Mediengruppe vs. Staat

27. Juni 2011 14:33; Akt: 27.06.2011 14:55 Print

Böse Gerüchte um den Abstieg von River Plate

Der argentinische Traditionsklub River Plate Buenos Aires steigt nach 80 Jahren erstmals überhaupt aus der Primera Division ab. Fans trauern – und stellen obskure Theorien auf.

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Die Ausschreitungen beim Abstieg von River Plate.

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Der 33-malige Meister River Plate Buenos Aires kam im Relegationsrückspiel gegen den Zweitligavertreter Belgrano Cordoba nicht über ein 1:1 hinaus. Das Hinspiel hatten die «Millionarios» 0:2 verloren. Kurz vor Schluss des Rückspiels, als es hoffnungslos für River aussah, stürmten vermummte Fans den Platz und gingen handgreiflich gegen die Spieler der eigenen Mannschaft vor. Erst nach zehnminütiger Unterbrechung konnte die Partie fortgesetzt werden. Doch da war schon nicht viel zu machen: River Plate, das 1986 den Weltpokal gewonnen hatte, verlor seinen ewigen Platz in der Ersten Liga. Für die Hinchas (Fans), eine unmöglich zu begreifende Tatsache.

Während auf der einen Seite der Schmerz des Fans steht, versuchen Sportanalysten die Hintergründe für die Katastrophe zu eruieren. Und tatsächlich lassen sich ein paar merkwürdige, gar verdächtige Aktivitäten im Club in den letzten Jahren nicht übersehen. Rivers Absturz habe mit einem orchestrierten Missmanagement zu tun, meint der renommierte Sportjournalist Victor Hugo Morales in einem Artikel der Tageszeitung «Tiempo Argentino». Die zwielichtigen Aktivitäten wurden zudem von den Medien vertuscht – auch das mit Absicht.

Die Regierung der Kirchners versus die Mediengruppe Clarin

In Argentinien herrscht seit der Übernahme von Cristina Kirchner an der Spitze der Regierung ein offener Krieg mit dem mächtigsten Medienkonzern des Landes, Clarín. Claríns Portfolio umfasst nicht nur die auflagenstärkste gleichnamige Zeitung, sondern auch eine Reihe von Magazinen und Internetdiensten, sowie bedeutende Radio- und TV-Sender. Unter anderem besass die Mediengruppe die Übertragungsrechte des Fussballs der Ersten Liga im ganzen Land. Was sie mehrheitlich mit Pay-TV ausnutzte.

Im August 2009 verhinderte die Regierung, dass der Vertrag zwischen dem argentinischen Fussballbund und der zur Clarín Gruppe gehörenden Firma Television Satelital Codificada verlängert wurde. Das von Kirchner lancierte Projekt «Fútbol para todos» («Fussball für alle») sorgte dafür, dass alle Fussballspiele von nun an im öffentlichen Fernsehen zu sehen waren. Fussball sollte, so die Regierung, aufgrund der mit ihm verbundenen Emotionen, ein öffentlich zugängliches Gut sein. Finanziert wurde der Kauf der mehr als 143 Millionen Franken teuren Lizenzen mit Werbeeinnahmen von der Regierung selbst. Clarín wurden – als eine Art Genugtuung – die Übertragungsrechte für die zweite Liga zugelassen.

Dass River nun in die zweite Liga gehört, sehen viele im südamerikanischen Land als eine abgekartete Machenschaft von den Clarín-Leuten. Denn was der Konzern brauchte, hat er jetzt: Ein Team, das noch vor Kurzem auf internationale Grössen wie Bayern München, AC Milan oder Real Madrid traf und eine riesige Fangemeinde hinter sich schart. Somit verdammen sie 38 Prozent der Bevölkerung – so hoch ist der Anteil an River-Fans – ihre teuren Kabeldienstleistung zu abonnieren, um ihre Mannschaft zu verfolgen – die sie trotz allem bedingungslos unterstützen werden. So treu ist der argentinische Fussballfan.

Spieler bestochen?

Die ganze Verschwörungstheorie hört natürlich nicht bei den Spielern auf. Im Mittelpunkt steht Goalie Juan Pablo Carrizo. Der Captain gehört zu den bestbezahlten Kaderspielern und wurde von den Fans nach seiner Rückkehr von Lazio Rom im Sommer 2010 erst heiss geliebt. Der «verlorene Sohn» hexte bei seinem Stammverein mehrmals, weshalb in die Anhänger zum besten River-Spieler der Apertura 2010 wählten (Halbsaison von Sommer bis Winter). Im Mai geriet der 27-Jährige aber heftig in die Kritik. Im legendären Superclasico gegen die Boca Juniors lenkte er erst den Ball selber ins eigene Tor zum 0:1 und beim 0:2 durch Martin Palermo machte der Keeper ebenfalls eine unglückliche Figur (Video unten).

Nur eine Woche später verschuldete der 27-Jährige das 1:1 gegen San Lorenzo (Video unten), wodurch er massgeblich zum Fall in die Barrage gegen Belgrano beitrug. Carrizo verabschiedete sich nach der Partie mit Tränen in den Augen von den Fans und versprach: «Es werden wieder bessere Zeiten kommen.» Es fällt aufgrund der gezeigten Emotionen schwer zu glauben, dass er seine Mannschaft wirklich «verkauft» hat. Der Torwart selbst bleibt vorläufig in Argentinien. Schon am Montag stiess er zur Nationalmannschaft, welche ab Freitag im eigenen Land zur Copa America, der Südamerikameisterschaft, startet. Die Aussichten auf einen Stammplatz sind durch den letzten Rückschlag nicht gerade rosig.

Carrizos Flops gegen die Boca Juniors

(Quelle: YouTube)

Carrizos Flop gegen San Lorenzo

(Quelle: YouTube)

Ausschreitungen nach dem Abstieg von River Plate


(Quelle: YouTube)

(kle/fox)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Phil am 27.06.2011 19:12 Report Diesen Beitrag melden

    Torwart

    der torwart tut mir leid, jeder macht fehler und erwischt mal einen schlechten tag

  • Jose Jose am 27.06.2011 17:31 Report Diesen Beitrag melden

    Fussball in Südamerika

    An alle schlauen Kommentare, geht nach Südamerika und schaut Euch ein Spiel an. Viele haben nichts ausser dem Fussball und wenn Du nichts hast kannst Du auch nichts verlieren. Soll aber keine Entschuldigung für das Verhalten sein.. aber als Verständnis!

  • m.s. am 27.06.2011 08:32 Report Diesen Beitrag melden

    Ja gibts denn das?

    Ostschweizer Verhältnisse in Südamerika. Karin Keller Sutter: Eingreifen!!!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Phil am 27.06.2011 19:12 Report Diesen Beitrag melden

    Torwart

    der torwart tut mir leid, jeder macht fehler und erwischt mal einen schlechten tag

  • Jose Jose am 27.06.2011 17:31 Report Diesen Beitrag melden

    Fussball in Südamerika

    An alle schlauen Kommentare, geht nach Südamerika und schaut Euch ein Spiel an. Viele haben nichts ausser dem Fussball und wenn Du nichts hast kannst Du auch nichts verlieren. Soll aber keine Entschuldigung für das Verhalten sein.. aber als Verständnis!

  • Bernard Berger am 27.06.2011 15:36 Report Diesen Beitrag melden

    Fussballfans?

    Wenn solch ein Traditionsverein absteigt, ist die Trauer der Fans nur mehr als Verständlich - jedoch sind solche Ausschreitungen einfach nicht zu dulden und schockierend auch Angriffe gegen die eigene Mannschaft.. und das sollen Fans sein?

  • Wolf.C am 27.06.2011 08:51 Report Diesen Beitrag melden

    Kranke Gesellschaft

    Wer nicht Verlieren kann, hat im Sport nichts zu suchen. Schande über solche sogenannte Fans !

    • D.O.M.I am 27.06.2011 10:55 Report Diesen Beitrag melden

      Mentälität

      ... "sogenannte fans"... ich wette diese FANS würden ihr leben für den club geben! Für Menschen wie uns, die keine anderen Probleme haben - ist dies vielleicht weniger nachvollziehbar.

    • Hansjörg von Weissen am 27.06.2011 13:11 Report Diesen Beitrag melden

      mehr als Sport

      Fussball ist mehr als Sport in Südamerika. Wenn du mal an einem Fussballtag dort gewesen bist, weisst du was Fussball heisst.

    • Sven P. am 27.06.2011 14:34 Report Diesen Beitrag melden

      @D.O.M.I.

      Genau, du hast recht, der Fussball als Flucht vor den eigenen Problemen und die sind gerade in Argentinien enorm. Kommt dazu, dass die Rivalität zwischen Boca Juniors und River Plate sehr weit geht. Das sind keine Fans, so wie wir Fans sind, da ist der Fussballclub meist die einzige Quelle von Zusammengehörigkeit, Euphorie, Stolz etc.

    • Hopper am 27.06.2011 14:44 Report Diesen Beitrag melden

      Im Fussball geht es nicht um Leben...

      ...und Tod, es geht um viel mehr!!!

    • ultra am 27.06.2011 15:18 Report Diesen Beitrag melden

      football is life

      Fussballfan zu sein in Südamerika ist was ganz anderes als bei uns, dort bedeutet der Verein alles!! Leute leben an der Armutsgrenze und verzichten auf den kleinsten Luxus um sich Eintrittskarten für die Spiele ihres Vereins zu sehen! das nennst du Schande?

    • DänuD am 27.06.2011 17:35 Report Diesen Beitrag melden

      Krank?

      Naja, in einer Gesellschaft wo ganze Länder zerbombt werden, nur damit sie hier genug Benzin haben, ist sowas ja noch gerade harmlos. Also erst mal alle Kriege einstellen, die nur wegen Geld losgetreten wurden und dann kümmern wir uns um die Menschen, die nichts mehr haben ausser Fussball im armen, von Monsanto zerstörten Argentinien..

    • Rollie Tayler am 27.06.2011 17:42 Report Diesen Beitrag melden

      Mehr als religion...

      Hansjörg von Weissen, Sie haben recht!.

    • Versteher am 27.06.2011 20:55 Report Diesen Beitrag melden

      Verstehen

      Nur Wolf. C hat keine Ahnung, was das für Leute sind. Ich weiss das vielleicht auch nicht, aber ich kann die Leute verstehen. Das erste Mal in der Geschichte des Clubs abzusteigen, das muss ziemlich schlimm sein.

    • Fabio Nogueira am 27.06.2011 21:10 Report Diesen Beitrag melden

      Fussball

      In der Schweiz gibt es diese "sogenannte Fans" nicht, weil hier nicht Fussball gelebt wird...FCB gege FCZ ist ein Kindergarten im Gegensatz zu Boca gege River! Was ihr Stimmung in der Schweiz nennt ist nichts zu dem was dort los ist! Informiert euch bevor ihr ein Urteil fällt, den der Fussball in Südamerika ist ein anderer als in der Schweiz...

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  • m.s. am 27.06.2011 08:32 Report Diesen Beitrag melden

    Ja gibts denn das?

    Ostschweizer Verhältnisse in Südamerika. Karin Keller Sutter: Eingreifen!!!

    • Gianni Zürcher am 27.06.2011 11:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Habt ihr genaue kentnisse?

      Ja kein problem ihr kommerziellen zuschauer könnt von weit weg wieder den kopf schüteln. Wisst ihr genau was dort geschehen ist ? Wisst ihr wie es genau zu den ausschreitungen gekommen ist? Nei! Also hauptsache einem zeitungsbericht glauben und schlecht über alle fans von riverplate denken. Ihr schmeisst alle zuschauer in einen topf ohne genauere information zu haben. Das ist das, wo ich lächerlich finde!

    • Marcel Wüst am 27.06.2011 15:14 Report Diesen Beitrag melden

      Bitte was?

      AHA! Ja in dem Fall gibt`s für dieses Verhalten eine Entschuldigung???

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