Rassismus-Eklat

03. April 2019 14:33; Akt: 03.04.2019 20:18 Print

Bonucci gibt Kean Mitschuld an Affenlauten

Der Juventus-Verteidiger sagt, sein Teamkollege sei zu 50 Prozent selbst schuld an den Affenlauten gegen ihn.

Bildstrecke im Grossformat »
selbst schuld. Auch Raheem Sterling hört im EM-Qualifikationsspiel in Montenegro rassistische Beleidigungen von der Tribüne. Nach einem Tor jubelt er auf seine Weise, hinterher fordert er Stadionsperren. Beim Länderspiel Deutschland gegen Serbien werden die Manchester-City-Profis Leroy Sané (links) und Ilkay Gündogan von eigenen Fans angefeindet. Teamkollege Leon Goretzka sagte hinterher, er habe das Video davon gesehen, es habe ihn bewegt und entsetzt. Zu Rassismus über Twitter kam es nach dem Spiel zwischen Union Berlin und Ingolstadt in der zweiten Deutschen Bundesliga. Der Israeli Almog Cohen von Ingolstadt wurde in einem Tweet eines Union-Anhängers übel beleidigt. Hinterher sagte er: «Wer so redet, wer solche Ansichten hat, der hat keinen Platz in der Gesellschaft, sondern im Gefängnis.» In seiner gesamten Zeit in Deutschland habe er noch nie so etwas erlebt. Der Basler Aldo Kalulu wird während des Spiels gegen den FC Zürich mit einer Banane beworfen. Danach sagt er in einem Interview, er habe gelacht, als das passiert sei. Der Bananenwerfer stellt sich später im «Blick». Der 45-Jährige mit türkischen Wurzeln sagt, er sei kein Rassist. Fans der SSC Napoli halten Bilder ihres Verteidigers Kalidou Koulibaly hoch. Der Senegalese wurde nach einem Platzverweis gegen Inter Mailand aus der Inter-Kurve beleidigt. Nach diesem Spiel kam es zu hässlichen Ausschreitungen rund um das San Siro mit einem Todesopfer. Mehdi Benatia, damals noch Spieler von Juventus Turin, gibt nach einem Spiel ein Liveinterview, als ihn jemand aus dem Hintergrund als «Scheiss Marokkaner» beleidigt. Benatia bricht das Interview sofort ab. Der serbische Trainer des Gegners, Sinisa Mihajlovic, zeigt sich solidarisch. Er selbst sei in Italien schon oft als Zigeuner bezeichnet worden. Nur eine Woche vor dem Vorfall mit Benatia wurde der Ghanaer Sulley Muntari Opfer von rassistischen Beleidigungen. Der Pescara-Spieler verliess das Spielfeld noch vor dem Schlusspfiff und wurde dafür gesperrt. Diese Sperre wurde nach grosser Empörung aufgehoben. Die Szene ereignete sich in Cagliari. Der Brasilianer Everton Luiz wechselte im Sommer 2016 von St. Gallen zu Partizan Belgrad. Im Spiel gegen FK Rad wurde er während 90 Minuten angefeindet, der Stürmer hielt durch, nach dem Schlusspfiff brach er in Tränen aus. Heute spielt Everton Luiz in den USA bei Real Salt Lake City. Kévin Constant mit einer Banane, die ihm von Atalanta-Bergamo-Anhängern zugeworfen wurde. Der Guineer verliess nach der Aktion das Spielfeld und im folgenden Transferfenster die AC Milan und Italien. Zwischenzeitlich kam Constant bei Sion unter, heute spielt er im Iran. Nur einige Wochen vor der Banane in Bergamo flog eine solche auch in Richtung Dani Alves, Tatort Villarreal. Der Brasilianer, damals noch bei Barcelona, nahm das Ganze mit Humor und ass die Frucht, hinterher sagte er, die Banane habe ihm Energie für die nächsten zwei Eckbälle gegeben. Einer davon führte zu einem Tor. Der Eklat löste einen Trend auf Instagram aus, viele Fussballer posteten danach Bilder von sich, auf denen sie Bananen essen. In Italien steht keiner mehr für den immer noch währenden Rassismus als er: Mario Balotelli. Ob beim Nationalteam, bei Inter oder bei Milan, immer wieder musste der Stürmer Beleidigungen über sich ergehen lassen. Beim Spiel zwischen Milan und der SSC Napoli waren solche aus dem Gästesektor zu hören. Balotelli brach in Tränen aus und wurde ausgewechselt. Die beiden Ivorer Didier Drogba und Emmanuel Eboué spielten einst zusammen bei Galatasaray Istanbul. Im Derby gegen Fenerbahce sahen sie sich immer wieder mit Pöbeleien konfrontiert und wurden als Affen beschimpft. Drogba schrieb hinterher auf Facebook: «Das Einzige, was dir einfällt, ist, mich einen Affen zu nennen, obwohl du aufgesprungen bist, als mein Affenbruder zwei Tore geschossen hat?» Der Affenbruder heisst Perre Webo, ist dunkelhäutig, und erzielte in diesem Spiel zwei Tore für Fenerbahce. Die AC Milan spielt ein Testspiel gegen den Viertligisten Pro Patria. Eine Handvoll Fans beleidigt Kevin-Prince Boateng während des ganzen Spiels. Der Deutsch-Ghanaer reagiert, drischt den Ball ins Publikum und verlässt den Platz. Seine Teamkollegen tun es im gleich, Captain Massimo Ambrosini sagt, sein Team habe ein Zeichen setzen wollen. Boateng wird später UNO-Botschafter im Kampf gegen Rassismus. Die Lazio-Fans sind von ihrem Zuzug Miroslav Klose begeistert. Und zeigen das auf ihre Weise. Im Derby gegen die AS Roma halten sie ein Plakat hoch mit der Aufschrift «Klose mit uns», in Anlehnung an den Nazi-Schlachtruf «Gott mit uns». Die zwei «S» sind zudem in Runen dargestellt, wie sie die deutsche Schutzstaffel (SS) im Zweiten Weltkrieg benutzte. Der Deutsch-Pole Klose war nach der Aktion wütend und sagte, Politik und Sport sollten nicht vermischt werden. Saragossa-Spieler Alvaro versucht, Barcelonas Samuel Eto'o aufzuhalten. Der Kameruner will das Spielfeld nach rassistischen Zurufen von der Tribüne verlassen. Schliesslich wird er von Mitspielern und Trainer Frank Rijkaard überredet, weiterzuspielen.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Ende Dezember flog aus dem Sektor des FC Zürich eine Banane in Richtung des FCB-Spielers Aldo Kalulu. Zwei Wochen davor war Raheem Sterling von Chelsea-Anhängern rassistisch beleidigt worden, das Gleiche passierte ihm im März beim Gastspiel der Engländer in Montenegro. Der Napoli-Verteidiger Kalidou Koulibaly verliess den Platz nach einer Roten Karte gegen Inter Mailand unter dem Zurufen von Affenlauten. Eine Erfahrung, die vor ihm zig dunkelhäutige Spieler machen mussten.

Und jetzt also Moise Kean. Der Mann ist 19-jährig und spielt gross auf. In seinen letzten vier Einsätzen für Juventus Turin und die italienische Nationalmannschaft schoss er vier Tore. In Italien sieht man in ihm einen neuen Mario Balotelli. Athletisch, talentiert, treffsicher. Und dunkelhäutig. Ivorischer Abstammung. Es scheint, dass sich ein Teil Italiens noch nicht daran gewöhnt hat, dass Spieler wie Balotelli, Kean, Stefano Okaka oder Angelo Ogbonna für ihr Land auflaufen. Balotelli debütierte im August 2010.

So reagierte Sterling auf den Vorfall. (Bild: Instagram)

Affenlaute nach provozierendem Jubel

Ein Teil der oben erwähnten Uneinsichtigen ist auch beim Spiel zwischen Cagliari und Juventus am Dienstagabend zugegen. Die Sarden liegen 0:1 zurück, Leonardo Bonucci hat nach 22 Minuten getroffen. Seine Rolle wird in dieser Geschichte noch wichtiger. Fünf Minuten vor Schluss erzielt Kean das 2:0, das Spiel ist entschieden. Der Jubel provoziert die Anhänger des Heimteams, weil Kean einfach nur vor ihnen steht, mit ausgestreckten Armen.

Bonucci zieht Kean weg vom Ort des Geschehens – zu spät. Während der noch ausstehenden Minuten sind Affenlaute zu hören, sie zielen auf Kean und Teamkollege Blaise Matuidi. Cagliari-Captain Luca Ceppitelli versucht, die Anhänger zu beruhigen. Matuidi postet hinterher ein Bild von sich selbst und Kean, versehen mit dem Hashtag #NoToRacism.

Bonucci und sein Glashaus

Das Geschrei aus der Cagliari-Kurve ist auch Bonucci aufgefallen. «Es gab rassistische Gesänge», sagte er in einem Interview nach dem Spiel, aber die Schuld liege zu 50 Prozent bei Kean. «Er hätte das nicht tun sollen.» Und Cagliari-Präsident Tommaso Giulini legte nach, indem er Matuidi als Dramaqueen betitelte. Weil sich dieser darüber aufregte, rassistisch angefeindet worden zu sein. Juventus-Trainer Massimiliano Allegri sagte, er habe nichts gehört, weil er sich auf das Spiel konzentriert habe.

In den sozialen Netzwerken prasselt ziemlich viel Kritik auf Bonucci ein. Der italienische Nationalspieler sagte nach dem Spiel nämlich auch, als Profi dürfe man die gegnerischen Fans nicht provozieren. Gerade von Juventus-Fans wird der 31-Jährige nun an eine Situation aus der vergangenen Saison erinnert. Im Spiel zwischen Juventus und Milan schoss ein Verteidiger der Mailänder ein Tor. Er hatte zuvor bei Juventus gespielt und jubelte vor der versammelten Juve-Kurve. Sein Name: Leonardo Bonucci.

Moise Kean seinerseits reagierte übrigens auch:

Fussball

(mro)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Dani am 03.04.2019 14:46 Report Diesen Beitrag melden

    Sizilianer??

    Cagliari ist auf Sardinien nicht Sizilien!! :-)

  • Ronald Christian am 03.04.2019 15:04 Report Diesen Beitrag melden

    Bonucci irrt gewaltig

    Bonucci irrt da gewaltig. Man darf ein Tor feiern, wie man will. Niemand hat das Recht, jemanden wegen der Hautfarbe rassistisch zu beschimpfen, egal wie die Person nach dem Tor da steht. Das ist wie, wenn eine weisse Person bei Rotlicht über den Fussgängerstreifen geht und eine dunkelhäutige Person macht die weisse Person darauf aufmerksam. Dann kann die weisse Person auch nicht austicken und die schwarze Person rassistisch beleidigen. Menschen alleine sind meistens nett, in der Gruppe zeigen viele aber plötzlich ganz andere Charakterzüge. Bonucci sollte sich entschuldigen für seine Aussage.

  • kopfschütteln am 03.04.2019 15:37 Report Diesen Beitrag melden

    tssss...

    bonucci provoziert doch selber jedes mal wenn er trifft mit seiner geste "sciaquati la bocca" (spül dein mund bevor du über juve/mich redest)

Die neusten Leser-Kommentare

  • P. A am 03.04.2019 20:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jaja

    Würde gern wissen wie viele befürworter reagieren würden, wenn sie in den Ferien aufgrund ihrer weissen Hautfarbe beleidigt würden. 95% der Weissen kennen das nicht, deshalb auch keine Einsicht. Bildung hilft und fördert, so als kleiner Tipp.

  • Verteidiger am 03.04.2019 16:49 Report Diesen Beitrag melden

    Muss sich nicht Wundern

    Wen Kean nach einem Torerfolg sollche Töne macht muss er sich nicht wundern wen das nach geäfft wird ist bei einem Skirennfahrer auch so wen er im Start haus Schreie von sich gibt wird das auch Kopiert zudem sagt Bonucci er trägt die schuld nur zu 50% er gibt ihm nicht die ganze schuld

  • Rodney McKay am 03.04.2019 16:28 Report Diesen Beitrag melden

    Selber zuwenig Wert (darum nur Fan)

    Warum "Old white Men". Die meisten dieser weissen "Männer" (ob Alt oder Jung), haben einfach Komplexe und mögen wohl nicht verkraften das die "Weissen" weltweit gesehen eine Minderheit sind. Minderwertigkeits-Komplex...

  • ooss am 03.04.2019 16:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    kal

    Der Junge Moise Kean wird schon so beschimpft. Es ist eine Schande. Rassismus ist leider weit verbreitet und so etwas, hat im Fussball gar keinen Platz. Leute die so etwas tun sollten ihr ganzes Leben lang Stadion verbot bekommen.

  • Smartboy74 am 03.04.2019 16:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Selber Schuld...!?

    Das wäre als würde man behaupten, dass wer aufreizend gekleidet ist, zu 50% selber Schuld ist, wenn es zu einer Vergewaltigung kommt.