Fussballer Davide Mariani

25. Januar 2019 10:32; Akt: 25.01.2019 10:32 Print

Darum spielt ein Schweizer Profi in Bulgarien

von E. Tedesco - Nicht nur die Bundesliga macht glücklich. Das zeigt das Beispiel von Mittelfeldspieler Davide Mariani, der in Sofia aufblüht.

Statt Bundesliga spielt Davide Mariani in der Parva Liga und blüht in Sofia auf, obwohl Bulgarien nicht als fussballerische Wunschdestination gilt. (Video: 20min/Fairplay Agency Swiss)
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Es ist Transferzeit. Fussballer träumen vom Wechsel in eine grosse Liga. Davide Mariani zählte zu den grössten Talenten im Schweizer Fussball, reifte beim FC Lugano zu einem der besten Mittelfeldspieler der Super League. Seit Sommer 2018 ist der 27-jährige Zürcher weg. Er unterschrieb einen Dreijahresvertrag bei Lewski Sofia. Einem Traditionsverein zwar, mit 26 Meistertiteln die Nummer 2 hinter ZSKA (31), aber weit entfernt davon, eine Wunschdestination zu sein.

«Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, Lewski sei der Club, von dem man schon als Kind träumt», sagt Mariani im Trainingscamp auf Zypern. «Das war damals auch für mich schwer zu verstehen, mein Berater musste mich Stück für Stück überzeugen», erklärt Mariani. Er unterbrach seine Ferien und jettete für drei Tage nach Sofia. Die Eindrücke aus diesem Kurztrip reichten.

Der Präsident wollte ihn. Trainer Delio Rossi, kein Unbekannter aus der Serie A, auch. Die Tatsache, dass er um Titel spielen könne, und nicht zuletzt auch der finanzielle Aspekt überzeugten den Mittelfeldspieler. «Karriereplanung ist für mich nicht nur der Sport, sondern auch die Planung, wie ich als Mensch sein möchte. Ich kann nicht nur meine Laufbahn in Schwung bringen, sondern muss mich allein im Ausland behaupten, lerne neue Kulturen und Menschen kennen.»

Wie im Zürcher Kreis 3 oder 5

Wenn er von Sofia spricht, gerät Mariani ins Schwärmen. «Die Stadt ist im Wandel. Neben alten Häusern entstehen überall hochmoderne Gebäude. Alles ist gut organisiert und die Menschen freundlich und hilfsbereit.» Mariani lebt in einer neuen Wohnung in einem guten Quartier «ähnlich dem Kreis 3 oder 5 in Zürich» mit vielen Botschaften und kleinen Läden.

Mit Englisch kommt er im täglichen Leben gut durch. Manchmal brauche es auch Fantasie, Hände und Füsse, um sich zu erklären. Einzig bei Banken und Ämtern mit offiziellen Formularen kann es angesichts der kyrillischen Schrift schwierig werden. «Eine Vertrauensperson hilft mir bei Transaktionen auf der Bank und bei den Formularen», sagt Mariani.

In Lugano war sein Leben eintöniger als jetzt. Die Playstation hat er deshalb erst gar nicht mitgenommen. «Ich habe hier immer etwas zu tun, möchte die Zeit nutzen, um das Beste aus mir zu machen – also die beste Version von mir zu sein.» Er bilde sich weiter, durchstreife oft die Stadt und arbeite zusätzlich zu den Teamtrainings an sich und seiner Fitness. «Ich mache mir jeweils einen Wochenplan von Montag bis Sonntag, in dem trage ich ein, was ich unter der Woche erledigen will», sagt er. «So komme ich nie in Stresssituationen.»

Der traditionelle Coiffeur-Termin

Eingetragen wird auch der Coiffeur-Besuch. «Ezgjan Alioski ging in Lugano immer am Freitag vor einem Spiel zum Coiffeur und liess sich eine seiner verrückten Frisuren machen. Eines Tages habe ich ihn begleitet. Daraus ist eine Tradition geworden, die wir pflegen, obwohl er bei Leeds spielt und ich in Sofia.» Bulgarien soll keine Endstation für Mariani bedeuten. «Lewski kann auch ein Sprungbrett in eine grössere Liga sein, wenn ich meine Leistung erbringe», sagt der ehemalige FCZ-Profi, für den die Fans in Zürich sogar eine eigene Facebook-Seite unter dem Titel «Mariani zurück zum FCZ» eingerichtet haben.

Der Mittelfeldspieler gehört zum Stamm der Multikultitruppe in der Parva Liga. Er hat bisher 20 Ligaspiele (6 Tore) absolviert – trotz Turbulenzen. Ein neuer Sportchef ist schon da. Ein neuer Besitzer folgt demnächst, und seit letztem Dienstag hat Mariani mit dem 64-jährigen Bulgaren Georgi Dermendzhiev auch einen neuen Trainer. Den dritten in einem halben Jahr. Die Karten unter dem Nachfolger von Slavisa Stojanovic werden neu gemischt. Das Ziel aber bleibt: Lewski träumt vom ersten Titel seit zehn Jahren.

Mariani findet den Modus «cool»

Während das Niveau in der Super League ausgeglichener geworden sei, spielten in der Parva Liga vielleicht sieben oder acht Mannschaften oben mit, sagt Mariani. Lewski hat auf Rang 3 derzeit 10 Punkte Rückstand auf Leader Ludogorets und vier Punkte auf ZSKA Sofia. «Der Modus lässt aber hoffen, wenn die Differenz beim Playoff-Start nicht mehr als diese zehn Punkte beträgt», sagt Mariani, der Playoffs «cool» findet. «Es bleibt so bis zum Schluss spannend», sagt der 27-Jährige.

Und lässt er dann die Coiffeur-Termine aus, um sich einen Playoff-Bart stehen zu lassen? Mariani lacht: «Daran habe ich auch schon gedacht. Wir werden sehen. Wir müssen an die Vorrunde anschliessen und versuchen, jedes Spiel zu gewinnen. Ich denke, wir sind auf dem guten Weg.»

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