«Wunder von Sofia»

25. März 2011 12:20; Akt: 25.03.2011 13:08 Print

Als die Schweizer Nati das Siegen lernte

von Peter Blunschi - Kubilay Türkyilmaz schoss die Schweiz 1991 in Bulgarien zum Sieg. Das «Wunder von Sofia» war eine epochale Wende – von da an glaubten die Schweizer an sich.

Die Highlights des denkwürdigen Spiels. (Video: YouTube)
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Es war eines jener Fussballspiele, die man nie vergisst, wenn man sie gesehen hat. Am 1. Mai 1991 traf die Schweiz im Nationalstadion von Sofia auf Bulgarien. Es ging um die Qualifikation für die Europameisterschaft 1992 in Schweden. Die Ausgangslage war exakt gleich wie heute: Beide Mannschaften mussten gewinnen, um ihre Chance zu wahren.

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Die Schweizer allerdings hatten längst verlernt, wie sich die Teilnahme an einem grossen Turnier anfühlt. Letztmals waren sie an der WM 1966 in England an einer Endrunde dabei gewesen. Im folgenden Vierteljahrhundert wurden «ehrenvolle Niederlagen» zum höchsten der Gefühle für die Nati. Wenn es um die Wurst ging, versagte sie regelmässig und teilweise jämmerlich. So auch zwei Jahre zuvor in der Qualifikation für die WM 1990 in Italien.

Neuanfang mit Stielike

Es folgte wieder einmal ein Neuanfang. Der ehemalige deutsche Weltklasse-Verteidiger Uli Stielike wurde zum Nationalcoach ernannt. Er hatte zuletzt bei Neuchâtel Xamax gespielt. Stielike war ein Trainer-Greenhorn, doch mit seiner unverbrauchten Art sorgte er für frischen Wind. Im Angriff, einer notorischen Schwachstelle des Schweizer Fussballs, war mit Stéphane Chapuisat, Adrian Knup und Kubilay Türkyilmaz zudem eine neue, (tor)hungrige Generation angetreten. Sie spielte frech und selbstbewusst.

Die Chancen in Bulgarien standen also nicht schlecht, zumal die Schweiz das Heimspiel im September 1990 mit 2:0 gewonnen hatte. Doch vorerst kam alles wie gehabt. In der ersten Halbzeit spielten die Bulgaren, angeführt vom jungen Krassimir Balakov und angetrieben vom fanatischen Publikum, den Gegner an die Wand. Schon nach 27 Minuten stand es 2:0. Für die Schweiz-Fans war es ein Déjà-vu. Same Procedure as every Year…

Türkyilmaz zündet den Turbo

Was dann folgte, hatte niemand erwartet. In der Pause zeigten sich die Spieler entschlossen, sich «nicht abschlachten» zu lassen. Mit einem neuen Selbstbewusstsein kehrten sie auf den Rasen zurück. Zwei Treffer von Adrian Knup in der 59. und 85. Minute brachten den Ausgleich. Die Bulgaren waren perplex, sie hatten sich bereits als Sieger gefühlt. Nun drückten sie vehement auf das Schweizer Tor und liefen prompt in einen «tödlichen» Konter.

In der 90. Minute spielte Marc Hottiger den Ball zu Kubilay Türkyilmaz. Der als lauffaul bekannte Tessiner rannte wie ein Berserker aus der eigenen Platzhälfte los, umkurvte den bulgarischen Goalie Boris Michailov und traf zum 3:2. Der Jubel auf dem Platz war unbeschreiblich, und die Zuschauer daheim am Bildschirm konnten es kaum glauben: Die Schweiz hatte ein Spiel gewendet, das sie früher mit Sicherheit verloren hätte.

Von Stielike zu Hodgson

Eine Wende war das «Wunder von Sofia» rückblickend für den ganzen Schweizer Fussball. Die Nati-Spieler wussten nun, dass sie siegen konnten. Zwar wurde nicht sofort alles besser, die EM-Qualifikation etwa verspielten die Schweizer im letzten Match in Rumänien, wo ihnen ein Unentschieden genügt hätte. Sie verloren mit 0:1. Als lachender Dritter reiste Schottland nach Schweden. Ausserdem trat Uli Stielike zurück, weil er lieber Klubtrainer sein wollte.

Sein Nachfolger Roy Hodgson aber führte die Schweiz an die WM-Endrunde 1994 in den USA. Seither hat sich die Nati regelmässig für grosse Turniere qualifiziert. Derzeit sieht es nicht gut aus. Umso mehr sollten sich die Schweizer vor dem Match am Samstag auf den grossen Sieg vor fast genau 20 Jahren besinnen. Vielleicht zeigt ihnen Ottmar Hitzfeld zur Einstimmung das Video des Spiels, samt Kubis unvergessenem Solo.