Rassismus-Eklat

04. April 2019 10:32; Akt: 04.04.2019 11:31 Print

Balotelli droht Bonucci, dieser krebst zurück

Die Kommentare des Juve-Spielers empörten die Fussballwelt. Nun rechtfertigt er sich über die sozialen Netzwerke.

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selbst schuld. Auch Raheem Sterling hört im EM-Qualifikationsspiel in Montenegro rassistische Beleidigungen von der Tribüne. Nach einem Tor jubelt er auf seine Weise, hinterher fordert er Stadionsperren. Beim Länderspiel Deutschland gegen Serbien werden die Manchester-City-Profis Leroy Sané (links) und Ilkay Gündogan von eigenen Fans angefeindet. Teamkollege Leon Goretzka sagte hinterher, er habe das Video davon gesehen, es habe ihn bewegt und entsetzt. Zu Rassismus über Twitter kam es nach dem Spiel zwischen Union Berlin und Ingolstadt in der zweiten Deutschen Bundesliga. Der Israeli Almog Cohen von Ingolstadt wurde in einem Tweet eines Union-Anhängers übel beleidigt. Hinterher sagte er: «Wer so redet, wer solche Ansichten hat, der hat keinen Platz in der Gesellschaft, sondern im Gefängnis.» In seiner gesamten Zeit in Deutschland habe er noch nie so etwas erlebt. Der Basler Aldo Kalulu wird während des Spiels gegen den FC Zürich mit einer Banane beworfen. Danach sagt er in einem Interview, er habe gelacht, als das passiert sei. Der Bananenwerfer stellt sich später im «Blick». Der 45-Jährige mit türkischen Wurzeln sagt, er sei kein Rassist. Fans der SSC Napoli halten Bilder ihres Verteidigers Kalidou Koulibaly hoch. Der Senegalese wurde nach einem Platzverweis gegen Inter Mailand aus der Inter-Kurve beleidigt. Nach diesem Spiel kam es zu hässlichen Ausschreitungen rund um das San Siro mit einem Todesopfer. Mehdi Benatia, damals noch Spieler von Juventus Turin, gibt nach einem Spiel ein Liveinterview, als ihn jemand aus dem Hintergrund als «Scheiss Marokkaner» beleidigt. Benatia bricht das Interview sofort ab. Der serbische Trainer des Gegners, Sinisa Mihajlovic, zeigt sich solidarisch. Er selbst sei in Italien schon oft als Zigeuner bezeichnet worden. Nur eine Woche vor dem Vorfall mit Benatia wurde der Ghanaer Sulley Muntari Opfer von rassistischen Beleidigungen. Der Pescara-Spieler verliess das Spielfeld noch vor dem Schlusspfiff und wurde dafür gesperrt. Diese Sperre wurde nach grosser Empörung aufgehoben. Die Szene ereignete sich in Cagliari. Der Brasilianer Everton Luiz wechselte im Sommer 2016 von St. Gallen zu Partizan Belgrad. Im Spiel gegen FK Rad wurde er während 90 Minuten angefeindet, der Stürmer hielt durch, nach dem Schlusspfiff brach er in Tränen aus. Heute spielt Everton Luiz in den USA bei Real Salt Lake City. Kévin Constant mit einer Banane, die ihm von Atalanta-Bergamo-Anhängern zugeworfen wurde. Der Guineer verliess nach der Aktion das Spielfeld und im folgenden Transferfenster die AC Milan und Italien. Zwischenzeitlich kam Constant bei Sion unter, heute spielt er im Iran. Nur einige Wochen vor der Banane in Bergamo flog eine solche auch in Richtung Dani Alves, Tatort Villarreal. Der Brasilianer, damals noch bei Barcelona, nahm das Ganze mit Humor und ass die Frucht, hinterher sagte er, die Banane habe ihm Energie für die nächsten zwei Eckbälle gegeben. Einer davon führte zu einem Tor. Der Eklat löste einen Trend auf Instagram aus, viele Fussballer posteten danach Bilder von sich, auf denen sie Bananen essen. In Italien steht keiner mehr für den immer noch währenden Rassismus als er: Mario Balotelli. Ob beim Nationalteam, bei Inter oder bei Milan, immer wieder musste der Stürmer Beleidigungen über sich ergehen lassen. Beim Spiel zwischen Milan und der SSC Napoli waren solche aus dem Gästesektor zu hören. Balotelli brach in Tränen aus und wurde ausgewechselt. Die beiden Ivorer Didier Drogba und Emmanuel Eboué spielten einst zusammen bei Galatasaray Istanbul. Im Derby gegen Fenerbahce sahen sie sich immer wieder mit Pöbeleien konfrontiert und wurden als Affen beschimpft. Drogba schrieb hinterher auf Facebook: «Das Einzige, was dir einfällt, ist, mich einen Affen zu nennen, obwohl du aufgesprungen bist, als mein Affenbruder zwei Tore geschossen hat?» Der Affenbruder heisst Perre Webo, ist dunkelhäutig, und erzielte in diesem Spiel zwei Tore für Fenerbahce. Die AC Milan spielt ein Testspiel gegen den Viertligisten Pro Patria. Eine Handvoll Fans beleidigt Kevin-Prince Boateng während des ganzen Spiels. Der Deutsch-Ghanaer reagiert, drischt den Ball ins Publikum und verlässt den Platz. Seine Teamkollegen tun es im gleich, Captain Massimo Ambrosini sagt, sein Team habe ein Zeichen setzen wollen. Boateng wird später UNO-Botschafter im Kampf gegen Rassismus. Die Lazio-Fans sind von ihrem Zuzug Miroslav Klose begeistert. Und zeigen das auf ihre Weise. Im Derby gegen die AS Roma halten sie ein Plakat hoch mit der Aufschrift «Klose mit uns», in Anlehnung an den Nazi-Schlachtruf «Gott mit uns». Die zwei «S» sind zudem in Runen dargestellt, wie sie die deutsche Schutzstaffel (SS) im Zweiten Weltkrieg benutzte. Der Deutsch-Pole Klose war nach der Aktion wütend und sagte, Politik und Sport sollten nicht vermischt werden. Saragossa-Spieler Alvaro versucht, Barcelonas Samuel Eto'o aufzuhalten. Der Kameruner will das Spielfeld nach rassistischen Zurufen von der Tribüne verlassen. Schliesslich wird er von Mitspielern und Trainer Frank Rijkaard überredet, weiterzuspielen.

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Die sozialen Medien haben eine ungeheure Kraft, es ist wohl nirgends einfacher, eine Menschenmasse für sich zu begeistern. Oder den Hass selbiger abzubekommen. Das gilt vor allem für Personen des öffentlichen Lebens, wie Leonardo Bonucci eine ist. Der Juventus-Verteidiger ist ins Fettnäpfchen getreten. Er gab einem 19-jährigen, dunkelhäutigen Teamkollegen die Mitschuld dafür, dass dieser Rassismus in einem gut gefüllten Fussballstadion erleben musste. Moise Kean, Italiener ivorischer Abstammung, jubelte im Spiel gegen Cagliari vor der Fankurve der Sarden, Affenlaute waren die Folge, immer wenn er, Blaise Matuidi, Franzose angolanischer Abstammung, oder Alex Sandro, Brasilianer, am Ball waren.

Die drei mussten mit den Beleidigungen von Angesicht zu Angesicht auskommen. Bonucci erfährt solche über Instagram, teils ziemlich weit unter der Gürtellinie. Man hält ihm auch den Spiegel vor, weil gerade er schon gegnerische Fans provoziert hat mit seinem Jubel. Das war vor einem Jahr, da war Bonucci zwischenzeitlich Milan-Spieler. Er erzielte ein Tor gegen Juve, sonderlich beliebt ist er bei den Tifosi ohnehin nicht mehr. Nun bricht das mittlerweile fast schon alltägliche Phänomen Shitstorm über ihn hinein.

Balotelli greift an, Sterling lacht

Dieser Shitstorm bringt die Eigenheit mit sich, dass er nicht nur von einer aufgebrachten Instagram-Meute losgetreten wurde, sondern auch von Berufskollegen. Mario Balotelli, Italiener ghanaischer Abstammung, schreibt unter einem Post von Kean: «Bonucci kann froh sein, dass ich nicht da war. Statt dich zu verteidigen, sagt er so was? Viel Liebe Bruder.» Raheem Sterling, Engländer jamaikanischer Abstammung, postet Tränen lachende Emojis und schreibt: «Alles, was du jetzt tun kannst, ist lachen.» Yaya Touré, Ivorer, sagt in einem Video, die Kommentare hätten ihn «sehr verletzt» und seien «unglaublich».

Bonucci selbst meldete sich auch. Natürlich auf Instagram bei seinen dreieinhalb Millionen Followern. Unter ein Bild, das ihn mit Kean zeigt, schreibt er: «Gestern wurde ich direkt nach dem Spiel interviewt, meine Worte wurden falsch verstanden. Vielleicht weil ich zu hastig war in der Art, wie ich meine Gedanken ausdrückte. Stunden und Jahre würden nicht genug sein, um über dieses Thema zu sprechen. Ich verurteile jede Form von Rassismus und Diskriminierung. Beleidigungen sind inakzeptabel.»

Noch kein Like von Kean.

Fussball

(mro)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Luca Pane am 04.04.2019 11:16 Report Diesen Beitrag melden

    Wird leider nicht aussterben..

    Rassismus wird in vielen Sportarten immer ein Bestand bleiben. Ich war schon an vielen Spielen in Italien dabei und die ''Ultras'' oder sonstige extremen Fans sind nich wirklich am Sport interessiert. Das witzigste ist, dass Sie den Spielern Bananen zuwerfen aber sie selbst hängen an Gittern und Stangen wie Schimpansen. Es ist wirklich Schade, dass man noch von einem Unterschied zur Hautfarbe überzeugt sein kann. Jeder der dies nicht Schade findet hat meiner Meinung nach ein ernsthaftes Problem.

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  • Herodot am 04.04.2019 12:10 Report Diesen Beitrag melden

    Opfer und Täter...

    Profi-Fussballer sind nun mal nicht die hellsten Kerzen auf der Torte. Bonucci bestätigt dieses Vorurteil, indem er nicht mal zwischen Opfer und Täter unterscheiden kann.

  • BärnerBär am 04.04.2019 11:19 Report Diesen Beitrag melden

    Schule des Lebens

    Siege aber triumpfiere nicht. Das müssen einige der 'Stars' erst noch lernen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • V Tyson am 04.04.2019 18:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Rassismus

    Rassismus hat mit Dummheit zu tun. Ein intelligenter Mensch weiss das wir alle gleich funktionieren, einfach die Charaktere sind verschieden.

  • Tim M am 04.04.2019 15:30 Report Diesen Beitrag melden

    Bisschen aufgeblasen

    Ich finde das ganz bisschen aufgeblasen. Es wird alles Mögliche aufs Spielfeld geworfen, warum ist eine Banane dann gleich als rassistisch gemeint? Klar sind Affengeräusche unterste Schublade und sollte auch bestraft werden, aber jede Banane gleich so einzuordnen finde ich übertrieben.

  • bro am 04.04.2019 14:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sport ist mord

    Die sùdlànder sind leider noch sehr rùckstàndig was das Thema angeht. Mehr polizeiprâsenz in den rângen wâre sicher nicht schlecht. Man muss einfach hart durchgreifen bei sowas.

  • Klarseher am 04.04.2019 14:25 Report Diesen Beitrag melden

    Problemchen von Millionarios

    Diese Typen verdienen Millionen von Franken im Jahr auch dank solchen pöbelnden "Fans" und jammern dann wegen sowas! Schlösse man all diese Ultras von den Spielen aus, liesse das Interesse am Fussball vermutlich allgemein nach und die Spieler würden deutlich weniger verdienen. Ob sie auf diese Kohle dann wohl gerne verzichten würden, um nie mehr beleidigt zu werden?

  • Michel del Tetto, Biel am 04.04.2019 13:54 Report Diesen Beitrag melden

    Sciacquati la bocca

    Ich habe das Spiel gesehen??? Kean wurde schon vor dem Tor systematisch ausge"buu"t und hat dann auf elegante Art, absolut anständig nur die Arme ausgestreckt. Er hat weder die Hand zum Mund noch zu den Ohren geführt. Was hätte er noch mehr tun sollen? Sich bücken und sich bei den Rassisten entschuldigen weil er schwarz ist? Wie es Bonucci getan hat, der ein systematischer Provokateur ist??? Bonucci hat als er bei Milan spielte mit dem "sciacquati la bocca" die Juve-Fans provoziert??? Ich war im Stadion und habe es dem elenden Typ nicht verzeiht. Auch den Leuten, die ihm alles verzeihen nicht.