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Viel Glück!!!

    Wünsche Henchoz viel Glück für die Zukunft!! Hat in Sion sehr gut gearbeitet, aber mit diesem Kader kannst du Trainer hinstellen bis zum Verzweifeln!!

  • Peter am 04.11.2019 20:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    "Vielleicht einige" ...

    ... die zu gut bezahlt sind? Aus meiner Sicht sind viele/die meisten/alle im Fussball zu gut bezahlt. Sicher werden mir viele das jetzt als Neid vorwerfen. Aber wenn ich sehe was ich jeden Tag leisten muss, dann weiss ich nicht wie die Relation zusammen passt, wenn da Leute in einer Woche teilweise erheblich mehr bekommen als ich als sicher nicht Chat schlecht verdienender Ingenieur in einem Jahr.

  • top trainer am 04.11.2019 20:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Henchoz

    Guter Mann, Constantin sollte besser einmal 5-6 Spieler aus dem Team werfen und dafür Henchoz behalten, aber ist jetzt zu spät. Ich denke, beim FC Sion fehlt ein guter Sportdirektor, welcher eine Truppe zusammenstellt, die als Mannschaft spielt und nicht eine Söldner Truppe. Das ist aber nicht nur beim FC Sion so...

Die neusten Leser-Kommentare

  • MaxLi am 05.11.2019 14:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Für die Fans

    Wenn das stimmt das die Spieler des FC Sion die Einstellung fehlt und sie nur bereit sind 90% zu geben, die Laufbereitschaft fehlt. Wenn sie nicht in der Lage sind alles für den Club zu geben, dann ist es wohl keine Frage das sie zu viel Lohn bekommen. Ich kenne die Saläre nicht die die Spieler beziehen, aber wenn sie nicht bereit sind zu laufen zu kämpfen und auf die Zähne zu beissen auch wenn es einmal nicht gut läuft, dann sind sie auf jeden Fall überbezahlt

  • Phil. am 05.11.2019 13:55 Report Diesen Beitrag melden

    Nächster Versuch...

    Nur gutes Geld bei Erfolg, sonst behandeln wie Normalverdiener. Vielleicht hilft auch ein Trainer wie Magath!( Zuckerbrot und Peitsche)

  • Georges Cacco am 05.11.2019 13:14 Report Diesen Beitrag melden

    Lieber Herr Constantin ich habe da so

    ein Eindruck. Liegt die tiefe Leistung des Teams nicht vielleicht an den vielen Trainerwechsel? Mir als Spieler würde das total auf die Eier gehen.

  • frankG. am 05.11.2019 12:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    "MillionenLöhne"

    Was kann man gegen die übertriebenen, hohen Löhne im Sport unternehmen?

  • Kasamiausderliga am 05.11.2019 12:12 Report Diesen Beitrag melden

    Wetten,

    Er meint unter anderem Kasami? Denn der war letztens in Zürich (habe mit ihm geredet) und ist ein absoluter Showfussballer. Er ist einer von diesen Typen, die meinen sie seien weltklasse. Ist er aber nicht. Nur die Arroganz und die Genugtuung sind 10/10. Der Rest zwischen 2-5. Das reicht halt nicht. Nur kapiert er das nicht. Oder will es nicht kapieren. Henchoz kann einem Leid tun.