Der Hardturm in Trümmern

04. Dezember 2008 09:52; Akt: 04.12.2008 15:40 Print

Das Ende einer langen Sportgeschichte

von Patrick Toggweiler - Heute Morgen sind die Bagger an der Zürcher Hardturmstrasse aufgefahren. Ihr Auftrag: In den nächsten Monaten den Hardturm dem Erdboden gleichmachen. Damit verliert die Stadt nicht einfach nur ein Stadion, sondern ein Stück Schweizer Sportgeschichte.

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Das Hardturm-Stadion gibts seit dem 4. Dezember 2008 nicht mehr. Seit 1929 stand es in Zürich. 1934 brannte die Haupttribüne ein erstes Mal ab - 1968 folgte der zweite Brand. April 1967: Der GC-Spieler Toni Allemann (links) im Zweikampf mit Werner Leimgruber (FCZ). Aufgenommen im Hardturm-Stadion in Zürich beim Derby der Grasshoppers gegen den FC Zürich. 1968 kam es zum zweiten grossen Tribünenbrand. Zuvor (1957) hatte im Hardturmstadion das erste Fussballspiel unter Flutlich in der Schweiz stattgefunden und 1954 sogar WM-Partien. 1977: St. Gallens Gisinger (vorne links) und Torhüter Brühwiler versuchen am 25. Oktober 1977 im Hardturm-Stadion den Schuss des GC-Stürmers Claudio Sulser (Mitte) abzuwehren. Vielen Stars bot der Hardturm eine Heimat. Unter anderen Günter Netzer (1977 bei GC). 1978: Hinspiel im Uefa-Cup-Halbfinal zwischen GC und Bastia. Francis Montandon schiesst zum 3:2 Endstand ein. Zuvor hatten schon Heinz Hermann und Raimondo Ponte (per Elfmeter) für die Zürcher getroffen. 31. Mai 1990: GC gewinnt mit dem Trainer Ottmar Hitzfeld den 21. Meistertitel. 17. November 1993: Dominique Herr während dem WM-Qualifikationsspiel der Schweizer Nati gegen Estland im Hardturm-Stadion.Die Schweiz gewinnt das Spiel mit 4:0 und qualifiziert sich damit für die WM 1994 in den USA. 9. April 1994: Zwei Natitrainer im Hardturm: Hitzfeld (als GC-Trainer wusste er noch nichts von seinem Glück) im Gespräch mit Natitrainer Roy Hodgson, der 1999 selber GC-Trainer werden sollte. Zuletzt beherbergte der Hardturm nicht nur GC, sondern auch den FCZ: Und das erfolgreich. Der FCZ wurde 2007 ausgerechnet mit einem Sieg gegen GC im Hardturm Meister. 2006: Das letzte Natispiel im Hardturm. Die Schweiz bezwingt China mit 4:1. Stephan Studer pfeift das letzte Meisterschaftsspiel im Hardturm ab. Raul Bobadilla war der letzte Torschütze im Hardturm - in der 91. Minute. Für die GC-Fans bricht eine Welt zusammen. Danach machen die Fans Jagd auf Souvenirs. 2008: 300 Personen der Gruppe «Brotaektschen» besetzen den Hardturm. Die friedliche Aktion richtete sich gegen die Kommerzialisierung im Fussball. Und so sollte das neue Stadion aussehen. Doch wegen Einsprachen wurde die Zürcher EM-Arena für 2008 nie gebaut. 2013 wurde ein Stadionprojekt der Stadt Zürich vom Stimmvolk bachab geschickt. Nun will GC in Sachen Stadion eigene Wege gehen. Bis 2017 soll auf dem Hardturm-Areal eine privat-finanzierte Arena stehen.

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Es ist nicht mehr wie früher, als man die Abrissbirne brachial in die Mauern krachen liess. Heute wird ein Gebäude wie der Hardturm «rückgebaut». Das heisst, die Mauer wird fein säuberlich Quadratmeter um Quadratmeter ausgerissen. Und sollten da noch Aluminiumteile oder Draht herumliegen, werden diese aussortiert - eine kranfahrerische Höchstleistung. Stück um Stück wird abgetragen, bis der altehrwürdige Hardturm verschwunden ist. Das soll bereits im Frühling der Fall sein.

Von der Innovation zum Schrotthaufen

Seit 1929 stand das reine Fussballstadion im Zürcher Kreis fünf. Zwei Mal brannte die Haupttribüne nieder. Zwei Weltmeisterschaften fanden im Hardturm statt: 1954 die Fussballweltmeisterschaft. 1952 die Feldhandball-Weltmeisterschaften. Neben diesen Highlights stand das Stadion lange Zeit für Innovation: 1956 fand im Hardturm-Stadion das erste Fussballspiel unter Flutlicht auf Schweizer Boden statt. Die Schweiz spielte gegen Brasilien 1:1. Trotz diversen Tribünenergänzungen, Umbauten und Sanierungen wurde das Stadion immer mehr zum Problemfall. Bis man aufgrund baulicher Mängel die Tore für immer schliessen musste. Zum letzten Meisterschaftsspiel kam es am 1. September 2007. GC verlor gegen Xamax mit 1:2. Als finaler Torschütze im Hardturm-Stadion traf Raul Bobadilla in der 91. Minute. Danach hiess es Lichter löschen.

Heimat von GC, Heimat der Stars

Die Gebrüder Abegglen, Fredy und Thomas Bickel, Stéphane Chapuisat, Giovane Elber, Ruedi Elsener, Heinz Hermann, Kurt Jara, Marcel Koller, Viorel Moldovan, Günter Netzer, Wynton Rufer, Ciriaco Sforza, Claudio Sulser, Alain Sutter, Kubilay Türkyilmaz, Johan Vogel, die Brüder Yakin und Kugelblitz Aìlton: Sie alle spielten für den Grasshoppers Club. Für sie alle war der Hardturm die Heimat. Diese Stars sorgten dafür, dass GC mit 27 Meisterschaften unangefochtener Schweizer Rekordmeister wurde - und der Hardturm ein regelrechtes Meisterstadion. Sogar dem FCZ brachte das Stadion Glück. Als der Stadtclub ab dem Sommer 2006 für ein Jahr im Hardturm gastierte, eroberte der FCZ in derselben Spielzeit den zweiten Meistertitel der jüngeren Ära. Unvergessen auch, wie sich die Schweiz mit einem 4:0-Sieg gegen Estland für die WM in den USA qualifizierte.

Was folgt?

Das Projekt für ein neues Stadion hängt weiterhin in den Mühlen der Justiz - an einen Baubeginn gleich nach dem Ende des Rückbaus ist nicht zu denken. Was passiert mit dem neu gewonnenen Flecken Erde? Gibt es einen Parkplatz? Eine Spielwiese? Eine Gokart-Bahn? Das Stadion wird nur bis zur Bodenplatte der Tribünen rückgebaut, das Areal danach eingezäunt. Weiter geht man nicht. Sonst würde das bereits als Baubeginn des neuen Projektes gelten – und das ist es nicht.


Der ehemalige GC-Präsident Fritz Peter wird melancholisch.

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(Video: 20 Minuten Online: Mathieu Gilliand)