Statement des Verbands

23. Juli 2018 16:12; Akt: 23.07.2018 16:23 Print

DFB weist Rassismus-Vorwürfe von Özil zurück

Der Deutsche Fussball-Bund reagiert auf die Abrechnung des zurückgetretenen Mesut Özil.

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Am Tag vor der Nominierung des vorläufigen WM-Kaders tauchen Fotos auf, die die deutschen Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan in London mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan zeigen. Gündogan schreibt auf sein Trikot-Geschenk: «Für meinen Präsidenten, hochachtungsvoll.» Auch Özil überreicht Erdogan ein Trikot. Der DFB reagiert pikiert, Präsident Reinhard Grindel sagt, das Duo habe sich für Erdogans «Wahlkampfmanöver missbrauchen» lassen. Gündogan erklärt via Instagram: «Es war nicht unsere Absicht, mit diesem Bild ein politisches Statement abzugeben.» Jogi Löw beruft Özil und Gündogan in sein vorläufiges WM-Aufgebot, obwohl auch er verstimmt ist. «Das war keine glückliche Aktion», sagt der Bundestrainer und kündigt ein Gespräch an. Sanktionen oder ein Verzicht auf beide seien aber «zu keiner Sekunde» ein Thema gewesen. Özil und Gündogan unterbrechen ihre Ferien, treffen in Berlin Löw, Grindel und DFB-Direktor Oliver Bierhoff zur Aussprache. Im Schloss Bellevue besuchen sie Frank-Walter Steinmeier (r.). Der Bundespräsident sagt: «Beiden war es wichtig, entstandene Missverständnisse aus dem Weg zu räumen.» Im WM-Test in Klagenfurt gegen Österreich (1:2) werden Özil und Gündogan ausgepfiffen. Thomas Müller stellt sich vor seine Teamkollegen, beide seien «ein wichtiger Teil unseres Teams. Für uns ist das Thema abgehakt.» Es sollte ein Trugschluss sein. Am Medientag im Trainingslager im Südtirol stellt sich Gündogan den Fragen ausgewählter Pressevertreter. «Einige Reaktionen haben mich getroffen, vor allem auch die persönlichen Beleidigungen», sagt er und fügt an: «Ich verstehe, dass man die Aktion nicht gut finden muss.» Özil schweigt weiter. Steinmeier äussert sich in der «Zeit» befremdet über die Foto-Aktion, sie habe ihn «ein bisschen ratlos gemacht». Ob die Spieler sich entschuldigt hätten, sei «eine Interpretationsfrage». DFB-Direktor Bierhoff versucht, die Debatte vor dem Match gegen Saudiarabien zu beenden. «Was hätten wir noch mehr machen sollen? Jetzt reicht es dann auch», sagt der Teammanager in Eppan. Bei der WM-Generalprobe in Leverkusen gegen Saudiarabien (2:1) wird Gündogan bei seiner Einwechslung ausgepfiffen. Löw reagiert getroffen, die massive Ablehnung habe ihn «geschmerzt», sagt er. Der Bundestrainer fürchtet, das Thema auch in Russland nicht loszuwerden. Gündogan twittert, er sei «immer noch dankbar, für dieses Land zu spielen». Özil schweigt. Captain Manuel Neuer verspricht Özil und Gündogan «totale Rückendeckung» der Kollegen im Nationalteam. Bierhoff versucht vor dem WM-Start, die Affäre abzuhaken und erneut Ruhe in die Thematik zu bringen. «Ich sehe nicht die Notwendigkeit, das Thema hier noch mal aufzugreifen», sagt er zwei Tage vor dem Auftaktspiel gegen Mexiko. Beim 0:1 gegen Mexiko steht Özil in der Startelf, Pfiffe sind im Luschniki-Stadion jedoch nicht zu vernehmen. Gündogan sitzt 90 Minuten auf der Bank. Das Thema Erdogan ist innerhalb der Mannschaft noch nicht durch. Die «Sport Bild» berichtet von Rissen im Team, von einer Grüppchenbildung. Es gebe zwei Lager, die vor allem in zwei Punkten sehr unterschiedlicher Meinung seien. Einerseits hinsichtlich der Nicht-Nomination von Jungstar Leroy Sané, andererseits betreffend die Erdogan-Debatte. Gerade die Bayern-Fraktion habe sich von Özil eine öffentliche Stellungnahme gewünscht, damit endlich Ruhe einkehre. Im zweiten WM-Spiel gegen Schweden muss Özil erstmals bei einem Turnier unter Coach Löw zuschauen. Gündogan wird eingewechselt, spielt aber schwach. Ein spätes Tor von Toni Kroos rettet den 2:1-Sieg. Gegen Südkorea ist Özil wieder in der Startelf, kann das 0:2 und das erstmalige WM-Vorrundenaus eines DFB-Teams aber trotz guter Leistung nicht verhindern. Gündogan ist nur Zuschauer. Sami Khedira (r.), der als Vertrauter Özils gilt, stellt die DFB-Führung in einem «Bild»-Interview bloss. Der Umgang mit «Erdogan-Gate» sei nicht richtig gewesen: «Das war ein Riesen-Thema und wurde unterschätzt, ja.» «Ich werde einige Zeit brauchen, um darüber hinwegzukommen», schreibt Özil auf Twitter über das WM-Aus. Gündogan versichert in den sozialen Netzwerken, es habe ihn «stolz gemacht, an meiner ersten Weltmeisterschaft für Deutschland teilnehmen zu dürfen». Bierhoff räumt Fehler im Umgang mit der Erdogan-Affäre ein. «Man hätte überlegen müssen, ob man sportlich auf Özil verzichtet», sagt er in der «Welt» und macht den Spieler damit zum Sündenbock. Einen Tag später rudert er zurück und meint, er habe sich falsch ausgedrückt. Was er genau hatte sagen wollen, bleibt unklar. DFB-Präsident Grindel fordert Özil zu einer öffentlichen Stellungnahme für die Zeit nach den WM-Ferien auf. Die Fans seien enttäuscht, weil sie noch keine Antworten auf ihre Fragen erhalten hätten, sagt Grindel dem «kicker». Über zwei Monate nach dem Treffen mit Erdogan bricht Özil sein Schweigen, äussert sich erstmals öffentlich zur Debatte und tritt aus der Nationalmannschaft zurück. «Schweren Herzens und nach gründlicher Überlegung werde ich wegen der zurückliegenden Vorkommnisse nicht länger für die deutsche Nationalmannschaft spielen», teilt der 29-Jährige auf seinen Profilen in den sozialen Netzwerken mit. Er kritisiert «Rassismus und fehlenden Respekt». Ausserdem greift er Grindel scharf an: «Ich äussere mich jetzt nicht wegen Grindel, sondern weil ich es will. Ich werde nicht länger der Sündenbock für seine Inkompetenz sein.» Das Bild mit Erdogan verteidigt er. Der DFB reagiert auf die Rassismus-Vorwürfe gegen Grindel. «Dass der DFB mit Rassismus in Verbindung gebracht wird, weisen wir (...) in aller Deutlichkeit zurück», schreibt der Verband in einer Stellungnahme.

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Der Deutsche Fussball-Bund (DFB) hat den Rücktritt von Mesut Özil aus der deutschen Nationalmannschaft bedauert und sich gegen dessen Anschuldigungen, die in erster Linie auf Präsident Reinhard Grindel abzielten, zur Wehr gesetzt. «Dass der DFB mit Rassismus in Verbindung gebracht wird, weisen wir (...) in aller Deutlichkeit zurück», heisst es in einer Stellungnahme (siehe unten). Der DFB hätte sich «gefreut, wenn Özil (...) weiter Teil des Teams hätte sein wollen». Der Verband «bedauert den Abschied» Özils und will seine «erfolgreiche Integrationsarbeit weiter konsequent und aus tiefer Überzeugung» fortsetzen.

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Vorausgegangen war eine Telefonkonferenz des Präsidiums mit dem im Urlaub weilenden Grindel an der Spitze. Der Verband bedankte sich bei Özil für dessen Einsatz, dafür, dass er eine Ära mitgeprägt habe, auf und gerade auch neben dem Platz. «Er hatte entscheidenden Anteil daran, dass Deutschland 2014 in Brasilien Weltmeister geworden ist.» Der DFB betonte aber auch: «Es gehört für uns als Verband auch zum respektvollen Umgang mit einem verdienten Nationalspieler, dass wir manche für uns in Ton und Inhalt nicht nachvollziehbare Aussage in der Öffentlichkeit unkommentiert lassen.»

Grindel war von Özil in dessen Rücktrittserklärung am Sonntag massiv angegangen worden. Der 29-Jährige warf dem Funktionär Rassismus vor. Aus der Politik gab es erste Stimmen, die auch Grindel zum Rücktritt aufforderten.




Fussball

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Cihocast am 23.07.2018 20:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schade um den Sport

    Die gesamte Diskussion spiegelt die Unbeholfenheit im Umgang mit Nationalismus und Integrität wieder. Es scheint als würde eine grundsätzlich politische Situation in der Asyldebatte auf den Sport übertragen und an einer einzelnen Person festgemacht. Schade, dass der ernsthafte Dialog bisher wissentlich vermieden wurde. Schade um den Sinn des sportlichen Wettkampfes, welcher hier komplett ignoriert wird.

  • HockeyFreak am 23.07.2018 17:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ....

    Die Verbände haben ja nie schuld und machen immer alles richtig. Hauptsache Sie verdienen eine Goldenase... Keine Ahnung was zwischen Ihnen noch vorgefallen ist aber wir hatten in der CH mit der Doppeladler debatte das selbe...

  • Daisydream am 23.07.2018 18:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Also wirklich

    Dass man bei jeder Situation gleich die Rassismuskeule schwingen muss, zeigt doch nur, dass wirkliche Argumente für das eigene Verhalten fehlen. Hätte er sich als Privatperson mit dem türkischen Präsident getroffen, hätte keiner was gesagt, aber in seiner Funktion als Natispieler ist das ganz was anderes.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Swissman73 am 24.07.2018 17:27 Report Diesen Beitrag melden

    Hätte der DFB doch auf seine Fans gehört

    Hätte man vor der WM das gemacht, was alle Fans des DFB wollten, nämlich aus rein sportlicher Sicht Özil und Gündogan nicht mitzunehmen, bräuchte man jetzt nicht darüber zu sprechen. Nun kommt noch der linkspolitische Input und schon sind wir wieder beim Rassismus. Vor dem Foto wurde keiner der beiden jemals ausgepfiffen. Nach dem Foto schon. Löw hat eine grosse Mitschuld, da Özil sein Liebling ist/war. Er wollten ihn unbedingt mitnehmen, obwohl er seit 5 Jahren seine Leistung nicht mehr bringt. Nochmals: Rein sportlich hatten beide bei der WM nichts zu suchen.

  • N. Dorra am 23.07.2018 21:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Neeeeeeeeeiiiiiiiiin.

    Hat mit Rassismus natürlich gaaaaaar nichts zu tun. Mit Fremdenhass sicher auch nicht, gell?

  • Chris Z am 23.07.2018 21:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wetten, dass ...

    ... Oezil nun für die Türkei spielen würde, wenn er dürfte? Erdogan hat sein Ziel erreicht und treibt den Keil zwischen den zwei Nationen noch tiefer hinein.

  • Walle am 23.07.2018 20:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Multi Kulti

    Wann wird man verstehen, dass man sich nur zu einem Land bekennen kann. Früher, als es noch keine Doppelbürger gab , gab es keine Diskussionen. Nun kann man in mehreren Ländern politisieren. Wieso soll denn ein Özil sich nicht mit Erdogan abblitzen lassen. Die Politik will das doch. Also warum so einen Aufstand?

  • Cihocast am 23.07.2018 20:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schade um den Sport

    Die gesamte Diskussion spiegelt die Unbeholfenheit im Umgang mit Nationalismus und Integrität wieder. Es scheint als würde eine grundsätzlich politische Situation in der Asyldebatte auf den Sport übertragen und an einer einzelnen Person festgemacht. Schade, dass der ernsthafte Dialog bisher wissentlich vermieden wurde. Schade um den Sinn des sportlichen Wettkampfes, welcher hier komplett ignoriert wird.